Der Soldat von Oranien

Eine Gruppe junger Männer gerät während des Zweiten Weltkrieges zwischen alle Fronten. Paul Verhoevens Der Soldat von Oranien erzählt eine vielfach reflektierte Geschichte des niederländischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzung.

Der Soldat von Oranien

Zu Beginn, noch vor der Titelsequenz, zeigt uns der Film Bilder der Ankunft der niederländischen Königin Wilhelmina in ihrer Heimat. Sie kehrt am Ende des Zweiten Weltkrieges, von ihrem persönlichen Adjutanten begleitet, aus dem britischen Exil in ihre Heimat zurück und wird von dem Volk begeistert empfangen. Die kontraststarken Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind im Stil originaler Nachrichtenbilder arrangiert, doch der größte Teil dieses Materials wurde vom Regisseur mehr als dreißig Jahre nach dem historischen Ereignis nachgestellt – mit Andrea Domburg als Königin und Rutger Hauer als ihrem Adjutanten Erik Hazelhoff Roelfzema.

Am Ende des Films wird Der Soldat von Oranien (Soldaat van Oranje) diese Szene ein zweites Mal mit denselben Schauspielern nachstellen. Diesmal ist der fiktionale Modus der Sequenz durch den Gebrauch zeitgemäßen Farbmaterials von Anfang an ausgestellt. Das historische Faktum wird Teil einer herkömmlichen Spielfilmnarration und untergräbt dadurch auch den ohnehin nur scheinbar dokumentarischen Status der Eingangssequenz. Gleichzeitig zerstört diese Rahmung die Illusion eines unmittelbaren Zugriffs auf Vergangenheit, denselben Authentizitätsmythos, dem sich ein Großteil der Historienfilme – in besonderem Maße in Deutschland der letzten Jahre – zur eigenen Legitimation so gerne verschreibt.

Der Soldat von Oranien

Zwischen dieser Klammer, die rückwirkend den erzählerischen Gestus des gesamten Films in Frage stellt, entfaltet sich ein zweieinhalbstündiges Drama epischen Zuschnitts. Basierend auf den Erinnerungen des historischen Erik Hazelhoff Roelfzema erzählt Der Soldat von Oranien (Soldaat van Oranje) die Geschichte einer Gruppe junger Männer, die sich auf der Universität Leiden kennenlernen. Unter diesen gewinnt innerhalb des Films neben Erik vor allem der etwas arrogante, aber ehrliche Guus LeJeune (Jeroen Krabbé) an Profil. Zu Beginn ihres Studiums müssen sie sich wie alle Neulinge einer Art bizarren Aufnahmeprüfung in die Studentenschaft unterziehen, in deren Verlauf sie durch verschiedene Rituale gedemütigt werden. Die Prozedur nimmt eine unvermutete Wendung, als ein älterer Student einen der Neuankömmlinge mit einer Suppenschüssel blutig schlägt. Bereits hier gerät die althergebrachte Ordnung langsam aber sicher außer Kontrolle.

Und bald darauf werden die Freunde vom Einbruch des Zweiten Weltkrieges überrascht. In den Niederlanden begann dieser Krieg am 10. Mai 1940 und endete bereits fünf Tage später mit der bedingungslosen Kapitulation. Konsequenterweise handelt auch Der Soldat von Oranien diese vernichtende Niederlage in einer knapp zehnminütigen Episode ab, in welcher absurde Situationskomik und verstörende Gewaltdarstellung unvermittelt nebeneinander stehen. Ohne Ankündigung kommt ein durch eine Explosion vom Körper abgerissener Fuß ins Bild. Doch der Kameraschwenk behandelt das blutüberströmte Körperteil mit derselben Gleichgültigkeit wie die umliegenden Straßen und Häuser. Nach einem harten Schnitt ist die Episode – und der zweite Weltkrieg – beendet.

Der Soldat von Oranien

Der Rest des Films verfolgt das Schicksal der einzelnen Figuren nach der Kapitulation. Eriks Freund Alex (Derek de Lint) schließt sich den Faschisten an, einige versuchen, sich der Politik abzuwenden und gehen ins innere Exil, nicht alle werden die folgenden Jahre überleben. Im Zentrum steht jedoch die Geschichte von Erik und Guus, die sich dem niederländischen Widerstand anschließen. Nach der rüden und äußerst heterogenen Anfangsphase des Films, in der sich nur mühsam eine kohärente Narration etabliert, wechselt der Regisseur Paul Verhoeven nach einer guten halben Stunde die Tonlage. Im Folgenden entfaltet sich ein konsequent durchexerzierter Agentenfilmplot, der den historischen Diskurs in gernrefilmaffinen Stilmitteln verpackt.

Die Umsetzung erinnert hier an Jean-Pierre Melvilles Armee im Schatten (L´Armée des ombres, 1969), einen anderen großen Film über die Widerstandsbewegung gegen eine nationalsozialistische Okkupation. Wie bei Melville führt auch im Falle von Der Soldat von Oranien gerade die offensichtliche Stilisierung und Personalisierung der geschichtlichen Ereignisse dazu, dass der Film keine euphorische Affirmation des Befreiungskampfes vornimmt. Nie identifiziert Verhoevens Werk Erik und Ruud oder den Rest der Widerstandsbewegung mit der Masse des niederländischen Volkes. Dieses taucht erst ganz zum Schluss wie aus dem Nichts auf, während der triumphalen Rückkehr der Königin. Die konsequente Ausblendung der sozialen Totalität verhindert eine Instrumentalisierung des Filmes für ein nationalistisches Projekt und problematisiert gleichzeitig das Geschichtsverständnis einer ganzen Nation. Auch innerhalb der Narration verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, ohne freilich ganz zu verschwinden. Dass beispielsweise Alex mit den Besatzern kollaboriert, scheint ihm weder der Film noch Erik sonderlich übel zu nehmen.

Der Soldat von Oranien war 1977 mit einem Budget von 2,5 Millionen Dollar der teuerste niederländische Film aller Zeiten. Mit diesem Weltkriegsepos bewies Paul Verhoeven bereits in den siebziger Jahren, wie Subversion im Blockbusterformat aussehen kann.

 

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