Der rote Elvis

Ein Pop-Kuriosum aus der Zeit des Kalten Krieges: Der US-Rock’n’Roller Dean Reed, im Westen nahezu unbekannt, war einer der größten Stars des Ostblocks – und seit 1972 DDR-Wahlbürger. Der rote Elvis ist ein facettenreiches Porträt, das dennoch genug Fragen offen lässt.

Der rote Elvis

„Wenn er nach Russland kam, war das wie Urlaub für uns.“ Sein Foto in der Zeitung habe für einen Augenblick alle Lügen im Politikteil vergessen lassen. Lana Davis macht keinen Hehl aus der religiösen Verehrung, die sie dem Sänger Dean Reed bis heute entgegenbringt. Seinetwegen hat sie Englisch gelernt; später ist sie nach Denver/Colorado ausgewandert, um Reeds Grab nahe zu sein. Ihre Erinnerungen an seine ruhmreiche Tournee durch die Sowjetunion enthalten eine tragische Ironie: Der überzeugte Sozialist Reed glaubte, ein freies und gerechtes Land zu besuchen – seinem Publikum dagegen diente er als Ablenkung von der realsozialistischen Tristesse. „Wir vergaßen, das wir unterdrückt waren.“

Wie repräsentativ dieses Statement ist, bleibt zwar offen: Davis ist der einzige Fan, der zu Wort kommt, von der tatsächlichen Wirkungsgeschichte Reeds erzählt der Film vergleichsweise wenig. Sicherlich aber war Reeds Selbstverständnis als Revolutionär und Friedenskämpfer auch für sein DDR-Publikum weit weniger von Belang als der Glanz und das diffuse Glücksversprechen, das er als Kulturimport aus dem fernen Amerika mitbrachte. Ob als Sänger oder als DEFA-Star, Reed inszenierte sich stets als waschechter Amerikaner – als dauergrinsender Sunnyboy, als hüftschwingender Elvis, als lonesome cowboy. Noch sein dubiosester Auftritt, in dem er, zu Gast im Nahen Osten, mit Gitarre und Maschinenpistole durch eine libanesische Berglandschaft stapft, ist der Ikonografie des Western entlehnt.

Der rote Elvis

So optisch stimmig die Figur in den Archivaufnahmen erscheint, so widersprüchlich ist das Bild der Person, das die Interviews mit Weggefährten vermitteln. Ganz verschiedene Erzählungen ergeben sich hier: Das Epos vom Revolutionär, dessen politisches Bewusstsein auf seiner ersten Tournee durch Lateinamerika angesichts der sozialen Missstände erwacht, der sich daraufhin mit so ziemlich jeder Befreiungsbewegung weltweit solidarisiert und seinen Idealismus schließlich in den Dienst der DDR-Parteikader stellt. Die modellhafte Story vom Aufstieg und Fall eines Popstars, der das Bad in der Menge braucht und zugleich schwer depressiv ist, der am Ende den Liebesentzug der Massen weder verstehen noch verwinden kann. Zuletzt das wenig glanzvolle Kammerspiel um den Vater und Ehemann.

Mit Reeds einsamem Freitod im Zeuthener See bei Berlin finden diese Erzählungen am Schluss zur Tragödie zusammen. Vorher bilden sie alles andere als ein kohärentes Ganzes. Trotz der kundigen und teils sehr persönlichen Kommentare der Befragten bleibt Reed eine schillernde, schwer greifbare Gestalt. Darin liegt jedoch gerade die Stärke des Films. Regisseur Leopold Grün und Koautor und Reed-Biograf Stefan Ernsting wollen ihren Protagonisten weder erklären noch verteidigen. Sie legen dem Zuschauer das Material in all seiner Widersprüchlichkeit vor und entlassen ihn am Ende in eine Art produktive Ratlosigkeit, die ihm Raum lässt, die Leerstellen selbst zu schließen.

Der rote Elvis

Die Frage nach Reeds politischer Bedeutung steht im Zentrum des Films. Hierüber gehen die Meinungen sozusagen weltweit auseinander: In Chile, wo er noch vor seiner Ost-Karriere ein Superstar war, hält man hohe Stücke auf ihn. Isabel Allende Bussi erinnert sich dankbar an seinen Einsatz für die Präsidentschaftskandidatur ihres Vaters Salvador. Ein Gewerkschafter ist gar überzeugt, Reed habe zum Stimmungsumschwung beigetragen, der zum Sturz Pinochets führte. Reeds Funktion für die DDR-Führung indes wird von Armin Müller-Stahl – der in dem Film als eine Art skeptischer Anwalt Reeds fungiert – eher heruntergespielt. „Für was hätte er schon benutzt werden sollen?“, fragt er achselzuckend – eine schöne Entgegnung auf Egon Krenz’ Bekenntnis, selbstverständlich habe er als FDJ-Führer Reed benutzt und geführt. Die Aufnahmen von dessen Auftritten vor der Ost-Jugend erscheinen in der Tat als rührend harmloser Revolutionskitsch. Selbst Reeds aus heutiger Sicht schaudern machender Spruch in der Libanon-Sequenz, er lasse sich einen Bart wachsen, um „beim Angriff der Zionisten wie ein Palästinenser auszusehen“, wirkt dank der Operettenhaftigkeit dieser Szene eher unfreiwillig komisch.

Auch was man über Reeds Privatleben erfährt, rückt seinen Charakter nicht ins rosigste Licht. Dass er hier dennoch am nahbarsten und verletzlichsten erscheint, liegt vor allem an den Auskünften seiner langjährigen Geliebten Maren Zeidler. Von allen Befragten war sie vielleicht am ehesten so etwas wie eine Seelenverwandte Reeds. Mit der dunklen Lakonie, mit der sie von ihren gemeinsamen Selbstmordplänen erzählt und davon, dass er schließlich alleine ging, gehört ihr die berührendste Szene des Films.

Der rote Elvis

Was Reeds Tod betrifft, widersteht der Film der Versuchung des Spekulativen. Verschwörungstheorien über einen vermeintlichen Auftragsmord bleiben unerwähnt. Stattdessen wird zu Schwarzweißfotos vom Unglücksort, als überraschend stimmiges Schlusswort, die Zeugenaussage seiner letzten Ehefrau im Off vorgelesen. Die übrigens hat die Rechte an der Geschichte inzwischen an Hollywood verkauft. Mit Tom Hanks in der Hauptrolle soll sie verfilmt werden. Man darf gespannt sein, wie bizarr dieser Versuch einer Wiedereingemeindung ausfallen wird.

 

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