Der Prozess

Ein epischer Gerichtsprozess, ein Stück deutscher Fernsehgeschichte, ein Mammutwerk zur NS-Vergangenheit: Eberhard Fechners sinfonischer Gesprächsfilm ist endlich auf DVD erschienen.

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„Man ist wie ein Schilfrohr im Wind, man kann da nichts machen.“ Das sagt Hermann Hackmann, ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Schutzhaftlagerführer in Majdanek zu seiner Beteiligung an Morden während der NS-Zeit. „Ich bin ein ganz weicher Typ. Ich könnte so was gar nicht tun“, erklärt Emil Laurich, ehemaliger SS-Hauptscharführer, verantwortlich für Erschießungen und Häftlingsmisshandlungen. „Ich meine, wir haben doch versucht, nach dem Krieg alles gut zu machen. Wir haben dem jüdischen Staat sehr viel … Milliarden gegeben, wir haben den Polen Millionen gegeben. Wir haben doch alle entschädigt und haben versucht, auf diese Art und Weise etwas gutzumachen.“ So die frühere KZ-Aufseherin Hildegard Lächert, in Majdanek wegen ihrer tödlichen Wutausbrüche als „blutige Brygida“ gefürchtet.

„Wir haben doch alle entschädigt“

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Die Stimmen dieser und anderer NS-Täter hat Eberhard Fechner in seinem Interviewfilm Der Prozess (1984) eingefangen. Darin begleitete der Regisseur über sechs Jahre das längste Verfahren zu nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte: den Düsseldorfer Majdanek-Prozess gegen 15 von insgesamt mehr als 1300 einstigen Bewachern des Lagers. Der Prozess webt aus 230 Stunden gedrehtem Material drei 90-Minüter. Gefilmt wurde nicht die Verhandlung vor Gericht, sondern private Gespräche mit allen Beteiligten: Angeklagte, Zeugen – darunter einstige Häftlinge und SS-Leute –, Ermittler, Staatsanwälte, Prozessbeobachter, Verteidiger … 70 Interviews führte Eberhard Fechner. Eine epische Leistung, die unter heutigen Produktionsbedingungen nicht mehr möglich wäre.

Kunst des langen Atems

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Als Dokumentarist und Interviewer ist Fechner von einem ähnlichen Kaliber wie Claude Lanzmann (Shoah, 1985) oder Marcel Ophüls (Das Haus nebenan, 1969). Seine Interviewpartner befragte er in stundenlangen Gesprächen, mehrere Tage hintereinander, um mögliche Selbstinszenierungen zu überwinden. Nach Abschrift aller Interviews – sie füllten über 8000 Seiten – montierte Fechner das Material zunächst auf dem Papier. Dieses vom Text ausgehende Vorgehen mündet in einen künstlichen Dialog: Sich widersprechende Aussagen werden im Film gegenübergestellt, Opfer und Täter schildern den gleichen Vorgang, eine Person führt den Satz einer anderen zu Ende. Die Bezeichnung „Dokumentarfilm“ hat Fechner für seine vielstimmigen Montagen immer abgelehnt. Lieber nannte er sie: „Filmerzählungen, die mit dokumentarischen Stilmitteln gemacht sind.“

Seelische Bakterien

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Es hat lange gedauert, bis der NDR als Auftraggeber der Produktion die Rechte zur DVD-Veröffentlichung freigegeben hat. Endlich konnte der Filmverlag absolut Medien dieses Werk zugänglich machen, das zu den wichtigsten Beiträgen der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus im westdeutschen Fernsehen zählt. Neben tiefen Einblicken in die Schwierigkeiten (und das Scheitern) der justiziellen Aufarbeitung von NS-Gewaltverbrechen in Deutschland bietet Der Prozess die seltene Gelegenheit, damaligen Tätern und Täterinnen zuzuhören. Die Selbstwahrnehmung der Angeklagten, die ihre Taten meist bestreiten und sich als Opfer der Justiz sehen, ist insofern erstaunlich, als sie, so scheint es, nicht bewusst lügen, sondern sich tatsächlich inzwischen anders erinnern. Das Einfangen dieser Szenen des beharrlichen Verinnerns macht wütend über so viel Verdrängungsfähigkeit. Fast vital wirkt es da, wenn der Konflikt zwischen eigenem Selbstbild und anderslautender Anklage wenigstens im Körper tobt: Hildegard Lächert, bekannt für schwerste Misshandlungen von Gefangenen, entwickelte während des Prozesses rote Flecken am gesamten Leib, die sie hilflos der Kamera zeigt. „Das sind Bakterien – seelische“, kommentiert ein Zeuge.

Lebendiger Nazismus

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Unheimlich wirkt auch das Vorgehen einiger Verteidiger, unter denen sich ehemalige NSDAP-Mitglieder befanden, die nach dem Krieg wieder in rechten Kreisen aktiv wurden. So stellte Anwalt Ludwig Bock den Antrag, eine Zeugin wegen „Beihilfe zum Mord“ zu verhaften: Sie hatte als Gefangene im Lager Zyklon-B-Büchsen schleppen müssen. Und Dr. Wilhelm Stolting, der vor 1945 am Sondergericht Bromberg als Staatsanwalt zahlreiche Todesurteile wegen Bagatelldelikten beantragt hatte, erklärte bereitwillig vor der Kamera, er würde die damaligen Tötungen heute unter gleichen Umständen wieder beantragen. Während im Gerichtssaal die Verteidiger Holocaust-Überlebende ins Kreuzverhör nahmen, als wären sie die wahren Angeklagten, verteilten draußen Rechtsextreme Flugblätter, um die „Vergasungslüge“ anzuprangern. Die Urteile, gefällt nach 474 Sitzungstagen, fielen in den meisten Fällen überraschend gering aus.

Eberhard Fechner ist Vertreter einer Generation von Fernsehautoren, die an die gesellschaftspolitische Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und an ein aufklärungsbereites Publikum glaubten. Der Prozess gebraucht keinen Off-Kommentar. Der Film braucht Zuschauer, die bereit sind, in den Fluss der präzise orchestrierten Erzählungen einzutauchen. Dann entfaltet sich deutsche Geschichte zwischen hochspannendem Lehrstück, eisigem Staunen und Farce.

Kommentare


ule

Große Klasse, bei allem Ekel genüber den teilweise grenzdebilen Mitlauf-Nazis. Das Großartige an der Dokumentation ist, das sie die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit des Quälens und Tötens darstellt. Teilweise schwer erträglich, den Tätern und deren Anwälte zuzuhören. Ein Lehrstück.






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