Der Rote Baron

Nikolai Müllerschön hat aus dem preußischen Luftkrieger Manfred von Richthofen einen Baron zum Kuscheln gemacht. Der Rote Baron mischt alte Mythen, neue Technik und obligatorische Liebe zum internationalen Heldengedenkpudding.

Der Rote Baron

Snoopy hat auf seiner Hundehütte die Luftabenteuer des deutschen Jagdfliegers nachgespielt und weltbekannt gemacht. B-Film-König Roger Corman destillierte bereits 1971 spannende Fliegeraction aus der Biografie des Freiherrn von Richthofen (Manfred von Richthofen – Der Rote Baron, The Red Baron). Ein Computerspiel unter seinem eingängigen Beinamen „der Rote Baron“ gibt es auch. Der Mann, der im Ersten Weltkrieg die höchste Anzahl feindlicher Flieger abschoss, wurde bereits von der Obersten Heeresleitung des Kaiserreichs geschickt zur Legende und zum Medienhelden stilisiert. Pünktlich zum 90. Todestag Manfred von Richthofens am 21. April bedient nun ein aufwändiges TV-Movie – äh – ein international besetzter Kinofilm den gut gepflegten Helden-Mythos vom ritterlichen Krieger der Lüfte, der das Fliegen als sportlichen Wettkampf begreift und seine Gegner eigentlich am liebsten am Leben gelassen hätte.

Der Rote Baron

Wie im episch angelegten Retrokino und -fernsehen häufig üblich, hält sich Regisseur und Autor Nikolai Müllerschön nicht mit dem neuesten Forschungsstand der Biografen auf und zeigt kein tiefergehendes Interesse für die Lebensgeschichte und den Charakter der historischen Figur. Dabei hatte der Geschichtswissenschaftler Joachim Castan in seiner 2007 erschienenen Richthofen-Biografie mit der hartnäckigen Helden-Saga aufgeräumt und die Diskrepanz zwischen der Propaganda-Ikone „Roter Baron“ und dem Menschen von Richthofen beschrieben. Der sei, laut Castan, vom ehrgeizigen Vater bereits von Kindesbeinen an zur Pflichterfüllung fürs Vaterland gedrillt worden. Richthofens Leidenschaft habe dabei später durchaus der Menschenjagd am Himmel gegolten, nicht bloß der Fliegerei. „Ich schieße nie in die Maschine, schieße immer gleich den Führer ab“, zitiert ihn der Autor. Zwar schonte der Pilot einige Feinde und erwarb damit seinen ritterlichen Ruf, doch ebenso habe es ihm sadistische Freude bereitet, seine Gegner brennend stürzen zu sehen oder am Boden in Flammen zu schießen. Eine Frau oder Geliebte hat der im Alter von 25 Jahren getötete, privat sehr scheue junge Mann nie gehabt.

Der Rote Baron

Die Verfilmung Der Rote Baron nun trägt bereits den Untertitel „Sein größter Sieg war ihre Liebe“. Matthias Schweighöfer, der zuletzt mit zotteliger Perücke als Rainer Langhans (Das wilde Leben, 2007) und in Til Schweigers Liebeskomödie Keinohrhasen (2007) auftrat, spielt den adeligen Flieger als kindlichen Schumacher der Lüfte – stets in Rollkragenpulli und flauschige Schals gehüllt und immer einen flotten Spruch gegenüber seinen Vorgesetzten, inklusive Kaiser Wilhelm, auf den Lippen. Auch seine strickmodetragenden Kameraden Voss (Til Schweiger), Wolff (Tino Mewes) und Sternberg (Maxim Mehmet) sind eher ganz zeitgenössisch sympathische, softe Kumpeltypen als preußische Militärs. Joseph Fiennes gibt den kanadischen Piloten Captain Brown, der ebenso Feind wie Freund ist, und Lena Headey die schöne französische Krankenschwester, die dem hochdekorierten Kampfflieger erst die Augen für die Gräuel des Krieges öffnet und der Weltkriegs-Action den politisch korrekten Anstrich verpasst. „Du bist mein größter Sieg“, wird sich Richthofen tatsächlich zur Liebe und schließlich fast zum Pazifismus bekennen.

