Der Mörder mit dem Seidenschal

1966 – Papas Kino bebt (2): Regisseur Adrian Hoven taucht ein in das Wien der Nachtclubs, der kleinen Ganoven, der dunklen Gassen und der Halblichtgestalten. Ein klassischer Suspense-Stoff mit Dritter-Mann-Touch und großem Gespür für Schauplätze.

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Ein kleines Mädchen (Susanne Uhlen) beim Ballspiel im Hinterhof mit den Nachbarskindern. Ein Ballonverkäufer kommt vorbei, die Kinder rennen ihm hinterher. Das Mädchen bleibt zurück, sie müsse noch Geld holen, ruft sie den anderen hinterher. Vor ihrer Wohnung findet sie die Tür verschlossen, die Mama (Helga Liné), die offensichtlich Besuch von einem Mann (Carl Möhner) hat, öffnet nicht, reagiert nicht auf ihre Rufe. Ein Blick durch den Briefkastenschlitz zeigt die Mutter im Streit mit einem Fremden. Es geht um Geld. Als die Mutter doch die Tür öffnet, sieht das Mädchen das Augenpaar des Mannes über der Schulter ihrer Mama, das starr auf sie gerichtet ist. Sie solle jetzt gehen und später zurückkommen, sagt die Mama, nicht ohne dem Mädchen einen Brief zuzustecken. Wenig später ist der Mann verschwunden, die Mutter liegt erdrosselt auf dem Boden der kleinen Mietwohnung. Von dem Mädchen, das den Mörder als Einzige gesehen hat, fehlt jede Spur. Die Polizei begibt sich auf die Suche, wissend, dass es in Lebensgefahr schwebt …

„Gar nicht wie so’n Tiroler Lackl“

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Als „Wilhelm Arpad Hofkirchner“ 1922 in Österreich geboren, kam Adrian Hoven in den 1940er Jahren zum Film und entwickelte sich auch dank seines guten Aussehens zum gefragten Darsteller in Liebes-, Heimat-, Kriegs- und Kriminalfilmen. Will Tremper, berühmter „Stern“-Journalist und Regisseur von etwa Die endlose Nacht (1963) oder Playgirl (1966), erinnert sich in seiner lesenswerten Autobiografie Meine wilden Jahre an Hofkirchner, dessen Umbenennung er mitinitiiert haben will, weil er „gar nicht wie so’n Tiroler Lackl“ ausgesehen habe:

„Als Adrian Hoven hat der Peter Hofkirchner noch 1949 in dem Zirkusfilm Tromba von Helmut Weiß seinen Durchbruch erlebt, im Jahr darauf in Föhn dem Hans Albers schon die Lilo Pulver ausgespannt, und danach war seine Karriere nicht mehr aufzuhalten. In großen Filmen, wie Canaris und Wien, du Stadt meiner Träume, und sogar bei Faßbinder hat er mitgemischt, gut und gern fünfzigmal. Und natürlich ist er völlig durchgeknallt, der ,Sepp‘, behauptete plötzlich, sein wirklicher Vorname sei ,Arpad‘ und Weiß habe ihn als ,Werkspilot von Messerschmitt‘ für den Film entdeckt. Und dann führte er unter dem Namen Percy Parker auch noch selbst Regie und ruinierte sich als Produzent mit heillosen sado-masochistischen Horrorfilmen, die er selbst schrieb und Im Schloß der blutigen Begierden [sic!] und Hexen – geschändet und zu Tode gequält titelte. Im Wartezimmer unseres gemeinsamen Zahnarztes in Grünwald habe ich ihn kurz vor seinem Herztod, 58 Jahre alt, noch einmal getroffen und zum erstenmal erkannt: Mit seinen Mißerfolgen wird fast jeder fertig, mit Erfolg nur die wenigsten.“

Ein unnachahmlicher sense of place

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Hovens eigentliches Regiedebüt, eben diesen Der Mörder mit dem Seidenschal, lässt Tremper aus, wahrscheinlich, weil er ihn vergessen oder auch nie gesehen hat, möglicherweise aber auch einfach, weil er nicht so recht reinpassen will in die von Tremper erdachte Dramaturgie vom schönen Glückspilz, der auf seinen eigenen Erfolg hereinfällt und größenwahnsinnig wird. Laut eigenen Aussagen drehte Hoven den Film, weil er genug hatte von der betulichen Schönfärberei der Heimatschnulzen und Liebesfilme, die er bis dahin in Reihe gemacht hatte, und ein anderes Wien zeigen wollte: das Wien der Nachtclubs, der kleinen schmierigen Ganoven, der dunklen Gassen, der Halblichtgestalten. Sein Der Mörder mit dem Seidenschal ist klassischer Suspense-Stoff, getragen von der stimmungsvollen Fotografie an Originalschauplätzen, der authentisch wirkenden Milieuzeichnung und den ausgezeichneten, unverbraucht und frisch agierenden Darstellern (allen voran die gerade zehnjährige Susanne Uhlen, aber auch der Italiener Folco Lulli und Hoven selbst, der als „sanfter Waldemar“ eine Glanzleistung abliefert). In der Verbindung dieser Elemente entwickelt der Film einen unnachahmlichen sense of place, der den Betrachter tief in seinen Bann zieht.

