Der Tintenfisch und der Wal
New York City, Mitte der Achtziger Jahre: die Teenager Walt und Frank finden ganz unterschiedliche Wege mit der Scheidung ihrer Eltern umzugehen. Mit Witz inszeniert Noah Baumbach die tragikomische Geschichte seiner eigenen Jugend.

Noah Baumbach beginnt Der Tintenfisch und der Wal mit einem Familien-Tennismatch: Vater Bernard Berkman (Jeff Daniels), Schriftsteller mit nachlassendem Erfolg, und sein 16jähriger Sohn Walt (Jesse Eisenberg) gegen Mutter Joan (Laura Linney), Schriftstellerin mit wachsendem Erfolg, und den 12jährigen Frank (Owen Kline). Während Joan sich bemüht, den Ball im Spiel zu halten, geht es Bernard nur darum, seine Frau zu besiegen, sie gar mit dem Ball zu treffen. Die beiden Jungs werden fast gar nicht angespielt. Versteckter Neid, unausgesprochene Eifersucht auf den Erfolg des Ehepartners: Emotionen kochen hoch, ohne dass sie ausgelebt werden. Kurze Zeit später eröffnen die Eltern den Kindern, dass sie sich trennen werden.
Tennis zieht sich als Metapher durch den Film, nicht nur weil es eine der populärsten Sportarten der späten Siebziger und Achtziger Jahre war, der Zeit also, in der Regisseur Noah Baumbach seinen Film ansiedelt. Tennis ist ein Einzelgängersport, in dem selten, allerhöchstens im Doppel eine Art Gruppengefühl entstehen kann. Ziel ist es, den kleinen gelben Ball möglichst geschickt über das Netz zu spielen, entweder so, dass, wie zum Beispiel bei familiären Freizeitspielen, ein ausgewogenes Miteinander entsteht und der Ball lange hin und her geschlagen wird, oder man versucht ihn – zwecks Punktgewinn – so zu platzieren, dass das Gegenüber ihn mit seinem Schläger nicht mehr erreichen kann. Baumbachs Film mutet manchmal wie ein Tennismatch an – nur dass bei den Berkmans Worte über ein unsichtbares Netz geschleudert werden. Sprache, die für Joan und Bernard das Werkzeug ihres Berufs, der Schriftstellerei, ist, wird nicht zur Kommunikation genutzt, sondern als Waffe gebraucht. Wie in dem Anfangsspiel gehen ihre Matches auf Kosten der Söhne, die das Spiel mit der Sprache (noch) nicht beherrschen und andere Ventile für ihre Wut finden müssen. Während Frank beginnt, Alkohol zu trinken und Schimpfworte auszuteilen, wächst Walts Ablehnung gegenüber seiner Mutter in dem Maß, in dem seine kritiklose Verehrung für seinen Vater zunimmt.

Dabei erinnert die Art der Dialogführung manchmal an Woody Allens tragikomische Entlarvungsreden und manchmal an die skurrilen verbalen Annäherungsversuche aus Wes Andersons Filmen. Letzteres zumindest ist nahe liegend, war der New Yorker Baumbach doch am Drehbuch von Andersons letztem Werk Die Tiefseetaucher (The Life Aquatic with Steve Zissou, 2004) beteiligt und wird auch an dessen nächstem Filmprojekt als Autor mitwirken.
Der Tintenfisch und der Wal basiert auf Baumbachs eigener Biographie, dem Durchleben der Trennung seiner Eltern. Bei der Verhandlung eines solch persönlichen Themas hätte der Film leicht zu einem rührseligen, privaten Melodram oder einer mit Schuldzuweisungen gespickten Auseinandersetzung mit den bösen Eltern werden können. Baumbach jedoch gelingt ein ausgeglichenes, humorvolles Porträt einer Familie, die einen Weg finden muss, mit ihrem Zerfall fertig zu werden. Alle Charaktere werden mit schlechten und guten Seiten dargestellt. Es ist Jeff Daniels großer Verdienst, dass er Bernard, der vielleicht unsympathischsten Figur des Films, angenehme Momente abgewinnt und Verständnis für ihn weckt. Zusammen bilden die Schauspieler ein starkes Ensemble, dessen Spiel eine anrührende Intensität besitzt.

Die unruhige Aufnahme mit Handkamera gibt dem Zuschauer das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein und verwehrt ihm doch gleichzeitig das emotionale Mitleiden. Das hektische Bild lässt dem Betrachter keine Zeit, sich ganz auf die diffizilen Gefühle der Protagonisten einzulassen. Anders als in den Tränenseeligen Hollywood-Scheidungsmelodramen wie Kramer gegen Kramer (Kramer vs Kramer, 1979) geht es Baumbach in seinem Film nicht primär um die Erkundung der Emotionen seiner Hauptfiguren, sondern um den Entwurf des komplexen Porträts einer Familie, die lernen muss, mit der Trennung des Elternpaares fertig zu werden.
Der Titel Der Tintenfisch und der Wal bezieht sich auf eine plastische Darstellung eines einen Wal umklammernden Riesentintenfisches im New Yorker Museum of National History. Gezeigt wird so der Kampf zweier ungleicher, aber gleich starker Meeresgiganten, der tödlich enden kann. Solange sie aber noch miteinander ringen, sind sie lebendig, gibt es die Möglichkeit zum Überleben Beider. Am Ende von Baumbachs beeindruckendem Film, der auf mehreren amerikanischen Filmfestivals ausgezeichnet wurde, darunter mit dem Directors Award (Regie) und dem Waldo Screenwriting Award für das beste Drehbuch beim Sundance Film Festival, betrachtet Walt die Plastik alleine im abenddunklen Museum und erkennt, dass es im Kampf seiner wortgewaltigen Eltern kein Opfer und keinen Täter gibt, nur zwei ungleiche, aber gleich starke, ebenso kluge wie verletzliche Menschen, die sich bemühen im unübersichtlichen Ozean ihres Lebens zu überleben.
Filmkritik von Meike Stolp
Veröffentlicht am 01.03.2006
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Film-Angaben
Titel: Der Tintenfisch und der Wal
Originaltitel: The Squid and the Whale
USA 2005
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach
Produktion: Wes Anderson, Peter Newman, Charles Corwin, Clara Markowicz
Darsteller: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg, Owen Kline, Anna Paquin, William Baldwin
Kinostart: 11.05.2006
DVD-Angaben
Titel: Der Tintenfisch und der Wal
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Italienisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Italienisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 77 Minuten
Extras: kein Bonusmaterial
Verleih ab: 07.11.2006
Verkauf ab: 05.12.2006
Copyright Der Tintenfisch und der Wal
Fotos: Sony Pictures
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