Der Rote Baron

Spürbar bemüht sich der hochbudgetierte und privat finanzierte Film um international vermarktbaren Appeal. Der in Kalifornien lebende Müllerschön drehte Der Rote Baron in englischer Sprache. Die Ästhetik ist so geleckt, die musikalische Untermalung so konventionell-penetrant wie in tausend anderen Ausstattungsfilmen, ob sie nun in der Nazizeit oder auf der untergehenden Titanic spielen. Doch vielleicht können sich CGI-Fans für diese historische Luftnummer begeistern. In die Flugsequenzen, die im Film viel Raum einnehmen, wurde reichlich Zeit und Rechenleistung investiert. Wer den Gedanken verdrängen kann, dass Matthias Schweighöfer und Til Schweiger in ihren Pilotensitzen vor einer riesigen Green Screen hin und her wackeln, der mag den knackigen Fotorealismus der Himmelsgefechte bewundern. Dem Liebesplot und der Wiederbelebung wilhelministischer Heldenbilder unter heutigen Vorzeichen der Political Correctness entkommt jedoch kein Zuschauer. Am Ende werden noch einmal Wollschals getauscht. Fotografien der realen Personen beschließen das feierliche Gedenken an den Roten Baron und seine Freunde. Und während der Abspann läuft, beschleicht einen die Idee, ob es nicht vielleicht, wie im Kriegskino der fünfziger Jahre, auch wieder an der Zeit für eine filmische Würdigung anderer zeitgeschichtlicher Idole wäre? Etwa von Feldmarschall Rommel, dem „Wüstenfuchs“? Der war im Grunde seines Herzens sicher auch ein ganz anständiger Kerl.

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Kommentare


marielou

Es wäre sicher hilfreich gewesen Du hättest, bevor Du Dich auf Castan und sein Buch berufst, die Rezessionen zu diesem gelesen. Wissenschaftlich gesehen sind Castans Spekulationen unhaltbar. Du weisst das sicher besser, die Wissenschaft ist sich hierbei einig. Tipp: Erst informieren, dann schreiben.
Über die Machart des Films kann ich leider nichts sagen, da ich ihn noch nicht gesehen habe...Wenn Du jedoch mit Deiner Beurteilung ebenso daneben liegst wie bei Deinen historischen Aussagen, ist der "Rote Baron" ein Meiseterwerk!


Ernst Udet

Zweifellos ist diese Richthofen-Biografie das beste und klügste was bislang über den Richthofen verfaßt wurde. Fundiert, abgewogen und erstmals Richthofen gerecht werdend. Klar, daß neo-deutschnationale Heldenverehrer damit Probleme haben. Schade, daß Müllerschön diese Biographie offenbar nicht gekannt hat. Die Filmkritik ist exzellent!


Rainer Schmidtbauer

Man fragt sich vergeblich, wer bei diesem Film historischer Berater war: offnbar hat der Drehbuchautor lediglich Richthofens Autobiographie und die Autoren Kilduff und Franks glesen. Nur: Richthofens Biographie war damalige Kriegspropaganda und Kilduff und Franks sind zum einen ehemalige Militärs und zum anderen Hobbyhistoriker ohne jede historische Bildung. Beide sind glühende Richthofen Verehrer ohne jeglichen inneren Abstand zur gefeierten Person. Die Biographie von Castan ist die erste umfassende Darstellung von Richthofens zwiespältigen Leben. Richthofen wird darin keineswegs "niedergemacht" sondern es wird deutlich, welcher Mensch hinter der strahlenden Heldenfassade steckte. Genau dieser Ansatz wäre auch für den Film hilfreich gewesen. Allerdings die computeranimierten Flugszenen sind klasse!


