Der traumhafte Weg

Heimspiel Filmfest 2016: In Angela Schanelecs neuem Film befinden sich menschliche Gesichter an der Grenze zur Ausdruckslosigkeit. Dahinter verbirgt sich eine Freiheit, die man auf den ersten Blick gar nicht erkennt.

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Es kommt auf die Perspektive an. Ein schon etwas gebrechlicher Mann (Alan Williams) und sein Sohn (Thorbjörn Björnsson) sitzen am Krankenbett der Mutter, als sich ein Gespräch über das nachlassende Sehvermögen des Vaters entwickelt. Während der Jüngere von seinem Gegenüber nur die Behinderung wahrnimmt, beharrt der Ältere auf seinen verbleibenden Fähigkeiten. Natürlich sehe er noch, meint er. Etwa wenn sich Menschen bewegen. Und Farben könne er zwar nicht erkennen, dafür aber Licht und Schatten. Was der Sohn, gezeichnet von der Überheblichkeit der Jugend, nicht erkennen will: dass sich inmitten der Einschränkungen des Alters auch die Möglichkeit befindet, anders auf die Welt zu blicken. Dieser Blick legt zwar nicht viel frei, ist dabei aber doch nah an der Erkenntnis, wie uns der Vater verrät: „Wenn ich vor dem Spiegel stehe, sehe ich einen Fleck. Ich weiß, dass ich das bin“.

Choreographie aus Körperteilen

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Dieser Moment aus Der traumhafte Weg eignet sich gut, um sich dem neuen Film von Angela Schanelec zu nähern. Denn was für den Vater eine Lebenseinstellung ist, die sich irgendwo zwischen Pragmatismus und Optimismus bewegt, ist für die Regisseurin eine bewusst gewählte Herangehensweise, durch die die Realität anders wahrgenommen wird. Das Ungewöhnliche an Schanelecs Perspektive schlägt sich in vielen künstlerischen Entscheidungen nieder. Die vielleicht auffälligste von ihnen ist, dass die Vormachtstellung, die das menschliche Gesicht im Kino genießt, in Frage gestellt wird. Die Befindlichkeit des Menschen, seine Verwundbarkeit, seine Beziehung zu sich selbst und auch zu anderen drückt sich hier deshalb nicht nur in der Mimik, sondern auch in anderen, meist reduzierten körperlichen Regungen aus. In ebenso kargen wie poetischen Einstellungen, die deutlich von der Bildsprache Robert Bressons geprägt sind, setzt Schanelec eine behutsame Choreographie aus Hinterköpfen, Füßen, Oberkörpern und vor allem Händen in Gang. In ihr manifestieren sich die zwischenmenschlichen Beziehungen des Films – mal direkt, etwa wenn eine erlösende Morphiumspritze gesetzt wird, dann wieder indirekt, wenn Geld in die Mütze eines Straßenmusikers gelegt wird.

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Dass die Bilder und Szenen in Der traumhafte Weg ungesehen wirken, hat damit zu tun, dass sie vieles, was scheinbar selbstverständlich ist, nicht zeigen. Doch obwohl sie manchmal fragmentarisch und isoliert erscheinen, sperren sie sich nicht dem Erzählfluss. Trotz der vielen Auslassungen, der Sprünge zwischen unterschiedlichen Ländern und Zeiten und den verschiedenen Protagonisten, die unvermittelt kommen und gehen, liest sich der Film auf dem Papier überraschend geradlinig. Es geht um eine junge Deutsche (Miriam Jakob) und ihren englischen Freund (der junge Mann aus dem Krankenhaus), die Mitte der 1980er Jahre ein romantisches Aussteigerleben in Griechenland führen. Ein paar Jahre später leben die beiden wieder getrennt voneinander. Während er vermutlich an seiner Drogensucht zerbricht, zieht sie nach dem Mauerfall mit ihrem Sohn nach Berlin. Fast drei Jahrzehnte danach finden wir uns schließlich in der Hauptstadt wieder und sehen, wie die Beziehung zwischen einer Schauspielerin (Maren Eggert) und ihrem Freund (Phil Hayes) in die Brüche geht. Und irgendwie geraten wir dabei auch wieder zurück zu den beiden Liebenden von früher.

