Der Schaum der Tage

In einer Adaption des Sprachspielers Boris Vian zaubert Michel Gondry einen organischen Film, der dem Dekor beim Leben und der Liebe beim Sterben zuschaut.

Der Schaum der Tage 03

Irgendwie schien es immer nur eine Frage der Zeit, bis Michel Gondry, der Fantast des filmischen Bildes, ein Werk von Boris Vian, dem Fantast der französischen Sprache, verfilmen würde. Der Schaum der Tage (L’écume des jours) ist die surreale und zugleich poetische Geschichte des jungen Idealisten Colin (Romain Duris), der sich in Chloé (Audrey Tautou) „auf eine Melodie von Duke Ellington“ verliebt. Ihre idyllische Ehe schwenkt in Bitterkeit um, als Chloé an einer Seerose erkrankt, die in ihrer Lunge wächst. Um die ärztliche Behandlung zu bezahlen, muss Colin in einem beklemmend-bizarren Paris immer absurdere Arbeiten annehmen, während ihre Wohnung verfällt und ihr Freundeskreis auseinanderbricht.

Der Schaum der Tage 07

Vielleicht aus zu viel Ehrfurcht vor einem Werk, mit dessen Verfilmung er lange kokettiert haben muss, respektiert Gondry Boris Vians Roman (fast) Satz für Satz. Und veranstaltet ein frenetisches visuelles Feuerwerk, in dem er jede mögliche metaphorische Zündschnur, die der Originaltext bietet, ansteckt. Enthusiastisch bemächtigt er sich Vians zahlreicher sprachlicher Einfälle und bebildert sie mit allerlei grafischen und filmischen Spielereien. Die gelungensten Einfälle sind die, bei denen Gondry Boris Vians Sprachspiele in genuin filmische Sprach-Bild-Spiele übersetzt. Als der Satz „Le temps est partagé“ fällt, teilt er das Bild in einem Split Screen in eine Regen- und eine Sonnenhälfte: Der Satz kann im Französischen „Das Wetter ist wechselhaft“ oder eben auch „Das Wetter ist geteilt“ heißen.

An die Stelle von Vians poetischem Text „[Eine kleine rosa Wolke] umhüllte sie. In ihrem Inneren war es warm und es roch nach Zucker und Zimt“ setzt Gondry das Bild einer wolkenförmigen Karussell-Gondel, die, an einem Kran aufgehängt, das Protagonistenpaar über die Pariser Hausdächer fliegt. Das ist, nun ja: eigenwillig und deutlich weniger überzeugend.

Der Schaum der Tage 08

In die Gestaltung des surrealen, im Filmverlauf zunehmend beklemmenden Dekors hat der Regisseur sehr viel kreative Energie investiert. Seine altmodische, um nicht zu sagen archaische Art des Filmemachens, die nicht etwa in den digitalen Trickkasten, sondern zu den Methoden der Augsburger Puppenkiste greift, erweckt aus Plastilin und Wolle fabrizierte Requisiten zum Leben. Ob Nahrungsmittel, Haushaltsgerät oder Auto, alles atmet und lebt in Der Schaum der Tage und ist einem großen organisch-biologischen Verfall ausgesetzt, der auch aus dem Film sukzessive die Farbe nimmt. Das schleichend verrottende Dekor stellt die große Metapher für Cloés Siechtum dar.

Irgendwann aber bleibt die Poesie bei Gondrys Stakkato der mechanischen Wunder ganz auf der Strecke: Sie lässt sich nicht systematisch am Fließband produzieren. Der Film verschleudert seine ganze Energie bei der Gestaltung einer Welt, in der für die Figuren gar kein Platz mehr ist. Denn indem er das kleinste Detail zum Leben erweckt, vergisst der Regisseur darüber seine Schauspieler, die er wiederum wie leicht zu übersehene Marionetten auf sein überbordendes Karussell der Kuriositäten montiert.

Der Schaum der Tage 11

Überhaupt bleibt die Wahl der Schauspieler – mal vom Argument des Marktwerts abgesehen – ausgesprochen fragwürdig. Romain Duris, Audrey Tautou, Omar Sy, Gad Elmaleh, unstreitig gute Schauspieler, sind alle bereits um die vierzig mit entsprechendem Starimage und sollen blutjunge und unerfahrene Figuren um die zwanzig darstellen? Von der unschuldigen, bedingungslosen, leidenschaftlichen ersten Liebe, die Vians Roman erzählt, kommt in Gondrys Film mit diesem Ensemble erst recht nicht viel rüber.

