Der Strache-Rap

Wahlvideos in der Kritik: Der österreichische Rechtspopulist Heinz-Christian Strache macht klangvollen Wahlkampf und rappt über die Abschaffung der Demokratie, auf die er sich beruft.

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Das Bekenntnis zur Freiheit der Kunst gehört zum demokratischen Gehabe der österreichischen rechtspopulistischen FPÖ. Der Kopf dieser fremdenfeindlichen Truppe, Heinz-Christian Strache (liebevoll „HC“ genannt – eine Buchstabenkombination wie vorgekaut für das affirmativ-wütende Skandieren seiner Fans: „HaZäh-HaZäh-HaZäh“), macht, so betont er selbst, vor jeder Wahl von dieser Freiheit Gebrauch und reichert, der Grenzenlosigkeit ästhetischer Möglichkeitsräume entsprechend, seine ausländerfeindlichen Parolen mit etwas Rhythmus an: der sogenannte Strache-Rap. Und weil gute Propaganda auf alle Sinne zielt, werden diese Hörerlebnisse auch gleich im Videoclip-Format angespült. Seit dem 24. September gibt es eine Neuauflage dieses Strache-Raps;

gerade zur richtigen Zeit: Noch weit genug entfernt von der Wiener Landtagswahl am 11. Oktober (noch kann die virale Verbreitung auf (Jung-)Wähler wirken) und nah genug dran, dass der Virus bis dahin noch in den Ohren sitzt. Über diese ästhetischen Grenzgänger lassen sich – nicht nur angesichts der anstehenden Wahlen – einige Worte verlieren, sobald man zur Sprache zurückgefunden hat.

Die Freiheit(lichkeit) der Kunst

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Zu Beginn des Jahrtausends schaffte es die FPÖ in die Regierung; damals stellte Christoph Schlingensief einen Baucontainer vor die Wiener Staatsoper, in den er Ausländer unter dem Banner der Partei einsperren ließ. Diese Ausländer konnte man nicht nur besichtigen, sondern auch mittels volksentscheidlicher Telefonanrufe aus dem Land wählen. Im Österreichischen Rundfunk äußerte sich die damalige Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner der Wiener FPÖ empört bis cholerisch: Schlingensief betreibe politische Agitation, und die habe schlicht und ergreifend nichts mit einer Freiheit der Kunst zu tun. 2013 ließ sich Unterreiner dann für den Strache-Rap abfilmen. Schäbig ins Parteiornament gequetscht, klatscht sie bestenfalls im Rhythmus und schwingt die Hüften zu Strophen wie: „Für unsere Familien gibt’s mehr Geld, statt Zuwanderung aus aller Welt.“ Die Frage, wo die Kunstfreiheit aufhört und wo die Hetze anfängt, ist, müht man sich in die Perspektive der FPÖ, gut aufzulösen. Zwei Ansätze erscheinen da vielversprechend: Man betreibt offenkundig Ironie, man singt etwas schief oder webt ein bisschen 007-Melodie in die Komposition – oder, und das erscheint um einiges vielversprechender, man denkt die Freiheit der Kunst als Freiheitlichkeit der Kunst: Ganz dem nationalistischen Interesse angemessen, verfügt dann der über die Grenzen der Ästhetik, der sich die staatliche Souveränität sichert. Die Freiheitlichkeit der Kunst erlaubt dem Bösen, sich zu manifestieren, solange es nicht von außen hereinbricht. Schlingensief sei aus dem Ausland eingekauft – auch das war 2000 ein Kernargument der Unterreiner.

Der ästhetisch Aufgeklärte ist der Gutmensch

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Die Strache-Raps, nimmt man sie ernst als Produkte, die aus den Möglichkeitsräumen der Kunst hervorgehen, schlagen nicht nur dem ästhetisch Aufgeklärten ins Gesicht – ästhetische Erziehung, es ließe sich an Schiller denken oder auch an Kant, visiert schließlich humanistische Ideale an, genau solche, die der FPÖ verdächtig erscheinen oder vor denen sie erzittert: Das Feindbild „Gutmensch“ findet sogar in den Titel des neuen Strache-Raps „Good Men(sch)-Rap“. Sie legen außerdem ganz explizit offen, wie antidemokratisch diese Staatssouveränität funktionieren wird, nach der der HaZäh giert. Der Pluralismus ist ihr erstes Opfer: Unisono skandiert man die Initialen des Volksverführers; unisono interpretiert der FPÖ-Männerchor – untersichtig ins Bild gesetzt, als stünde er Gottes Wort besingend auf einer Kirchenempore – die Zeile über den Fortbestand Österreichs im Strache-Rap „Patrioten zur Wahl“ von 2014. Der HC selbst – ein Motiv, das sich gleich durch mehrere Videos zieht – wandelt schutzengelhaft über die Dächer von Wien. Er ist der Souverän über den Raum, keine Decke mehr eingezogen zwischen ihm und dem Himmel. In „Patrioten zur Wahl“ nimmt er einmal eine junge Frau mit aufs Dach; er streckt die Hand aus, zeigt der Praktikantin sein Reich von oben. Sie darf auch mit ins Studio, darf ins Mikrofon rappen – ihre Stimme hört man nicht.

Die Räume und die Körper

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„Steht auf, wenn ihr für HC seid!“, der Rap von 2013, hat dieses Moment schon verabsolutiert. Die Strophen, die der HC rappt, werden seinen Parteifreunden, jenen, die nur in Innenräumen, das heißt, Räumen, die oben zu sind, agieren, in den Mund gelegt. Allesamt bewegen diese HC-Apostel nur die Lippen. HC spricht aus allen Körpern, verteilt sich über alle Körper – faschistoider lässt sich ein Gottesgnadentum nicht einfärben, höchstens noch durch eine konsequentere Ornamentik, eine säuberlichere Symmetrie, zu der sich alles, was nicht HC ist, sortiert: Cheerleader, die, bewegungslegasthenisch zwar, aber dem absolutistischen Kalkül restlos unterworfen, die Bühne nicht bespielen, sondern bereiten.

Die ästhetisch vermittelte Lüge

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Im neuen Clip hat sich HC aus der Welt zurückgezogen, er hat nun seinen Sohn gesandt, einen sogenannten MC Blue, Verkünder der blauen Lehre. HC sieht die Welt durch ein Tablet, hebt den Daumen, grinst zufrieden. Zu seiner eigenen Schöpfung, dem „Good Men(sch)-Rap“, in Distanz getreten, erklärt er sich nur umso mehr zum Götzen. All das macht sich ästhetisch geltend: Fantasie dieser freiheitlichen Wirklichkeit; unsubtiler geht es kaum, das ist klar! Insofern sich diese Widerwärtigkeiten aber in den Geist der Freiheit der Kunst stellen, öffnen sie sich auch schutzlos ihrer Kritik, die an dieser Freiheit partizipiert. Allem, was je derart ästhetisch codiert war, wohnte der unterdrückende Impuls gegen die Kritik schon inne. Stünde Straches Selbstverständnis seiner Hetze von Anfang an im Zeichen der Propaganda, die sie unübertroffen ist, wäre sie harmloser. Erst die Berufung auf die Kunst und die Freiheit, in der sie steht, täuscht über die wirklich fatale Lüge hinweg, nämlich die, dass im Strache-Staat, in der Strache-Stadt, ein demokratischer Sinn anzutreffen sei. HC hat sich bisher zum Glück noch nie ins ersehnte Amt gerappt. Man muss hoffen, dass das auch so bleibt – wohl nicht unbedingt an erster Stelle, aber auch im Namen der Kunst.

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