Der Rote Punkt

Eine junge Japanerin reist zum Unfallort ihrer toten Eltern ins Ostallgäu. Das Regiedebüt vermengt Romanze und Familiendrama, Kulturverständigung und Trauerarbeit, zur leicht verdaulichen Vergangenheitsbewältigung.

Der rote Punkt

„Trinkt man in Japan auch Bier?“ Die Frage ist besonders blöd, wenn sie ein clever erscheinender 18-Jähriger stellt. Selbst im entlegensten Allgäuer Dorf wird es wohl Zeitungen und Fernseher geben. Die Frage soll natürlich blöd sein, da Marie Miyayamas Kinodebüt unter anderem zur interkulturellen Aufklärung und Verständigung beitragen möchte. Häufig geht das allerdings auf Kosten der Lebendig- und Glaubwürdigkeit ihrer Figuren, die oft wie steife Drehbuchmarionetten mit überdeutlicher Funktion reden und handeln. Ganz dem Stereotyp entsprechend bezeichnet der ignorante Dorfpolizist die japanische Studentin Aki (Yuki Inomata) als Vietnamesin.

Aki ist aus Tokio angereist, um die Stelle zu finden, an der ihre Eltern vor rund zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, markiert von einem roten Punkt auf einer Landkarte. Aki hat Zuhause einen Freund, der zu ihrem Missfallen „alles richtig macht“. Folglich bandelt sie in Deutschland mit dem rebellischen Elias Weber (Orlando Klaus) an, der in den Augen seines Vaters (Hans Kremer) zu schnell Motorrad fährt und auch sonst vieles falsch macht. „Die Pubertät ist eine schwierige Zeit“, wie Elias ältere Schwester (Zora Thiessen) nach einem Familienzoff altklug zu referieren weiß.

Der rote Punkt

Ein Blick von Elias auf die süße Aki genügt und wir wissen, was Miyayamas Inszenierung für den Allgäuer und die Japanerin geplant hat. Doch wie manches im Film der aus Tokio stammenden und in Deutschland studierten Autorin und Regisseurin wirkt auch dieser schicksalhafte Flirt zu erzwungen und zweckgebunden, entsteht zu wenig aus der Handlung und den Charakteren. Eine Szene ist hierfür bezeichnend: Nachdem Aki den Gedenkstein ihrer verunglückten Eltern gefunden hat, übernachtet sie dort nachts am Straßenrand. Elias findet sie, kuschelt sich kurzerhand neben die ahnungslose Schlafende und wirft eine Decke über sie. Als Aki morgens aufwacht, nimmt sie die forcierte Annäherung, die man uns als Romantik verkaufen möchte, lächelnd hin.

Wie Aki überhaupt fast alles lächelnd und verständnisvoll hinnimmt. Da sie bis auf ihre vom Vater geerbte Entschlossenheit so gut wie keine Eigenschaften besitzt, bewegt sie sich damit dicht am Klischee der niedlichen und stets sanftmütigen Asiatin. Als Protagonistin bleibt sie bis zum Schluss eine sympathische, aber konturlose Fremde, deren Auseinandersetzung mit Trauer, Vergebung und Abschied zwar vorbildlich sein mag, einen allerdings auch kaum berührt. Zu holzschnittartig und unspezifisch agieren die Figuren, um Empathie zu ermöglichen, zu schematisch und absehbar verläuft die Geschichte, um Anteil daran zu nehmen. Die Konflikte der Familie Weber, die Aki als Gast bei sich aufnimmt, brechen durch ihre Ankunft an die Oberfläche, sind bei ihrer Abreise aber bereits gelöst oder vielmehr Happy-End-tauglich geglättet.     