Pulsierendes Bild

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Auch wenn Der traumhafte Weg eigentlich zu zerstreut und eigensinnig ist, um auf ein Thema festgenagelt zu werden, erzählt Angela Schanelec darin doch vor allem von der Zerbrechlichkeit der Liebe. Sie zeigt ihre euphorisierende und heilende Wirkung, aber auch, wie sie verletzen kann. Dabei sehen wir nie, wie sich die Figuren im Film weh tun, sondern immer nur den zweifelnden Einzelnen, der an der Unerfüllbarkeit seiner Sehnsucht leidet. Wie bitter mitunter der Blick auf die Glücksversprechen einer Paarbeziehung ausfällt, zeichnet sich auch vor dem wechselnden Hintergrund ab, vor dem Schanelec ihre Geschichte anordnet. Alles beginnt mit einer Zeit des politischen Aufbruchs im sonnigen Griechenland, setzt sich einige Jahre später mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Vertrauen in eine bessere Zukunft fort und endet schließlich in der Einsamkeit; zwischen den kalten und unpersönlichen Neubauten des Berliner Regierungsviertels.

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Doch obwohl Der traumhafte Weg mit schmerzhaften Erfahrungen und Enttäuschungen gepflastert ist, fühlt sich der Film nicht wie ein Downer an. Denn neben den ernüchternden Tatsachen verbirgt sich in den fast quadratischen Bildern von Kameramann Reinhold Vorschneider auch eine geheimnisvolle Schönheit, die sich erst mit der Dauer der Einstellungen entfaltet. Oft sind es Nebensächlichkeiten wie flatternde Haare und wippende Blätter im Wind oder die Lichtreflexion auf einer Tischkante, die das Bild pulsieren lassen. Und da wäre natürlich noch eine sich anbahnende Liebesgeschichte unter Kindern, die dem Film wieder einen Funken Hoffnung verleiht. Nachdem sich ein Junge beim Schwimmen sein lahmes Bein blutig geschlagen hat, leckt die Tochter der Schauspielerin die Wunde wieder gesund. Später hören wir im Auto das Lied der beiden  – eine kitschige Eurodance-Hymne mit dem mantraartig wiederholten Titel „You and Me“. Romantik bleibt darin auf eine ihrer Grundvoraussetzungen – die Zweisamkeit – heruntergebrochen. Den Rest kann man sich im Synthie-Gewitter selbst denken.

Nur noch ein nacktes Antlitz

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Aber kommen wir noch einmal zu den Gesichtern zurück, die Schanelec zwar ein wenig vernachlässigt, die aber trotzdem bedeutend bleiben und auch hilfreich sind, um zu erklären, was an diesem Film so besonders ist. Man kann ohne weiteres behaupten, dass sie sich an der Grenze zur Ausdruckslosigkeit befinden. Aber irgendwas verbirgt sich noch in ihnen. Eine unergründliche Melancholie, eine Nachdenklichkeit, aber auch ein entschlossenes Leuchten in den Augen, das an die Märtyrer-Darstellungen in der christlichen Malerei erinnert. So wie Schanelecs Figuren immer ein bisschen manieriert sprechen, schauen sie auch irgendwie komisch drein, so als wären sie längst nicht mehr von dieser Welt. Tatsächlich offenbart sich in den Gesichtern aber auch etwas Wahrhaftiges. Die Figuren haben sich gelöst von jenem falschen Lächeln, das man nur aus Höflichkeit aufsetzt, von den Floskeln, die man routiniert von sich gibt und überhaupt von all dem Theater, das man anderen im Alltag vorspielt. Was bleibt, ist ein Antlitz, das völlig nackt ist; reduziert auf seine emotionale Essenz und die innere Traurigkeit schamlos ausstellend.

Kurz bevor der Film zu Ende ist, sehen wir Maren Eggert bei einem Interview mit einem Journalisten das so frappierend ehrlich ist, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sich irgendjemand zu irgendeinem Anlass derart entblößen würde. Aber genau diese vermeintliche Unglaubwürdigkeit ist der Kern von Schanelecs Werk: Es zeigt eine Version der Wirklichkeit, die nur deshalb so stilisiert wirkt, weil sie von all den Verstellungen und Trugbildern, die unser Leben bestimmen, befreit ist – sogar die Berliner Busfahrer sind in Der traumhafte Weg nett. Dass die Bildsprache manchmal streng wirkt und die Bewegungen der Schauspieler etwas hölzern, legt eigentlich den Schluss nahe, dass die Figuren gefangen im Formalismus sind. Doch tatsächlich sind sie auf so ungewohnte Weise frei, dass man diese Freiheit auf den ersten Blick gar nicht erkennt.

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