Der Preis des Überlebens – Kritik

Der beklemmende Dokumentarfilm berichtet von den Erfahrungen der Kinder eines KZ-Überlebenden und wie tief die Traumatisierung des Vaters auch ihr Leben, das Leben der „zweiten Generation“, bestimmt hat.

Der Preis des Überlebens

Immer wieder ist zu hören, dass es an der Zeit sei, unter die Problematik der nationalsozialistischen Konzentrationslager einen Schlussstrich zu ziehen. Eine der fadenscheinigen Begründungen für diese Debatte ist interessanterweise das Argument, dass es ohnehin kaum noch Überlebende der Lager gebe. Noch abgesehen von der rein biologischen Nachvollziehbarkeit dieser Ansicht, alle Überlebenden stehen heute in hohem Alter, und auch abgesehen von einer nicht nur wissenschaftlichen Betrachtungsweise, nach der ein historisches Geschehen immer wieder vergegenwärtigt werden muss, gleichgültig, wie weit es zurückliegt, unterschlägt die Rede von dem Ende der Diskussion die unglaubliche Wucht und barbarische Grausamkeit – um einmal das Wort von der Einmaligkeit zu vermeiden –, mit der die KZ-Haft die Überlebenden gekennzeichnet hat und darüber hinaus auch an deren Kindern und Kindeskindern noch ihre Verheerungen anrichtet.

Während kein ernstzunehmender Mensch mehr an den Auswirkungen der Haft an den Überlebenden selbst zweifelt, sind die psychologischen Folgen der nachfolgenden Generation(en) zwar in der Wissenschaft ein seit langem diskutiertes Faktum, werden in der breiteren Öffentlichkeit aber weder ernst- noch überhaupt wahrgenommen. Es wäre zu wünschen, dass sich dies jetzt mit dem Dokumentarfilm Der Preis des Überlebens (De Prijs van Overleven) von Louis van Gasteren nachhaltig ändert.

Der Preis des Überlebens

Schon vor 35 Jahren hat der niederländische Dokumentarfilmregisseur den KZ-Überlebenden Joop in seinem Film Verstehst du jetzt, warum ich weine? (Begrijpt u nu waarom ik huil?, 1969) porträtiert. Der Preis des Überlebens ist insofern als Fortsetzung zu verstehen, als er versucht, ein Porträt davon zu zeichnen, wie die Familie Joops, seine Frau Dina und die drei Kinder, den durch die Lagerhaft traumatisierten Ehemann und Vater erlebte. Das erste, äußere Anzeichen für das schwierige Verhältnis, zumindest der Kinder, ist, dass sich sowohl die Tochter als auch der ältere Sohn nicht im Film äußern wollten, da beide den Kontakt zu ihrer Familie längst abgebrochen haben; im Fall der Tochter so endgültig, dass sie ihren Namen änderte – von ihnen erhielt der Regisseur umfangreiche Schreiben, die er teilweise verwenden durfte und stummen Zeugnissen gleich als Schrifttafeln in den Film montiert hat.

Den jüngeren Sohn Rainier, Geschichtslehrer an einer Amsterdamer Schule, interviewte Gasteren. Er berichtet etwa davon, dass der Vater sich ein Segelboot kaufte. Aber nicht, weil er gern segelte; für den Segelsport hatte er nichts übrig. Das Boot sollte nur zur Flucht dienen, falls die Deutschen wieder einfallen. „Nochmal kriegen sie mich nicht!“, hat er ihnen immer wieder gesagt. Deshalb hatte er auch eine Waffe und den Kindern unmissverständlich gesagt, dass er bei einem Kriegsausbruch erst sie, dann seine Frau und zum Schluss sich selbst damit erschießen würde. Diese Vorkehrungen für die Zukunft hatte Joop getroffen, weil er die Vergangenheit nie loswerden konnte. „Alles“, so lesen wir in einer Erinnerung des älteren Sohnes, „was man sagte, machte meinen Vater traurig. Also hielt man lieber den Mund.“

Gleichgültig, wovon auch immer geredet wurde: der Vater setzte alles in einen Bezug zu den Erlebnissen in den deutschen Konzentrationslagern. Die Kinder können sich nicht erinnern, dass in ihrem Elternhaus auch nur einmal herzhaft gelacht wurde. Als Dina in einem alten Fotoalbum blättert, das ihren Mann vor dem Krieg albern auf Laternen kletternd zeigt, spricht sie noch einmal aus, was sie Gasteren schon in einem Interview in den sechziger Jahren gesagt hat: Der Joop, der aus den Lagern zu ihr zurückkam, war nicht der Joop, den sie vor dem Krieg gekannt hat.

Die Tochter formuliert es in ihrer Verbitterung härter: „Sie hätten dich im Lager behalten sollen. Das hätte uns viel Elend erspart.“ Denn permanent wurden die Kinder mit den Erfahrungen des Vaters konfrontiert. Kein Gespräch, in dem nicht das KZ eine Rolle gespielt hätte. Rainier berichtet von ständigen Alpträumen, in denen er sich selbst im Lager sah. Die erschütterndste Folge seiner ständigen Auseinandersetzung mit dem Erleben des Vaters und der unauslöschlichen Prägung des eigenen Verhaltens ist wohl, dass er sich gemeinsam mit seiner Frau zur Kinderlosigkeit entschloss: „Damit wir das Elend nicht an noch eine nächste Generation weitergeben!“ Hier wird durch die Vermittlung des Filmes in einer Deutlichkeit und Unwiderlegbarkeit von den ganz existenziellen und eben noch immer bestehenden Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft gesprochen, dass auch nur die Idee von einem Ende der Beschäftigung damit ad absurdum geführt wird.

Gasterens Film ist aus aktuellen Interviews mit Joops Witwe Dina und dem Sohn Rainier montiert. Dazwischen wurde Dokumentarmaterial geschnitten, vorwiegend aus Gasterens Aufnahmen der sechziger Jahre, und es wird das Begräbnis Joops gezeigt. Auch den Besuch Dinas in Sachsenhausen durfte Gasteren filmen. Hier, in einem der Lager, in denen Joop gefangengehalten wurde, verstreut sie die Asche ihres verstorbenen Gatten, dessen letzter Wunsch es war, bei seinen Kameraden zu bleiben. Die Hoffnung aber, dass mit dem Tod ihres Mannes die Belastung und seelische Gefährdung durch die Konzentrationslager endlich vorüber sei, hat Dina nicht einen Moment – „Das Lager, in dem ich nie war, das kann ich nicht vergessen.“

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