Der rote Punkt

Ähnlich seicht wie die hier praktizierte Problembewältigung sind einige Bilder, die die Regisseurin wählt: immer wieder hübsche Aufnahmen vom Allgäuer Himmel, in den Aki gedankenverloren blickt; Aki als Kind auf einer Schaukel, die ihr Pendeln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen asiatischer und europäischer Lebensart versinnbildlicht; und schließlich Akis knallrot geschminkte Lippen als leuchtendes Signal für ihre neu erlangte Reife. Das Erzähltempo ist entspannt, im Hintergrund klimpert wiederholt meditative Klaviermusik. Die zurückhaltende, unaufgeregte Herangehensweise an große Themen wie Trauer und Schuld könnte interessant sein, würde sie mehr in die Tiefe gehen, den Mut haben, unbequemer und unfertiger zu sein, weniger gefällig und abgeklärt. Vereinzelte Emotionsausbrüche mit Ausrufen wie „Ich hasse dich!“ wirken in dieser undramatischen, gefühlsbraven Inszenierung wie melodramatische Fremdkörper.

Der rote Punkt

Der Rote Punkt ist ein versöhnlicher Vergangenheitsbewältigungsfilm, der niemandem auf die Füße tritt und auch sonst nicht weh tut. Alles wird geklärt, abgerundet und auf Harmonie gebürstet. Seinen eigentlich schmerzhaften und komplizierten Motiven wird er damit nicht gerecht. Wie seine lächelnde Protagonistin ist er auf unverfängliche und uninteressante Weise lieb und nett. Wie Akis japanischer Freund scheint Marie Miyayama darum bemüht, alles richtig zu machen und wählt vielleicht deshalb stets den sicheren, ausgetretenen Pfad, der keinerlei Risiken birgt, allerdings auch kaum Spannung bietet. 

Kommentare


Martin Blankemeyer

Liebe Frau Lüdeking:

besonder gut an ihrer "Critic" gefällt mir die Hannah-Montana-Werbung, die nebendran aufblinkt.

Witze darüber, dass ich nun "zur Spamvermeidung" noch das Wort "blasen" eingeben soll, um meinen Kommentar abzuschicken, will ich Ihnen und mir hingegen ersparen.

Mit erschrockenen Grüßen,
Martin Blankemeyer


Frédéric Jaeger

Lieber Herr Blankemeyer,
wir sind immer interessiert an einer Kritik unserer Texte, weshalb wir uns über sachliche inhaltsbezogene Kommentare freuen würden.
Viele Grüße,
Frédéric Jaeger


Martin Blankemeyer

hallo herr jaeger:

der hinweis, dass frau lüdeking unseren kleinen film zerfleischt wie nichts gutes und sie das ganze mit einer hannah-montana-werbung garnieren (inzwischen ist es „nachts im musem 2“ – auch nicht besser) IST sachlich und inhaltsbezogen.

verbindlichst, MB.


Frédéric Jaeger

Lieber Herr Blankemeyer,
wir geben auf unserer Seite ja gerade kleineren, häufig einheimischen Produktionen, einen Raum, den sie andernorts, etwa im Feuilleton, nicht erhalten. Durch Empfehlungen, Hinweise, Verlosungen und Interviews versuchen wir speziell diesen Filmen Forum und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Bewertung kann sich aber natürlich nicht an der Größe der Produktion orientieren. Dass Sie als Produzent des Films einen anderen Blick auf das künstlerische Ergebnis haben und auch vertreten müssen liegt in der Natur der Sache. Die Werbung wird automatisch und in wechselnder Rotation platziert, auch hier sind sehr häufig kleine und mittlere Produktionen vertreten.
Gruß,
Frédéric Jaeger


Merzmensch

Ich habe mir den Film angeschaut, und bewundere an ihm seltsamerweise ausgerechnet all die Elemente, die hier kritisiert wurden.

Unsere Kinos sind voller Pathos, Emotionen, es wird so laut, dass man kaum merkt, wie unecht und gespielt das alles ist. "Der rote Punkt" ist hingegen gerade das, was unserer Kulturlandschaft fehlt: die Authentizität. Er vermeidet auch das, wovon die meisten Filme heutzutage nur so platzen: die Berechenbarkeit des Sujets. Warum soll unbedingt etwas mehr aus dem Flirt zwischen Aki und Elias entstehen? Nicht darüber erzählt der Film.