Joachim Castan

Bin der Autor der besagten Richthofen Biographie. Offenbar erhitzen sich die Gemüter heftig am Film und an meinem Buch. Vermisse eine gewisse Sachlichkeit. Interessant ist: die Familie v. Richthofen hat das Buch richtig verstanden und findet selbiges klasse. Noch ein Hinweis zum ersten Kommentator, der "wissenschaftlich" argumentiert. Es heißt "Rezension" und nicht "Rezession". Vielleicht mal bei Wikipedia nachgucken, um den Unterschied zu erkennen.


horstmann

Sehr geehrter Herr Castan, ich möchte Ihnen beipflichten. Eine Versachlichung der Diskussion wäre angebracht. Hatten Sie schon Gelegenheit diesen Film "unter die Lupe" zu nehmen?


Joachim Castan

Ja, habe den Film schon gesehen. Verstehe allerdings nicht, daß die Leute einen Dokumentarfilm im Kinoformat erwarten. Die historischen Fehler sind offensichtlich. Aber ein Spielfilm funktioniert doch anders: er will Gefühle und action zeigen. Die Flugszenen sind in der Tat klasse. Daß Richthofen am Schluß der Obersten Heeresleitung empfiehlt zu kapitulieren ist dagegen absurd. Aber wieso immer alles niedermachen: der Film und mein Buch ergänzen sich: der Film ist Kino - wer die historischen Hintergründe wissen will, greift zum Buch...


Peter Sonnentag

Sehr geehrter Herr Castan, wenn Spielfilme doch "nur" dazu da sind Gefühle und Action darzustellen - mal abgesehen davon, dass das möglicherweise so manchen Filmemacher beschämen könnte -, so warten wir doch auf den Film, der endlich Hitlers herzliche Seite herauskehrt, Bin Laden als den missverstandenen Freiheitskämpfer oder vielleicht G. W. Busch als den wahren Entwicklungshelfer entpuppt.
Mit der Bitte um Nachsicht für evt. orthografische, grammatikalische o.ä. Unzulänglichkeiten.


Joachim Castan

Ich glaube nicht, daß man mit Polemik in diesem Fall weiter kommt. Über Stalin gab es beispielsweise zu seinen Lebzeiten tatsächlich Spielfilme, die den gemütlichen, fürsorglichen Vater Rußlands zeigten. Sicherlich werden die 23 Millionen, die Stalin auf dem Gewissen hatte, diesen Film nicht als ihren Lieblingsfilm gewählt haben. Auch Riefenstahls „Triumph des Willens" wurde deshalb damals ein Erfolg, weil hier vor allem ein Gefühl angesprochen wurde. Der Spielfilm über Richthofen zeigt uns einen Richthofen, wie unsere Zeit ihn gerne sehen möchte, nämlich als Gutmenschen, der durch die Liebe einer Krankenschwester zum Gutmenschen und Quasi-Pazifisten umgedreht wird. Neu ist in diesem Film, daß hier zumindest angedeutet wird, wie Richthofen für die Propaganda genutzt wurde. Zentral in diesem Film ist aber die Vermittlung des Richthofen Mythos als „Ritter der Lüfte". Dieser Mythos wurde durch mein Buch erstmalig „geknackt". Ich meine, daß man Buch und Film voneinander getrennt sehen und beurteilen sollte. Im Film sieht man einen den Richthofen Mythos mit einer fiktionalen Liebesgeschichte. Im Buch kann man sich über die historischen Hintergründe kundig machen. Kino ist dafür prädestiniert, Mythen zu transportieren und dabei gleichzeitig zu unterhalten. Fersneh-Dokumentationen und Bücher arbeiten anders. Ein anschauliches Beispiel, was passiert, wenn in Fernsehdokumentationen nicht in erster Linie informiert, sondern auf banalem Niveau unterhalten werden soll, sind eine Vielzahl von Sendungen unter dem Label Guido Knopp im ZDF.


horstmann

Jetzt bin ich schon etwas verwundert, herr castan. ich bin ihrem rat gefolgt und habe mir ihr buch gekauft, um mich über den wahren richthofen zu informieren. ich empfand ihre darstellung als spekulativ und habe (zu spät) besprechungen des buches recherchiert (faz,tagesspiegel, süddeutsche). ihrer leistung den mythos richthofen zu "knacken" war wohl eher kommerziell getrieben, als wissenschaftlich.