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In seinem Wien-Bild erinnert Der Mörder mit dem Seidenschal durchaus etwas an den großen Wien-Film von 1949, Carol Reeds Der dritte Mann (die Auftaktszene hingegen an einen Moment aus Fritz Langs M – Eine Stadt such einen Mörder (1931)). Auch dieser Nachkriegsthriller zeichnet die österreichische Hauptstadt als fremdartiges, feindliches Labyrinth voller schlagender Schatten, verborgener Winkel und zwielichtiger Gesellen, in dem ein Mensch spurlos verschwinden konnte und ein Fremder sich hoffnungslos verloren fühlen musste. Der Abstieg in die Kanalisation, wo es – bezeichnenderweise wie in Hovens Film – zum berühmten Showdown kam, war nur die äußerste Überhöhung dieses Bildes. In Der Mörder mit dem Seidenschal sieht man Wien nun aber nicht durch die Augen eines ortsunkundigen Amerikaners, sondern durch die eines Mädchens, das um sein Leben fürchten muss. Sein Weg führt wie beim Versteckspiel durch Hausdurchgänge und Maueröffnungen, über Hinterhöfe und kleine Gassen, durch Markthallen und in leer stehende Gebäude, also konsequent weg von den Straßen und Plätzen, die der Tourist aufsuchen würde, hinein in die Schlupfwinkel, die sich dem Blick der Erwachsenen entziehen. Die Kamera von Hans Jura fängt immer wieder die großen, vor Angst, aber auch von einer dunklen Faszination geweiteten Augen des Mädchens ein, das sich in seiner Welt nun von einem Eindringling bedroht fühlen muss.

Jenseits artifizieller Gruselkrimis

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Demgegenüber stehen die Ausflüge in die von ihren ganz eigenen Konventionen bestimmte Welt des halbseidenen Milieus. Es sind kleine Momente, die einen aufschrecken lassen und den betulichen Fluss eines zeitgenössischen „Spannungsfilms“ aufbrechen. Die Ohrfeige, die eine Prostituierte von ihrem Zuhälter verpasst bekommt, schallt so heftig, schüttelt sie so ordentlich durch, dass selbst die Darstellerin davon überrascht scheint. Die Dialoge zwischen den zwielichtigen Charakteren sind direkt auf der Straße aufgeschnappt worden, ermöglichen einen kurzen Einblick in diese fremde Welt, von deren ganzer Dimension der Film nur eine leise Ahnung vermittelt. Das unterscheidet ihn deutlich von den sauber abgezirkelten, vordergründig knarzigen, aber dennoch hochartifiziellen Gruselkrimis der zur selben Zeit immer noch erfolgreichen Wallace-Reihe, deren Nähe Der Mörder mit dem Seidenschal im Titel zu suchen scheint. Während Joachim Fuchsberger also nebenan mit jedem überstandenen Abenteuer den Deckel zuklappen konnte, reißt Hoven im Verlauf seines Films stattdessen etliche auf, wirft kurz einen Blick hinein und geht dann weiter. Außergewöhnlich auch Folco Lullis Polizeirat, kein sportlicher Springinsfeld, sondern ein gemütlicher dicker Familienvater, dem wir einmal beim ausgelassenen Spiel mit seinen Kindern beiwohnen. Seine absolut glaubwürdige Sorge um die Sicherheit des Mädchens bestimmt alle seine Handlungen und hebt ihn deutlich ab von anderen Ermittlerfiguren, die gerade im Kriminalfilm ja nur zu gern jede Vorsicht vermissen lassen und oft genug sogar absolut fahrlässig handeln. Hier zeigt der Film ein menschliches Herz, das ihn über das bloße Reißertum hebt.

„Für Erwachsene ohne jede Empfehlung“

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Leider wusste das damals niemand zu schätzen: Urteile wie jenes aus dem „Evangelischen Film-Beobachter“, der Der Mörder mit dem Seidenschal in völliger Verkennung seiner Qualitäten als „unglückliche Mischung aus hartem Kriminalreißer und rührseliger Schnulze“ bezeichnete, zudem als „unbeholfen und auch in den halbdokumentarischen Polizeiteilen wenig glaubwürdig“, und zu dem harten, apodiktischen Schluss gelangt: „Für Erwachsene ohne jede Empfehlung“, trugen ihren Teil dazu bei, dass der Film an der Kasse durchfiel. Wahrscheinlich war es diese Enttäuschung darüber, mit einer Herzensangelegenheit gescheitert zu sein, statt eines von Tremper diagnostizierten, diffusen Größenwahns, der Hoven dazu bewegte, es danach mit sensationalistischen Horrorfilmen zu versuchen. Wenn er schon für einen hervorragenden Milieuthriller wie Der Mörder mit dem Seidenschal unverdientermaßen Schläge einstecken musste, dann konnte er auch gleich mit beiden Händen aus dem Vollen schöpfen. Zwei Jahre später entstand dann also Im Schloss der blutigen Begierde, der Hovens Abstieg in den Exploitationsumpf besiegelte. Und siehe da: Er hatte damit Erfolg. Wer wollte ihn dafür verurteilen, der Meute das gegeben zu haben, was sie offensichtlich verlangte?

Überarbeitete und ergänzte Version eines älteren Blogbeitrags auf Remember it for later

Trailer zu „Der Mörder mit dem Seidenschal“


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