Der Rote Kakadu

Dominik Grafs Film erzählt die Geschichte einer problematischen Dreierbeziehung in den letzten Monaten vor dem Mauerbau 1961. Der Rote Kakadu verknüpft Liebe und Politik, Sex und Geschichte.

Der Rote Kakadu

Siggi (Max Riemelt) sitzt vor dem Dresdner Zwinger und zeichnet. Als Objekt wählt er jedoch nicht den barocken Prachtbau, sondern die Überreste seiner letzten Mahlzeit, eines Gänsebratens. Der junge Künstler wendet sich bereits zu Beginn dem profanen Alltagsleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten zu, nicht einer idealisierten Vergangenheit.

Dominik Grafs Film Der Rote Kakadu versucht, Siggis Anspruch auch in seiner gesamten Struktur gerecht zu werden. Direkt nach obiger Szene findet sich der junge Mann unter einer Gruppe Jugendlicher wieder, die einige Rock ’n’ Roll Platten in ihren Besitz genommen haben, und beginnen, auf einer Wiese zur Musik Elvis Presleys zu tanzen. Doch die Idylle wird jäh unterbrochen durch herbeistürmende Volkspolizisten, die den Plattenspieler zerstören und die Feiernden in alle Himmelsrichtungen auseinander jagen. Anstatt nostalgisch die Entdeckung amerikanischer Popkultur durch die ostdeutsche Jugend zu zelebrieren, konfrontiert Graf den Zuschauer von Anfang an mit den Widrigkeiten der realsozialistischen Alltagswelt. Dieser raue Tonfall hebt sich angenehm ab von dem anderer Formen der filmischen Vergangenheitsbewältigung, die sich in den letzten Jahren inflationär über uns ergießen und lässt der vielkritisierten „Ostalgie“ keinen Raum.

Der Rote Kakadu

Siggi, der Gänsebratenzeichner, lernt während dieser kurzen Begegnung mit dem amerikanischen Rock ’n’ Roll Luise (Jessica Schwarz) kennen und verliebt sich unsterblich. Leider ist die junge Amateurdichterin verheiratet. Ihr lebenslustiger Mann Wolle (Ronald Zehrfeld) ist das genaue Gegenstück zu dem schüchternen, zurückhaltenden Siggi. Trotzdem werden die beiden Freunde und verbringen gemeinsam mit Luise Frühjahr und Sommer des Jahres 1961 vor allem im berüchtigten Tanzlokal „Roter Kakadu“. Hier feiert die örtliche Jugend zu imperialistischen Jazz- und Rock ’n’ Roll Klängen, sehr zum Missfallen der Parteikader. Auch die drei Protagonisten geraten immer stärker in Konflikt mit der herrschenden Ideologie, und beginnen, darüber nachzudenken, wie so viele andere nach Westdeutschland auszureisen. Was sie nicht wissen können: die Zeit drängt, ab dem 13. August wird die Berliner Mauer allen Fluchtplänen ein Ende setzen.

Doch zu Beginn scheint noch alles möglich: das Leben der drei jungen Erwachsenen wird bestimmt von wechselnden Liebschaften, jeder Menge Alkohol und idealistischen Träumereien. Nicht von ungefähr ähneln Siggi, Luise und Wolle Figuren der französischen Nouvelle Vague, welche sich zum Zeitpunkt der Filmhandlung auf dem Höhepunkt ihres Erfolges befand. Konkret erinnert die Figurenkonstellation an die aus Jules und Jim (Jules et Jim, 1961). Der Rote Kakadu kann tatsächlich als Gegenentwurf zu François Truffauts extrem ästhetisierter ménage à trois gelesen werden. Denn im Gegensatz zu Jules, Jim und ihrer großen Liebe Catherine, an welchen der Verlauf der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts scheinbar spurlos vorüber zieht, bleibt das Leben ihrer ostdeutschen Ebenbilder jeder Sekunde mit den gesellschaftlichen Realitäten verbunden. Truffauts apolitische Phantasie, die freilich bereits innerhalb der Nouvelle Vague nicht ohne Gegenposition war, konfrontiert Graf mit einer bewussten Verknüpfung von öffentlicher und privater Sphäre. Überzeugen kann Grafs Film vor allem in den Sequenzen, die diese Wechselwirkungen jenseits der offenkundigen Manifestationen von Politik, wie Geheimdienstaktionen oder Radiopropaganda, deutlich machen, etwa wenn die gesellschaftliche Spannung sich in sexuellen Abhängigkeiten spiegelt.