Kitty

[aus dem FORUM]
Nachdem über den Film nun schon eine längere Debatte in Sachen historische Genauigkeit vs. Kitsch-Inszenierung und Helden-PR geführt wurde, die auch auf die Richthofen-Biographie von Joachim Castan übergegriffen ist, möchte ich nur auf folgenden schönen Eintrag im Hitler-Blog der taz hinweisen:

http://taz.de/blogs/hitlerblog/2008/04/14/grosse-deutsche/

Der treibt die Vermischung von Schauspieler-Selbstvermarktung, verfahrener deutscher Geschichtsbesinnung und ewigem Hitler-Hype noch ein Stück voran.
Ist dieser Film nun eigentlich ein Total-Flop, oder ist nach den ganzen Verrissen tatsächlich noch jemand ins Kino gegangen??


Kitty

Ich habe im Forum grad einen thread zum Roten Baron angefangen mit einem schönen Link zu Medienauftritten von Matthias Schweighöfer. Das ist zwar nicht unbeding zur Versachlichung der Debatte angetan, gehört aber auch zur deutschen Geschichtsverwertung dazu.

Irgendwie wollen doch immer alle von historischen Themen profitieren, oder nicht? Die Frage ist, ob man dann auch die Verantwortung hat, bei der Wahrheit zu bleiben - oder ist alles nur noch Dramaturgie und PR, Guido Knopp und Hitlers letzte Spaghetti?


Maulheld

Kitty schrieb:
"Ist dieser Film nun eigentlich ein Total-Flop, oder ist nach den ganzen Verrissen tatsächlich noch jemand ins Kino gegangen??"

Ist mir, ehrlich gesagt, wurscht. Nach Deiner Kritik und ein, zwei anderen Texten habe ich für dieses Schmonsens wirklich nichts mehr übrig, vor allem keine zwei Stunden Kinozeit.


Horstmann

Die Biographie über Richthofen von Castan ist zweifellos das Beste und Klügste, was bislang über den "Roten Baron" geschrieben wurde. Mit einigem Amusement kann man gerade in diesem Film und in der Diskussion um das Buch sehen, wie die viel verbreitete Richthofen Begeisterung im Grunde genommen die von pubertierenden Jungen für das Abenteuer der Jagdfliegerei ist. Genau wenn ihr Idol - wie bei Castan geschehen - auf eine analytische Basis gestellt wird, beginnt die Kritik. Der Film bedient die bekannten Wunsch- und Trugbilder um Richthofen. Um den historischen Hintergrund zu verstehen, sollte man die Biographie von Castan lesen und nicht die oberflächlichen Heldenverehrungen von Kilduff und Co.


Duke305

Also, ich war doch etwas enttäuscht von diesem Film, einiges ist historisch nicht korrekt dargestellt, zum Beispiel war Hauptmann Bölcke, der Lehrmeister Richthofens und auch sein Vorgesetzter in der Jasta 11, im Film wird Bölcke beiläufig als Leutnant Bölcke erwähnt, wo er doch 1916 schon Hauptmann war.
Grossartige Luftkampfsequenzen? ja das stimmt, die sorgen zumindest etwas an Spannung zwischen den etwas langatmigen "Sequenzen" am Boden.
Wenn man schon "fiktive" Personen in das Umfeld Richthofens im Film einfügt, dann sollte man doch auch historische Personen nicht unbeachtet lassen, war doch auch ein Herman Göring Mitglied der Jasta 11 und nach Richthofens Tod der Staffelführer.
Eher ein abendfüllendes Melodram als ein, geschichtlich korrekter Historienfilm.

Wer an der Person Richthofen interessiert ist, sollte sich mal den Spielfilm über den Roten Baron ansehen aus dem Jahr 1970 mit John Phillip Law als Manfred von Richthofen, der ist um einiges authentischer dargestellt und hält jeden Vergleich stand (wenn nicht sogar besser) was die Luftkampfsequenzen angeht.






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