Der unbekannte Soldat

„Was hat Du im Krieg gemacht, Vater“ lautet der Untertitel zu Michael Verhoevens Film über die Verbrechen der NS-Armee. Nach der vielbeachteten Wehrmachtsausstellung lenkt diese dokumentarische Arbeit erneut den Blick auf die einfachen Soldaten und ihre Beteiligung am Vernichtungskrieg.

Der unbekannte Soldat

Mit 19 Millionen Angehörigen war die Wehrmacht die größte Organisation des nationalsozialistischen Regimes, sowohl administrativ wie auch aktiv war die deutsche Armee an Kriegsverbrechen beteiligt: an der Judenvernichtung, dem Mord an Zivilisten, dem forcierten Tod von Kriegsgefangenen. Was Historiker schon lange offengelegt hatten, stellte sich in den mündlich tradierten Familienerzählungen häufig anders da. „Opa war kein Nazi“ heißt treffend eine Studie, die die Heroisierung und Anekdotisierung der Kriegserfahrungen in vielen Familien der ehemaligen Landser beschreibt. Der Mythos „saubere Wehrmacht“ wurde in den fünfziger Jahren im großen Stil im bundesrepublikanischen Kino gepflegt, als – parallel zur westdeutschen Wiederbewaffnung – eine Kriegsfilmwelle mit Werken wie der 08/15-Reihe von Paul May (08/15 Teil 1-3, 1954/55), dem Das Boot-Vorläufer Haie und kleine Fische (1957) oder heroischen Krieger-Inszenierungen wie Der Stern von Afrika (1956) von tapferen Soldaten im Schützengraben, auf See und in der Luft erzählte, den Krieg als Schicksal ohne politischen Bezug beschrieb und klar machte: Die Nazis – das sind immer die anderen. Diese ahistorischen Heldenerzählungen werden bis heute regelmäßig in den Dritten Programmen versendet.

1995 bedeutete die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung einen visuellen Angriff auf diesen Mythos. Fast 1500 Bilder, viele davon private Soldatenfotos, dokumentierten Wehrmachtsverbrechen: Erschießungen, Judenmisshandlungen, lachende Landser vor aufgeknüpften Leichen – „das Fotoalbum der Deutschen“ heißt es in Der unbekannte Soldat. Regisseur Michael Verhoeven war 1997 in einen der zahlreichen Neonazi-Aufmärsche, die die Wanderausstellung begleiteten, geraten. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Medienberichterstattung bereits hochgeschaukelt, war von anfänglich positiven auf kritische bis teilweise diffamierende Positionen umgeschwenkt. Den Ausstellungsmachern wurde aufgrund einiger weniger falsch zugeordneter Bilder Manipulation, gar Fälschung vorgeworfen, CSU und NPD machten Stimmung gegen das historische Projekt – schließlich beugte sich das Institut für Sozialforschung dem Druck, zog die Ausstellung zurück und ließ sie überarbeiten. Bei der Wiedereröffnung 2001 war die Hälfte der Fotografien entfernt worden, die restlichen wurden von erklärenden Texten fast absorbiert, die lachenden Landser waren verschwunden.

Der unbekannte Soldat

Verhoeven, der sich von Die weiße Rose (1982), Das schreckliche Mädchen (1990) bis zu Mutters Courage (1995) immer wieder mit der NS-Vergangenheit beschäftigt hatte, nahm sich des kontroversen Themas an. Sein Film gibt den zurückgezogenen, den „verbotenen“ Bildern ihren Stellenwert zurück. Die Geschichte der Wehrmachtsausstellung dient ihm als Ausgangspunkt für eine Spurensuche in den Archiven und den vom Vernichtungskrieg betroffenen Ländern Ukraine und Weißrussland. Er betreibt die Beweisführung noch einmal, lässt unter anderem Überlebende, Zeugen und Historiker sprechen, zeigt verschiedene Materialien wie Ufa-Wochenschauen oder private Filmaufnahmen von Erschießungen.

Die Auswahl der Gesprächspartner ist sehr heterogen: Natürlich kommt der Leiter der Ausstellung, Hannes Heer, zu Wort, aber neben den zahlreichen Historikern trifft Verhoeven auch ehemalige Soldaten, fängt „Volkes Stimme“ auf dem Marienplatz in München ein oder lässt den Rechtsradikalen Christian Worch vor die Kamera, um dessen Worthülsen die Dokumente entgegenzustellen. Kommentierendes Mittel in Der unbekannte Soldat ist die Montage – da wird etwa mehrmals hintereinander die gleiche stille Szene wiederholt, in der ein Soldat eine Mutter von ihrem Kind trennt oder eine Interviewpassage mit Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, mischt sich mit Aufnahmen eines NPD-Aufmarsches, um den Bogen zur heutigen rechtsradikalen Bedrohung zu schlagen. Wie die antidemokratische Partei, die in Teilen Deutschlands inzwischen politisches Mitspracherecht hat, funktioniert, zeigen die Momente, in denen Verhoeven versucht, einzelne Sympathisanten zu befragen. Sofort drängen sich Aufpasser dazwischen, die unbedachte Äußerungen ihrer „Kameraden“ verhindern und auf die Kamera losgehen – aggressive Bildkontrolle.

Der unbekannte Soldat

Verhoevens Dokumentarfilm arbeitet gegen eine Vernichtung von Erinnerung. Er tut dies weder didaktisch, noch ästhetisch ausgefeilt oder dramaturgisch zugespitzt, sondern in Suchbewegungen, mit Offenheit und vielen Fragen. Obwohl einem Historiker das meiste bekannt sein dürfte, kommt viel Wichtiges zur Sprache: zum Beispiel die gezielte Gleichsetzung von Partisanen und Juden, um deren Tötung zu rechtfertigen oder die infrastrukturelle Zusammenarbeit zwischen SS und Wehrmacht während des Massakers von Babi Jar, bei dem mit 2 Tonnen Armeemunition 34.000 Menschen umgebracht worden sind. Auch gab es während des Nationalsozialismus kein einziges Urteil gegen diejenigen Soldaten, die sich geweigert hatten, Zivilisten zu töten.

Ein großes Verdienst der Wehrmachtsausstellung war es, dass vor den Bildern bislang Verschwiegenes hervorbrach – „So ist es gewesen. Ich war dabei“ bezeugten zahlreiche Einträge in den Gästebüchern. Die Wucht des ersten Tabubruchs ist vorbei, aber auch der aufklärerischen Kinoarbeit wäre viel Aufmerksamkeit zu wünschen.

 

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