Der Schaum der Tage 06

Boris Vians 1946 erschienenes literarisches Debüt sei der „herzzerreißendste zeitgenössische Liebesroman“, schrieb Raymond Queneau: eine pathetische Geschichte über den Verlust der Unschuld und die Ohnmacht der Liebe, bei deren Lektüre schon hunderttausende junger Franzosen geweint haben. Es ist aber auch das rotzfreche Erstlingswerk eines ambitionierten Schriftstellers, der mit dem Mittel der Provokation bei Jean-Paul Sartre (im Buch/Film der Philosoph Jean-Sol Partre), dem damaligen Übergott der Pariser Intelligenzija und spirituellen Führer der jugendlichen Existenzialisten, Eindruck schinden wollte. Und es ist das Werk eines überzeugten Pazifisten, der in den Fünfzigern das skandalträchtige Lied „Le déserteur“ schreiben sollte. Immerhin in diesem Punkt bleibt Gondry dem Roman treu: in seinem düsteren, retro-futuristischen Dekor findet er eine passende Parallele zur pessimistischen, beklemmenden Nachkriegsstimmung der 1940er Jahre, in denen Vians Der Schaum der Tage entstanden ist.

Hinweis: Diese Kritik bezieht sich auf die Originalfassung. In Deutschland erscheint eine sogenannte internationale Fassung, die im Vergleich zum Original von 125 Minuten um 31 Minuten auf 94 Minuten gekürzt wurde. Laut Angaben vom Filmverleih habe sich Michel Gondry dazu entschieden, eine kürzere Version für das internationale Publikum zu erstellen, in der er sich weniger an der Romanvorlage orientiere und sich stattdessen mehr auf die Liebesgeschichte konzentriere.

Trailer zu „Der Schaum der Tage“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


StitchJones

Colin verliebt sich nicht "auf eine Melodie von Duke Ellington". Er fragt Chloé bei seiner ersten Begegnung mit ihr perplex, ob sie von Duke Ellington arrangiert sei, was für mich immer eines der wunderbarsten Komplimente der Literaturgeschichte war.


Frédéric

@StitchJones:
Guter Hinweis. Ich glaube, das widerspricht sich dennoch nicht. Das Lied wird im Film während der Party, auf der die beiden sich kennen lernen, und im Laufe der Geschichte, öfter gespielt.


Martin Zopick

Leer und hohl: Der Schaum der Schale oder der Trip der Tage

Das Zitat aus der Romanvorlage von Boris Vian (der an sich ‘auf die Gräber spuckt‘) ist noch das Beste an diesem Machwerk: ‘Die Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe.‘ Auch über den Titel kann man streiten. Über die arg gespreizte Handlung wird ein hauchdünnes Tuch gebreitet, das den hohlen, leicht surreal angehauchten Abgrund überdecken soll. Es endet in einer infantilen Melodramatik, die bloß noch nervt. Das ist eine Steigerung, nachdem der Tiefststand bereits erreicht war. Dann geht es auch noch ins Gebiet der Madame Pilcher. Und wenn es wirklich mal zur Sache geht, stört die Musik, manchmal auch die Dialoge.
Vom Autor als Märchen in einer paradiesischen Umgebung gedacht, sinkt der Plot auf ein unterirdisches Vorschulniveau. Einzige Option: Goldene Himbeere oder Saure Gurke?
Die angeblichen Gags sind langweilig und platt. So ist z.B. die zum Käfer mutierte Klingel noch ein echter Knaller und kommt gleich mehrmals vor. Die Umgebung liegt so zwischen Spielzeugwelt und Rummelplatz. Überall fehlt es an Charme oder Esprit. Dafür gibt es Komik für Anspruchslose. Selbst ein Kuss verelendet in der Liebesgeschichte als doofer Unfall. Bei mäßiger Action wird man von Langeweile zugeschleimt.
Und in diesem seichten Pool müssen sich Colin (Romain Duris) und Chloé (Audrey Tautou) tummeln. So wird sie ihr Amelie-Image nie los.
Der arme Vian dreht eine Roulade nach der anderen in seinem Grab, denn was da Michel Gondry mit seinen Ideen macht, ist hanebüchener Unfug.
Ein Affentheater, das man nur übersteht, wenn man ständig auf die Uhr schaut. Das ist kein Drama, sondern Durchfall.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.