Der Name der Leute

Bahia Benmahmoud sieht die Dinge nicht unnötig differenziert. Es gibt nun einmal Faschos und Nicht-Faschos, und sie will dafür sorgen, dass die Zahl der Faschos sinkt. Umbringen? Ach was, vögeln!

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Die extrovertierte Schönheit Bahia (Sara Forrestier) ist eine selbsternannte pute politique. Sie macht sich an politische Gegner heran, um diese per Geschlechtsverkehr zu bekehren und Frankreich so langsam von Reaktionären, Neoliberalen und Rassisten zu befreien. Bei manchen von ihnen reicht ein One-Night-Stand, andere sind ihr eine mehrwöchige Affäre wert. Ihr Aussehen, das glücklicherweise nicht sofort ihre teilweise algerische Herkunft verrät, und ihren Körper setzt Bahia als politische Waffe ein, sie „prostituiert“ sich, aber nicht für Geld, sondern für eine bessere Welt.

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Die Handlung von Michel Leclercs originellem Film Der Name der Leute (Le nom des gens) setzt ein, als Bahia zum ersten Mal nicht von der Männerwelt falsch eingeschätzt wird, sondern selbst eine solche Fehleinschätzung vornimmt. Denn sie hält den Veterinärmediziner Arthur Martin (Jacques Gamblin) mit seinem neurotischen Anzug-Auftreten, seinen hysterischen Warnungen vor einer Tierseuche und seinem Allerweltsnamen (laut Film gibt es 15.000 Arthur Martins in Frankreich) für einen prototypischen Rechten – und für ihr nächstes Opfer. Doch Arthur ist zwar ein etwas steifes Persönchen, als Jospin-Anhänger politisch aber durchaus akzeptabel. Und weil Leclerc sich auch mit seinem zweiten Werk nach La tête de maman (2007) im Feld der romantischen Komödie bewegt, hat Bahia bald mit dem Problem zu kämpfen, sich zu einem deutlich älteren Mann erstmals nicht aus Feindseligkeit hingezogen zu fühlen.

Der Witz des Drehbuchs von Der Name der Leute, das Leclerc zusammen mit seiner Lebensgefährtin Baya Kasmi geschrieben hat, gründet sich meistens, aber nicht immer aus dem klassischen Konzept von zwei äußerst gegensätzlichen Protagonisten – Verklemmtheit und Kontrollwut auf Arthurs, Direktheit und Exhibitionismus auf Bahias Seite. Leclerc thematisiert (und parodiert) dabei vor allem den stetigen Einfluss von Herkunft und elterlicher Sozialisation auf den späteren Charakter: Bahia setzt das „Werk“ ihrer politisch aktiven Mutter fort und ist über das Schicksal ihres Vaters als Flüchtlingsopfer des Algerienkriegs für die dunklen Seiten der Vergangenheit ihres Heimatlandes sensibilisiert. Arthurs Vater dagegen kämpfte auf französischer Seite in Algerien, während seine Mutter über ihre Erfahrungen als Jüdin während des Zweiten Weltkriegs nicht zu sprechen vermag. Die Rückblendentechnik, mit der Leclerc seine Figuren anhand besonders verschrobener Episoden aus ihrer Vergangenheit einführt, erinnert an die Anfangsminuten der Fabelhaften Welt der Amelie (Le fabuleux destin d’Amélie Poulain, 2001).

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Stärker noch steht Der Name der Leute in der Tradition Woody Allens. Die neurotischen, überzeichneten Figuren, die endlosen Gespräche über private wie politische Themen, der teilweise etwas arg respektlose Umgang mit dem Holocaust, das alles erinnert stark an Allens beste Zeit und verfehlt seine Wirkung nicht. Zwischenzeitlich geschieht in diesem Film etwas, das selten geworden ist in Liebeskomödien: Man bekommt ein Gefühl für jene radikale Freiheit, die sich aus den vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen ergibt und deren vielleicht gelungenster Ausdruck Allens Stadtneurotiker (Annie Hall, 1979) ist. Leclerc und Kasmi haben sich beim Schreiben nicht auf originelle Dialoge und die Eigenheiten ihrer Figuren beschränkt, sondern schon das Drehbuch stark visuell gedacht. So erscheint das Glück der frisch Verliebten in verspielten Super16-Aufnahmen, und weil für Bahia Nacktheit eher der Normalfall ist, lässt sie sich von Arthur in der ersten erotischen Szene nicht aus- sondern anziehen.  Ausgefüllt wird die grandiose Vorlage von einem mal wieder überzeugenden Jacques Gamblin und der lebhaften und für die Rolle der Bahia mit einem César ausgezeichneten Sara Forrestier, die gekonnt mit den Möglichkeiten wie Gefahren spielt, die in einer überzeichneten Figur angelegt sind.

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Auch wenn sich Leclerc insgesamt gegen eine politische Zuspitzung und für das Primat der Liebesgeschichte entscheidet, wohnt dem Dialogfeuerwerk ein ernster Gehalt inne. Die Wut des Regisseurs über bestimmte politische Entwicklungen in Frankreich und die Enttäuschung über eine zunehmend fremdenfeindliche Gesellschaft ist ständig spürbar. So ist ihm mit Der Name der Leute nicht nur der beste Woody-Allen-Film seit langer Zeit gelungen, sondern auch eine Bezugnahme auf politische Themen ohne plumpe Didaktik. Vor allem geht es ihm aber um die vermeintlich determinierende Kraft von Herkunft und Identität. Diese bestimmt zunächst auch Leclercs Figuren, wird hier aber so respektlos und spielerisch verhandelt, dass sie nicht als Schicksal erscheint, sondern als zu überwindendes Hindernis. In diesem Sinne steht die pute politique weniger für eine explizite Lebensweise als für eine vielleicht etwas altmodische Vorstellung von gesellschaftlicher Veränderung durch Liebe – eine Liebe, die sich um Identitäten nicht schert und ihren Ausdruck in einem Satz Bahias in der Mitte des Films findet: „Scheiß auf Wurzeln.“

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Kommentare


Leonie Wertheim

Eine politisch verpackte Romanze. Gute Unterhaltung, die mit teilweise schwierigen Themen locker daherkommt.


H.Weigel

Köstlich: Der lockere aber nicht respektlose Umgang mit Tabuthemen wäre im gutmenschigen Deutschland unddenkbar - man wünschte sich mehr putes politiques...






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