Der Traum

We shall overcome – vor 40 Jahren war das der Traum einer ganzen Generation. Vom Kampf gegen die Spießer erzählt der dänische Kinder- und Familienfilm Drømmen. Wie er ausgeht, bleibt spannend bis zum Schluss.

Der Traum

Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King hatte einen Traum: Alle Menschen sind frei. Sie haben dieselben Rechte, unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Das war 1963. Sechs Jahre später träumten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt davon: Dass Freiheit mehr sein sollte als ein Wort, dass ein neues Lebensgefühl das autoritäre Establishment einfach wegpusten würde. Wie es zuging in den fünfziger und sechziger Jahren, und was die 68er antrieb, lässt sich aus heutiger Sicht kaum nachvollziehen. Viele der damals ersehnten individuellen Freiheiten sind längst selbstverständlich. Zeit also für Geschichtsunterricht auf der Leinwand.

Im Februar kam Das Wilde Leben (2007) in die Kinos. Der Film von Achim Bornhak über das Leben der 68er-Ikone Uschi Obermeier und ihre persönliche sexuelle Revolution setzte vor allem auf Oberflächenreize. Jetzt folgt hierzulande Der Traum (Drømmen, 2005) vom dänischen Regisseur Niels Arden Oplev. Der Kinder- und Familienfilm schürft ein ganzes Stück tiefer nach den tatsächlichen Verhältnissen der damaligen Zeit. Er tut es auf kindgemäße Art, mit klarer Trennung von Gut und Böse und einem überaus leidensfähigen Helden. Was den Film für junge Zuschauer attraktiv macht, verlangt von Erwachsenen eine gewisse Kitsch-Toleranz.

Der Traum

Oplev erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive des 13-jährigen Frits (Janus Dissing Rathke). Der gerät an seiner neuen Schule ins Visier von Direktor Lindum Svendsen (Bent Mejding), einem autoritären Zwangscharakter mit sadistischen Neigungen. Wegen einer Lappalie reißt der Schulleiter dem Jungen halb das Ohr ab. Die Eltern und der neue, antiautoritär gesinnte Lehrer Freddie Svale (Anders W. Berthelsen) fordern eine juristische Untersuchung. Trotz der damals üblichen körperlichen Züchtigung ist Svendsen dieses Mal zu weit gegangen. Doch der Mann hat Beziehungen, sein Machtsystem schert sich wenig um Rechte von Untergebenen. Es beginnt ein Kampf zwischen David und Goliath.

Dieser wird geradlinig und spannend erzählt, mit klar herausgearbeiteten Höhepunkten und ein paar überraschenden Wendungen. Das Drehbuch stellt dem Bauernsohn Frits und seiner Familie den jungen Lehrer an die Seite. Mit ihm erleben Frits und die Zuschauer die Aufbruchsstimmung der 68er, ihre Musik und ihre Idole. Freddie ist zum Beispiel der Einzige, der dem Jungen die Haare schneiden darf. Die sind zwar nicht so lang wie Freddies eigene, outen Frits jedoch als Anhänger der Protestbewegung. Wegen des Verbandes über der stark blutenden Ohrwunde ist der Blondschopf an der einen Seite bereits abrasiert. Freddie verbindet nun das Nötige mit dem Rebellischen und macht aus Frits den ersten Punker der Pop-Geschichte: an den Seiten alles weg, oben lang und wild verstruwwelt. Ebenfalls mit optischem Witz in Szene gesetzt: Wie der Lehrer mit der Klasse im Musikunterricht zu rocken anfängt und die „Negermusik“ den spießigen Direktor zur Weißglut treibt.

Der Traum

Es passiert so einiges in diesem Sommer 1969. Der Film vermittelt vor allem in den Landschaftsszenen auf den Feldern und am Meer ein erhebendes Freiheitsgefühl: Nach dieser Revolte wird nichts mehr so sein wie zuvor. Davon gibt auch die freundschaftliche Beziehung zwischen Frits und seinem psychisch gefährdeten Vater eine Ahnung. Die ist für damalige Zeiten ungewöhnlich gleichberechtigt. Die Episoden um den inneren Kampf und Zusammenhalt zwischen Vater, Mutter und Sohn machen den Streifen zu mehr als einem reinen Kinderfilm mit Erwachsenbegleitung.

Im letzten Filmdrittel verweben sich die Handlungsstränge immer stärker. Sie spitzen sich zu im Kampf gegen den schmierigen Schulleiter. Dabei hagelt es moralische Botschaften. Frits benennt sich nach seinem Vorbild Luther King in Martin um. Er zettelt eine gewaltfreie Aktion gegen den prügelnden Direktor an und steigert sich zum moralischen Helden von märchenhaftem Format. Es reicht nicht, dass er dem Schläger immer wieder die andere Backe hinhält. Er muss auch noch stärker sein als Vater und Lehrer zusammen. In solchen Momenten verschwinden - zumindest für erwachsene Augen – die durchaus vorhandenen Zwischentöne hinter dem alles beherrschenden Gut-Böse-Schema.

Der Traum

Regisseur Niels Arden Oplev war im Jahr 1969 acht Jahre alt. Er hat sich in seinem dritten Kinofilm stark von seinen eigenen Erinnerungen an diese Zeit leiten lassen. Ein Großteil der Geschichte und die Züge der Charaktere sind von realen Erlebnissen beeinflusst. Der Schluss jedoch ist offensichtlich mehr dem Bedürfnis des Kinderfilms nach starken Helden geschuldet. Martin Luther King hatte einen Traum, Frits Traum wird Wirklichkeit. Aber selbst die legendäre Rockband Ton Steine Scherben sang: Der Traum ist aus.

 

Kommentare


christine Simkovics

Das ist mein absouluter Lieblingsfilm. Der erste mal als ich ihn sah, weinte ich eine volle Stunde. Ich schaue ihn mir immer wieder an. Inhaltlich das Thema des Machtmissbrauchs durch chauspielerische Höchstleistungen und insgesamte filmische Umsetzung auf höchsten Nivou.


dcdrole

Der Schluß ist toll!Finde ich als "Erwachsener".Der Traum von einer Schule ohne Prügel ist ja nun wirklich wahr geworden.
Absolut empfehlenswerter Film!!






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