Der Reichseinsatz – Zwangsarbeit im Dritten Reich

Sklavenarbeiter ins Reich – von überall, millionenfach. Werner Bergmanns Dokumentarfilm beleuchtet das weit verzweigte System der NS-Zwangsarbeit.

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In der Sprache der „Arier“ waren es „Fremdvölkische“ aus „Hilfsvölkern“, deren Arbeitskraft auszubeuten war: Italiener, Franzosen sowie Zivilisten und Kriegsgefangene aus den übrigen europäischen Nationen, darunter vor allem Polen und nach dem Überfall auf die Sowjetunion auch Russen. Unter der nationalsozialistischen Diktatur wurden zwischen sieben und elf Millionen Menschen zur Arbeit für das „Dritte Reich“ gezwungen, Männer und Frauen, Mädchen und Jungs aus insgesamt 26 Ländern. Sie schufteten auf Bauernhöfen und in der Industrie, gruben in Bergwerken, schraubten die „Kraft durch Freude“-Wagen zusammen und bauten Bomben für die Wehrmacht. Sie waren präsent in Stadt und Land, in den Fabriken und den Familien. Ohne ihre Arbeitskraft wäre die Wirtschaft längst zusammengebrochen, wäre Deutschlands Krieg schon viel früher zu Ende gewesen. Der Reichseinsatz – Zwangsarbeit im Dritten Reich widmet sich der Geschichte der erzwungenen Arbeit.

Werner Bergmanns Der Reichseinsatz – von absolut medien nun auf DVD herausgebracht – stammt von 1993. Die Fernsehproduktion geht chronologisch vor, indem sie mit den ersten deutschen Versuchen, „Gastarbeitnehmer“ aus Italien anzuwerben, beginnt. 1938 warb man beim damaligen Bündnispartner mit guten Verdienstmöglichkeiten im Deutschen Reich. Auch im annektierten Polen versuchte man zunächst, Freiwillige zu gewinnen. Als sich bei Weitem nicht genug Bereitwillige einfanden, radikalisierte sich das System. Die Menschen wurden jetzt per Postbescheid „zwangsverpflichtet“ oder schlicht auf der Straße eingefangen und „ins Reich verbracht“. Zivilisten, Kriegsgefangene und KZ-Insassen wurden schließlich nach ihrem Nutzwert für Deutschland beurteilt.

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Dabei hatten die Nationalsozialisten ein ideologisches Problem: Einerseits hetzten sie gegen Ausländer, andererseits waren sie unbedingt auf deren Arbeitskraft angewiesen und verschleppten millionenfach Bürger anderer Nationen nach Deutschland. Die NS-Propaganda schwankte so auch teilweise zwischen Darstellungen der sowjetischen Feinde als primitive „Untermenschen“ und der lobenden Würdigung der fleißigen „Ostarbeiter“ in heimischen Fabriken. Rechtlos waren sie dennoch: Kleinste Vergehen oder angebliche Verfehlungen führten zu Strafe, KZ-Haft oder Ermordung. Den alliierten Luftangriffen waren die Sklavenarbeiter schutzlos ausgesetzt, die Lebensmittelversorgung war schlecht, die Arbeitsbedingungen manchmal, wie bei der unterirdischen Waffenproduktion, innerhalb kürzester Zeit tödlich. Und die NS-Bürokratie regelte ihre Verbote und Urteile in aller Gründlichkeit bis hin zum „Geschlechtsverkehrerlass“, dem Verbot sexueller Kontakte zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen. Kurz vor Kriegsende wurden schließlich noch Tausende ausländische Arbeiter gezielt getötet.

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus gerieten die sowjetischen Überlebenden gleich in die Fänge des nächsten totalitären Regimes mit sozialer Deklassierung bis hin zur Sklavenarbeit im Gulag. Denn Stalin war der Überzeugung: Wer in Deutschland überlebt hat, muss kollaboriert haben. Auch in anderen Ländern wurden die ehemaligen Zwangsarbeiter oft als Verräter angesehen, hatten sie doch dem Feind geholfen. Es dauerte lange, bis sie über ihre Erfahrungen öffentlich sprechen konnten – und noch länger, bis überhaupt der Gedanke an eine geregelte Entschädigung aufkam.

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Der Reichseinsatz verbindet deutsches und ausländisches Archivmaterial aus der NS-Zeit, Wochenschauen und Propagandafilme mit Interviews ehemaliger Zwangsarbeiter. Sie stammen aus acht verschiedenen Staaten. Der Dokumentarfilmer Werner Bergmann hat sie in ihren Heimatländern aufgenommen und quer durch Deutschland zahlreiche Orte einstiger Arbeitseinsätze besucht: Fabriken und Höfe, verfallene Barackensiedlungen, „Arbeitserziehungslager“. Mit einem ehemaligen Wachmann sucht er die Ruine einer Pulverfabrik irgendwo im Wald bei Geesthacht auf, wo Hakenkreuze auf die moosbewachsenen Trümmer geschmiert sind. Dieser Mann ist der einzige Protagonist von der deutschen Seite des Zwangsarbeitsapparates. Der Zwangseinsatz konzentriert sich auf die Geschichten der Opfer des Systems. Spannend wäre dennoch gewesen, auch die deutschen Nutznießer zu befragen, die so zahlreich gewesen sind, all die heutigen Unternehmen, all die Höfe und Haushalte.

Der Reichseinsatz schließt seinen großen chronologischen Erzählbogen mit der Andeutung der schwierigen Entschädigungsgeschichte – oder ihrer Nichtgeschichte in der Bundesrepublik und dem wiedervereinigten Deutschland. Dass der in den 1990er Jahren entstandene Film überhaupt auf DVD erscheint, verdankt er auch dem erst jüngst wirklich gewachsenen Interesse für die Zwangsarbeit im „Dritten Reich“, die lange Zeit nur als Randthema der Geschichtswissenschaft wahrgenommen wurde. Erst im Jahr 2000 richtete der Deutsche Bundestag die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ein, welche materielle Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeiter bereitstellen soll. Und 2010 entstand die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“, die sich erstmals umfassend mit dem Thema beschäftigt. Wie diese Ausstellung ist auch der Film Teil einer späten Anerkennung von Millionen erzwungenen Schicksalen.

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