In diesem Film werden ausgerechnet die kulturellen Stereotypen vermieden. Die Kulturen, egal auch wie unterschiedlich sie sind, werden hier völlig frei von Klischees dargestellt (und dies ist wirklich höchst selten heutzutage). Japan ohne Kimonos, Bayern ohne Dirndl - überall leben gleiche Menschen, auch wenn deren Sprachen nicht übereinstimmen. Welcher Film aus den letzten Jahren ausser "Des roten Punktes" konnte diese einfache Botschaft überbringen?..

Die Vergangenheitsbewältigung, der Trauer muss nicht unbedingt durch laut theatralische Gestik verarbeitet werden. Gerade die ruhigsten Szenen dieses Films (beispielweise die Szene mit Onigiri, Reisbällen am Ende) sind die stärksten.

Vielleicht hat sich hierzulande die Vorstellung etabliert, etwas unscheinbares kann auch nichts bewirken. Das ist aber jammerschade für unsere Kulturentwicklung.

Wenn man auch erfährt, dass viele Szenen aus dem Film dem Leben, den Erfahrungen entsprungen sind, dann sieht man den Film aus einer ganz anderen Perspektive.

Da es aber so viele Perspektiven wie Menschen gibt, kann man wohl daran auch nichts machen.

Mit freundlichen Grüßen,
Merzmensch


Tobias Dohrn

Ich kann mich mich meinen Vorrednern nur anschließen. Auch mir mutet die hier vorgetragene Kritik arg naseweis an. Fast kommt es mir so vor, als hätte die Autorin einen schlechten Abend gehabt und nun muss der zu bespechende Film das büßen. Nicht mit einem Nebensatz wird erwähnt, dass es sich hierbei um ein Debut handelt mit entsprechend viel Herzblut realisiert, vielleicht nicht immer ganz lupenrein, aber gerade deswegen authentisch. Das mag ihre Kritikerin zwar langweilen, aber ein weniger philiströses Publikum wird an diesem Film durchaus Gefallen finden.


Mithrandir

Liebe Frau Lüdeking,
Ihre Kritik an diesem Film wirkt befremdlich. Sie legen dieses Debut-Werk einer asiatischen Regisseurin auf einen deutschen Seziertisch und suchen mit dem Skalpell europäischer Maßstäbe nach Unpassendem. Dies wird dem Film, seinen Darstellern und erst recht nicht der Regisseurin gerecht. Das Spannungsfeld bei der Begegnung der japanischen mit der deutschen Kultur wurde in beeindruckender Authenzität aufgebaut,insbesondere da die Haupthandlung unterschiedlich Modi der Kommunikation und Konfliktbewältigung thematisiert. Ich habe mehrere Jahre mit einer Japanerin zusammengelebt. Die Hauptdarstellerin ist nicht "zu lieb" und "zu nett" sondern geradezu verblüffend authentisch. Wie vieles andere in der Athmosphäre des Filmes auch. Leider berücksichtigen Sie in ihrem Kommentar nicht die Besonderheiten und den Tiefgang der japanischen Kultur, die hier vortrefflich zum Ausdruck kommen. Mit den temporeichen und/oder pathostriefenden oder sonstigen Produktionen nach Hollywood-Machart für den westlichen Geschmack darf dieser wundervolle Film nicht verglichen werden. Action kann woanders stattfinden. Dieser Film ist sicherlich nicht sehr rasant und für einen Europäer in seiner Tiefe und Spiritualität vielleicht nicht einfach zu perzepieren, aber er ist sehr "echt". Und genau das hebt ihn von dem Gros der heutigen Produktionen ab. Dieser Film, seine Darsteller und die Regisseurin haben ihre Auszeichnungen wahrlich verdient. Gratulation!


Birte Lüdeking

Lieber Herr Dohrn,

es wird sogar zweimal erwähnt, dass es sich um ein Debüt handelt: im Teaser und im ersten Absatz.






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