Der Rote Kakadu

Doch obwohl Der Rote Kakadu weniger naiv ist, als die meisten anderen Filme der letzten Jahre über die Deutsche Vergangenheit, kann er nicht vollständig überzeugen. Denn der Streifen passt sich aufgrund seiner Thematik nur allzu gut in die aktuelle Kinolandschaft ein. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs (Der Untergang, 2004) und der Wiedervereinigung (Good Bye Lenin!, 2003), hat nun auch der dritte Wendepunkt der jüngeren deutschen Geschichte „seinen“ Film erhalten. Und trotz vieler guter Ansätze gelingt es Graf nicht, diesen Status zu transzendieren, mehr zu erschaffen, als nur den Film zum historischen Ereignis. Sowohl der Plot als auch die Charaktere funktionieren nur vor dem Hintergrund des Mauerbaus und so können sie weder ein eigenes Profil entwickeln, noch zu einer weitergehenden Auseinandersetzung mit der damaligen Situation beitragen. Letzten Endes interessiert sich Der Rote Kakadu doch wenig für die komplexe alltägliche Lebenswelt der 60er Jahre und endet als ein Zeitgeschichtsfilm unter vielen. Vielleicht wäre das deutsche Kino besser beraten, die Bearbeitung von Ereignissen aus der jüngeren Vergangenheit auf weniger plakativem Wege zu versuchen, um zu vermeiden, von den eigenen Themen erschlagen zu werden.

Kommentare


Axel Höber

Hallo!
Ich war gestern zur Premiere des Films "Der rote Kakadu", den ich mir mit gemischten Gefühlen angesehen habe, obwohl er mir sehr gefallen hat, da ich früher meine ganze Jugend in Dresden verbracht habe, bevor ich nach Berlin gezogen bin. Meine Eltern waren früher selbst sehr oft im "Roten Kakadu", bis ich dann am 18.04.1966, also genau 5 jahre später, als Siggi in Westberlin seine ersten Porzallanfiguren verkauft hat,gekommen bin.
In der Halle der Schnapsfabrik am damaligen Fritz-Heckert-Platz drehte sich die 35 MW-Dampfturbine des HKW Mitte mit 3000 Umdrehungen in der Minute. Der Dampf hatte eine Temperatur von 450°C und einen Druck von 38 Bar. Ich war damals selbst in der Hauptwerkstatt Wiener Straße, die dort einige Arbeiten mit zu erledigen hatte.
Ich bin damals oft an der Elbe, wo das Buch mit den Gedichten ins Wasser gefallen ist, spazieren gegangen und habe die "Wochenpost" und später nach der Wende den "Spiegel" gelesen.
Die Szenen an der Eisenbahnüberführung am "Grenzübergang" Bienertmühle in Dresden-Plauen hätte man aber doch besser irgendwo in Berlin drehen können. In der Schule wurden damals durch die Direktoren an den Levis-Jeans die Eitiketten abgeschnitten und unserr Klassenlehrerin pflegte selbst auch gute Kontakte zum MfS.


Hans Mittelstaedt

"Der Rote Kakadu" hat mir gar nicht gefallen. Nicht nur, dass er Unwahrheiten erzählt, nein, er ist auch besonders seicht - leider sehr unpassend für so ein ernsthaftes Thema wie die DDR. Wann hat man endlich (außer dem eher parodistischen "Sonnenallee")einen positiven Film über die DDR zu erwarten? Wir leben alle noch!


Axel Höber

Früher konnte man im "Roten Kakadu" jeden seine Adresse oder Telefonnummer geben (falls mein eins hatte). Ich mache das auch heute noch ganz gern in der Neustadt oder in berlin, um Leute kennenzulernen.


Axel Höber

Axel Höber schrieb am 13.05.2006:
Meine Eltern haben sich im "Roten Kakadu" kennengelernt und waren früher sehr oft im "Roten Kakadu", also wäre ich sicherlich auch nicht hier und genau 5 Jahre, nachdem Siggi aus Westberlin zurück kam, wo er die Porzellanfiguren seiner Mutter oder Tante verkauft hat, genau am 18.04.1966 wurde ich geboren und da war Schluß damit.


Dieter

Der Film hat mir nicht gefallen. Meine Frau und ich haben nach einer Stunde Oberflächlichkeit den Film gegen ein schönes Eis als Entschädigung getauscht. Wann wird mal ein ernsthafter authentischer Film über die fünfziger und sechziger in der DDR mit all seinen schönen wie auch demütigenden Seiten gedreht?


Frank

Mir hat der Film auch nicht gefallen, weil er nicht differenziert und quasi Kriminelle zu Freiheitshelden macht. Nein ich bin kein Ewiggestriger, war nicht Stasi oder SED und hatte auch ne wilde Jugend im Osten, aber irgendwo gibt es Grenzen und die werden überschritten wenn man zB Verwandte für Valuta beklaut.


vera

Also...mir hat der film sehr gut gefallen, sodass ich sogar in meinem LK-Fach detsch die facharbeit darüber geschrieben habe und sie wurde mit sehr gut bewertet...ich bin demnach ebenfalls der meinung, dass es dem film gelingt, die realität wahrheitsgemäß darzustellen...das einzige was mir nicht so gut gefallen hat, war dass ich anfangs nicht so ganz nachvollziehen konnte, dass alle bis auf siggi verurteilt wurden...aber ein paar vermutungen lassen auch dieses erschließen!! Demnach : beide daumen hoch^^ein sehr gelungener film...kompliment an dominik graf und seine crew=)






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