Der Papst ist kein Jeansboy

Egokreuzweg im Museum seiner selbst: Der Regisseur Sobo Swobodnik besucht den selbsternannten Scheiterhaufen Hermes Phettberg.

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Der Filmbeginn trügt: Irgendwer klingelt an der Tür, die Kamera hopst die Treppe hoch und findet sich wieder in einer proppenvollen Wohnung in Wien-Mariahilf, während aus dem Off ein Traum verlesen wird, gleich doppelt wird hier in Intimität eingedrungen. Aber man tritt nicht so leicht in den Mikrokosmos des Hermes Phettberg, wie es der Film des Regisseurs Sobo Swobodnik tut. Anfangs wirkt es so, als zerrte die Kamera den Zuschauer in die Wohnung, obwohl sie doch jede einzelne Stufe streift, fast behutsam. Es dauert tatsächlich, bis sich der Zuschauer von der Tür gelöst und die Kamera eingeholt hat, dort, wo sie sich gierig von dem nährt, was man – wie eine seiner vergangenen Performances – Hermes Phettbergs „Verfügungspermanenz“ nennen könnte: Unentwegtes Zur-Schau-Stellen, das keine Bedeutungshierarchie kennt, die Beschaffenheit des heutigen Stuhlgangs neben die Frage nach der „Fantasie“ Gott stellt. Doch Exhibitionist ist nur, wer einen Zuschauer hat; die Verfügungspermanenz ist nur sichtbar, wenn einer verfügt, wenn einer gafft, und zunächst fragt man sich, warum Sobo Swobodnik beschlossen hat, an dieser Permanenz teilzuhaben, ihr eine Bühne zu geben.

Das Gesamtkunstprojekt Scheiterhaufen

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Hermes Phettberg ist ein Mann, der Bühnen gewohnt ist und nach ihnen giert, es ist ein Mann, der nur auf der Bühne existiert. Der 1952 Geborene galt als Enfant terrible der österreichischen Kulturszene, Harald Schmidt soll ihn ein „Gesamtkunstprojekt“ genannt haben. In den 1990ern moderierte er Phettbergs Nette Leit Show und wog 200 Kilo. 2007 zwangen ihn drei Schlaganfälle in die Knie, nun schlurft er buckelig durch die Wohnung und kann sich kaum noch artikulieren. Er ist auf 70 Kilo heruntergemagert, labbrig hängt ihm die Haut vom Bauch. „Einen Scheiterhaufen“ nennt er sich selbst, doch Der Papst ist kein Jeansboy ist nicht die Geschichte eines Verfalls, er zeichnet nicht die Linie nach vom Gesamtkunstprojekt zum Scheiterhaufen, er dekonstruiert nicht die Kultfigur Phettberg. Vielmehr erklärt er den Scheiterhaufen zum Bestandteil des Gesamtkunstprojekts.

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Dabei ist Swobodniks Kamera keine beschönigende, was, am Rande gemerkt, insofern stimmig ist, als Phettberg Schönheit und Kunst gewaltsam entkoppelte (in seiner „sadomasochistische Verfügungspermanenz“ genannten Kunstaktion lag er nackt und angekettet auf dem Museumsboden, zur freien Verfügung der Besucher, die mit ihm tun konnten, was sie wollten). Das elegante Schwarz-Weiß mag das Unansehnliche ansehnlicher machen, es verbirgt nicht das Elend, zu dessen Sachverwalter Phettberg geworden ist. Jeder Schritt, jeder Satz ist ein Kampf, mühsam hervorgebracht, stockend, stakkatoartig. Damit sich die volle Kraft seiner Texte entfaltet, hat der einst so Eloquente das Lesen seiner „Predigten“ genannten Kolumnen in der Wiener Wochenzeitung „Falter“ an Josef Hader delegiert, die Stimme aus dem Off. Hermes Phettberg rührt einmal kräftig die Sprache um, es sprießt nur so vor verquerer Syntax und großartigen Wortneuschöpfungen.

Die kluge Predigt oder der sabbernde Mund

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Die Freiheit im Umgang mit der Sprache findet ihr brutales Gegenstück im maroden Körper Hermes Phettbergs, der den scharfsinnigen Geist – das wird sehr deutlich – gefangen hält, ihn in früheste Entwicklungsstadien zurückwirft, als weder Gehen noch Sprechen selbstverständlich waren. Sobo Swobodnik scheut sich nicht davor, den Gegensatz zwischen dem siechen Fleisch und dem schnellen Verstand auf die Spitze zu treiben. Er zeigt beides, Josef Haders lakonische Stimme überlappt sich mit Aufnahmen, in denen Hermes Phettberg sich in all seinen körperlichen Schwächen bloßstellt, und man ist geneigt, sich zu fragen, ob sich im Akt des Bloßstellens der Bloßsteller nicht vom Bloßgestellten entkoppelt, Hoheit über ihn erlangt. Wer ist Hermes Phettberg? Ist es die kluge Predigt oder der sabbernde Mund, der sie beim Sprechen verhunzt? Kann man sich von seinem Körper entsolidarisieren? In der Causa Hermes Phettberg fällt die Frage noch schwieriger aus, er, der bekennende schwule Sadomasochist, der so dezidiert die Körperlichkeit feiert. Zwölf Mal werden Sprüche aus öffentlichen Wiener Toiletten eingeblendet: „Wer will mich benutzen? Bin jeden Dienstag, 16 Uhr, hier.“ Wenn es ein Kreuzweg wäre, würde er an der zwölften Station, dem Tod am Kreuz, enden. Keine Auferstehung, keine Überwindung der irdischen Beschränkungen.

„Ich sage ich, wenn ich du meine“

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Dieses Ich, von dem also nicht genau klar ist, auf was es sich alles bezieht, steht unentwegt im Zentrum des Films. „Ich-Kunde“ nennt Hermes Phettberg sein ganzes literarisches Schaffen. Eine Ich-Kunde, die ihre Vollendung aber nur in der Erkundung durch Dritte findet. Anfangs heißt es in einer der vorgelesenen „Predigten“: „Der große Kafka wollte, dass alles je von sich Gegebene verbrannt wird. Ich hingegen will, obwohl alles von mir Gegebene erbärmlich ist, dass alles unbedingt ewig erhalten bleibt.“ Dass Hermes Phettberg ein Narziss ist, wird schnell klar. Es vergeht mehr Zeit, bis einem einleuchtet, was dieses Ich mit uns zu tun hat, welche Fragen Hermes Phettbergs Existenz an einen selbst stellt. Dabei liefert Hermes Phettberg früh im Film den Schlüssel: „Ich sage ich, wenn ich du meine“.

Trailer zu „Der Papst ist kein Jeansboy“


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