Müll im Garten Eden

Ein Filmchen mit Mission: Ziviler Ungehorsam und ein zum Himmel stinkender Umweltskandal.

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Meist ist es ja so, dass ein Film sich seine Fundamente selbst baut, dass Team und Regisseur zu Drehbeginn von dannen ziehen, um etwas zurückzubringen, eine Idee konkret werden zu lassen, die Wirklichkeit so zu biegen und zu zerstückeln, dass sie als filmische Welt entstehen kann. Dann aber gibt es auch immer wieder Filme, die viel eher wie durch die Wirklichkeit erzwungen scheinen, bei denen sich die realen Ereignisse auf den Regiestuhl setzen und bestimmen, wie lange, wo und was gedreht werden soll.

Fatih Akins Müll im Garten Eden scheint dieser zweiten, sagen wir einmal „journalistischen“ Form anzugehören. Als der Hamburger vor fünf Jahren damit begann, im Heimatdorf seines Vaters an der türkischen Schwarzmeerküste zu filmen, kann ihm unmöglich klar gewesen sein, dass sich die provinzielle Geschichte über eine umstrittene Mülldeponie zu einer kleinen Parabel über die türkische Gesellschaft ausweiten würde. Oder aber er ahnte das sich anbahnende Desaster im Voraus und folgte seinem Instinkt. So oder so: Müll im Garten Eden ist ganz offensichtlich eine Herzensangelegenheit, ein kleiner, improvisierter, ungeschliffener Film, der klar Partei ergreift und sich ein bisschen über vieles aufregt, was schiefläuft in der nach neuem Glanz strebenden Nation jenseits des Bosporus.

Muell im Garten Eden 02

Vom ersten Spatenstich an wurde den Bewohnern von Çamburnu übel mitgespielt: Wenn die Mächtigen es so wollen, zählen Gesetze und Bauvorschriften nicht viel. Statt des vorgeschriebenen Kilometers liegt die nächste Siedlung nur einen Steinwurf von der Deponie entfernt, die Kläranlage ist mit dem niederschlagsreichen Wetter der Schwarzmeerküste vollkommen überfordert, die Schutzplanen haben schon Risse, bevor der erste Müll überhaupt abgeladen werden konnte. Die Folgen? Infernalischer Gestank, verseuchtes Trinkwasser, massiver Bevölkerungsverlust, giftiger Tee.

Es dauert ein wenig, bis die Katastrophenspirale nach einer zähen ersten Hälfte die Regie über die Geschehnisse übernimmt, doch dann ist man als Zuschauer mehr und mehr, gemeinsam mit der zunehmend verzweifelt agierenden Dorfbevölkerung, ziemlich mitgenommen von der Ignoranz der Verantwortlichen. Aber alle Straßenblockaden, Spontandemonstrationen und Marathonmärsche durch die behäbige türkische Justiz bleiben fruchtlos: Der Müllberg wächst weiter, der Giftschaum im Trinkwasser blubbert gemütlich vor sich hin, die Ingenieure wollen von Problemen nichts wissen. Wer ist schuld? „Die Chefs“, „der Regen“, „Allah“. Ein jeder deutet mit dem Finger nach oben.

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Akin ist kein wirklich talentierter Dokumentarist, ihm fehlt das Gespür für mitreißende Interviewpartner oder aber für die richtigen Fragen, und insgesamt hätte der Film einige Umwege einsparen und etwas strafferen Schrittes zum Punkt kommen können. Müll im Garten Eden ist visuell wie inszenatorisch ziemlich unspektakulär, mehr aktivistische Intervention denn vollwertiges Filmwerk. Aber an der Ehrlichkeit seiner Motivation gibt es wenig zu rütteln. Und: Wenn man als Zuschauer nicht selten Lust bekommt, in die Leinwand zu hüpfen und die Betonköpfe vom Umweltamt mit der Nase in die pechschwarze Giftbrühe zu drücken, die da aus ihrer Deponie an den Hängen hinab ins Meer rinnt und die sie einfach nicht sehen wollen, dann ist schon einiges erreicht.

Trailer zu „Müll im Garten Eden“


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