Der Polarexpress

Für einen Weihnachtsfilm hat sich das oscarprämierte Erfolgsduo Tom Hanks / Robert Zemeckis wieder zusammengetan. Ihr Polarexpress ist die computeranimierte Verfilmung eines Kinderbuchs mit herzerwärmender Handlung und spektakulären, visuellen Attraktionen.

Der Polarexpress

Seitdem Computeranimationen erfunden wurden, gibt es Befürchtungen, dass menschliche Schauspieler durch sie immer weiter zurückgedrängt werden könnten. Die Computertechnologie ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass Gegenstände, Tiere und sogar Wasserbewegungen nahezu realitätsgetreu am Computer animiert werden können. Nur bei menschlicher Mimik und Bewegung existiert immer noch eine scheinbar unüberwindbare Hürde, sodass den Menschenfiguren aus dem Computer bis heute immer etwas Marionettenhaftes innewohnt.

Schon in Forrest Gump (1994) kombinierte Robert Zemeckis Realfilm mit Computereffekten. Mit Der Polarexpress entwickelt der Regisseur für die Animation von menschlichen Figuren die mittlerweile bekannte Methode des motion capturing weiter, die bislang hauptsächlich für die Übertragung menschlicher Bewegungen auf Tier- und Phantasiewesen eingesetzt wurde.

Der Polarexpress

Vielleicht liegt es an den puppenhaft wirkenden Menschen, dass Der Polarexpress einer der unheimlichsten Kinderfilme seit Pinocchio (1940) ist. Handlungsgrundlage des Films ist das in den USA erfolgreiche Bilderbuch von Chris van Allsburg über eine Reise auf der Suche nach dem Weihnachtsmann. Vor dem Fenster eines Jungen, der die Existenz des Weihnachtsmanns anzweifelt, hält in der Nacht vor Weihnachten ein magischer Eisenbahnzug. Der Schaffner des Zuges gibt ihm den Rat, nicht zu fragen, wohin der Zug fahre, es sei nur wichtig einzusteigen. Und so macht sich der Junge zusammen mit anderen Kindern auf eine hindernisreiche Reise zum Nordpol, um den Weihnachtsmann zu besuchen. Ein Großteil der Aktion besteht aus spektakulären rides, da der Film auch als 3D-IMAX-Version konzipiert ist. Gekonnt werden Variationen Achterbahn-ähnlicher und vor allem bewegter Sequenzen mit der eigentlichen Handlung verknüpft.

Für Kinder ist diese Reise zum Nordpol ein Abenteuer. Der Film wartet mit einem Wunderland auf, in dem in einem Augenblick der strenge Zugschaffner noch droht, Kinder aus dem Zug in die Eiseskälte zu werfen und er im nächsten Moment als liebevolle Vaterfigur erscheint. In rasanten Berg- und Talfahrten des Zuges durch Sturm und Eis jagt man wie in einem Computerspiel von Level zu Level und am Ende der Reise wartet ein großer Sack voller Geschenke, welche von Tausenden Elfen in einer frühindustriell geprägten Nordpolstadt gefertigt wurden.

Der Polarexpress

Für Erwachsene hält der Film innerhalb der Weihnachtssymbolik auch grundsätzliche Metaphern über den Glauben an etwas, was man nicht vollkommen fassen oder begreifen kann, bereit. Im Kern sind es Fragen nach Unschuld und Reife, nach dem Verlust der Kindheit und der Hoffnung, erwachsen werden zu können, ohne den Glauben zu verlieren. Das Zweifeln des namenlosen Helden an der Existenz des Weihnachtsmanns ist das Zweifeln eines Erwachsenen. „Sehen heißt Glauben“ raunt in mehreren Szenen ein gespenstischer Landstreicher seinem kindlichen Gegenüber ins Bewusstsein. Am Ende des Films ist dem Jungen klar, dass die Existenz des Weihnachtsmanns von seinem eigenen Glauben an Weihnachten abhängt.

Zwischen Phantasiewelt und Realismus wandelt dieser Film auch technisch. Schauwert ist das performance capturing, ein Vorgang bei dem Schauspieler real gefilmt werden, um ihre Darstellung, ihre Mimik und Gestik anschließend auf die digitalen Filmfiguren zu übertragen. Auf diese Weise stand Tom Hanks für insgesamt fünf Figuren in diesem Film Pate. Den computergenerierten Menschenbildnissen haftet aber etwas Künstliches an, konfrontiert man sie mit dem analytischen Blick eines Erwachsenen. Lässt man sich hingegen auf die Phantasiewelt des Trickfilms ein, üben die Bilder eine hohe Faszination aus. Diese Faszination gründet sich auf der immer kleiner werdenden Kluft zwischen Computeranimation und Fotorealismus. Es sind Details in Gesichtern oder die Struktur von Haaren im Wind, die trotz ihrer Künstlichkeit eine hohe Realitätsnähe haben. Die Verknüpfung von artifiziellen und realen Bildwelten übt schon immer einen Reiz in Trickfilmen aus. Das ist nicht erst seit dem Einzug der Computertechnologie so. Schon Walt Disney hat seinen Mitarbeitern Szenen vorgespielt, damit seine Zeichentrickfiguren auf realen Bewegungsstudien basieren. Und in Richard Linklaters Zeichentrickfilm Waking Life (2001) wurde bei den Figuren ein äußerst hoher Realitätsgrad erreicht, indem erst reale Personen und Szenearien abgefilmt und dann vom Film abgezeichnet wurden. Regisseur Robert Zemeckis, der schon vor 16 Jahren in Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who Framed Roger Rabbit, 1988) das erste Mal im Kino Trickfilmfiguren zusammen mit realen Schauspielern in selben Räumen agieren ließ, geht hier technisch einen Schritt weiter, indem er reale Menschen und computeranimierte Trickfiguren vereint.

Im heutigen Kino vermengen sich zunehmend digitale und reale Bildwelten zu Hybridformen, die Lücke zwischen diesen Bildwelten wird immer geringer. Dies kommt aber nicht zwangsläufig einem Verlust von Menschlichkeit gleich. Im Kino geht es seit jeher um die Simulation von Realitäten. Und dass mit dieser Technologie auch humanistische Geschichten erzählt werden können, beweist dieser Film, der viele Formen des visuellen Entertainments mit einer märchenhaften Weihnachtsgeschichte verbindet.

 

Kommentare


martin karmann

Imposant an dem Film finde ich die eine oder andere Fahrtszene. Hier wird schon mal gezeigt, was uns Animationsfilme in Zukunft alles bieten werden: fliegende Kameras, die nahtlos von der Totalen in die Makro-Sicht schauen können. Und immer wieder Achterbahn-Effekte. Denn daß so ein D-Zug Action besser als Besinnlichkeit transportieren kann, ist wohl klar.

Die Story finde ich dumm. "Sehen heißt Glauben" wird fleißig betont. Der Film möchte uns glauben machen, daß Einbildung gut und Zweifel schlecht sei. Wissen ist hier nur zweite Wahl – blindes Vertrauen wird wichtig genommen. Aber wohin soll uns das führen?

"Wichtig ist nicht, wohin der Zug fährt. Wichtig ist, daß Du einsteigst." Diese dumpfe Herdenlehre ist die zentrale Botschaft des Films. Man darf sich nicht so viele Gedanken machen, sagt der Film. Aber muß man denn gleich den Verstand ausschalten, wenn man die Sentimentalität anknipst?

Sehen heißt Glauben, wenn in diesem Film die Mehrzahl der Kinder als wohlhabend gilt und in der ersten Klasse fährt.
Der traurige Billy, der im letzten Wagen sitzen muß, verkörpert als Einziger die Armut. Sonst sind alle gut versorgt. Eine krasse Umkehrung der Weltsituation. Der Polar Express entlarvt sich selbst als grobe Wohlstandsfantasie - der geschmacklose Nobel-Geländewagen für die wohlgenährten Kleinen.

Weihnachten spielt eine Nebenrolle. Es geht eigentlich darum, eine blankpolierte Manufakturen- bzw. Industrielandschaft positiv zu besetzen. Die Warenwelt erscheint hier als Ziel all unserer Wünsche. Der liebe Weihnachstmann ist Führer eines glücklichen Arbeiterheeres. Die wirkliche Hauptrolle aber spielen die Geschenke. An sie soll geglaubt werden. Darum wird auch gezeigt, wer die Produkte nach Kundenwunsch herstellt: schlecht genährte Kleinwüchsige mit ausländischem Akzent. Wer denn sonst, fragt sich der kindliche Herrenmensch im Kino.

Ein Wort darf man auch dem Symbol des Sterns widmen, das in bombenähnlichem Sturzflug den christlichen Ringelpiez bedroht. Der Stern wird natürlich gestoppt, bevor jemand zu Schaden kommt. Diesen (überflüssigen) Moment lang befindet sich die süße Welt "under attack", aber ohne Augenzwinkern. Dem nicht bekehrten Kinobesucher bleibt ein schaler Geschmack von Propaganda.

Zweifler lassen sich nicht so einfach zu Gläubigen umpolen, wie es der Film darstellt. Auch der zuversichtlichste Glaube macht arme Menschen nicht wohlhabend, wie es uns diese Mär vom Segen der industriellen Produktion erzählen möchte. Zweifel sind also weiterhin angebracht, auch und gerade zu Weihnachten.






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