Der Maschinist

Trevor Reznik befindet sich geradewegs auf dem Highway to Hell in die Tiefen seiner eigenen Seele. Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust und Paranoia treiben ihn in den Wahnsinn. Seine Passion führt den Maschinisten schließlich zur Konfrontation mit sich selbst. Brad Anderson visualisiert das Delirium des beinahe selbstmörderisch von Christian Bale inkarnierten Protagonisten in Räumen, die fast durchgehend als Labyrinthe fungieren. Neben der im dunkelsten Farbspektrum gehaltenen alptraumhaften Optik garantiert die perfekt konstruierte Geschichte einen der elektrisierendsten Filme des Jahres.

Der Maschinist

Geisterbahnen sind die Attraktion für Jungen auf Jahrmärkten schlechthin. Auf der einen Seite ist es ein Spiel, ein kindlicher Spaß, wie die anderen Karusselle und Buden. Auf der anderen Seite ist es zudem Mutprobe und Nervenkitzel. In einem Alter, in dem die Ratio noch von der Phantasie dominiert wird, vermischen sich während dieser Fahrten Ahnungen, Mythen und Ängste. Auch Nicholas wählt auf dem Jahrmarkt die Geisterbahn. Trevor begleitet ihn. Via Lautsprecher wird den beiden eine „Reise in die Tiefen der menschlichen Seele“ angekündigt. Tatsächlich sieht sich Trevor im Sog der Fahrt zunehmend mit seinen Urängsten konfrontiert und als er die „Road to Salvation“ wählen möchte, lenkt der Junge ihn auf den „Highway to Hell“.

Diese Sequenz veranschaulicht die Virtuosität des Regisseurs Brad Anderson, der die Zuschauer seines Films mit subtilen Mitteln auf eine Tour de Force mitnimmt, die ihresgleichen sucht. Er knüpft dabei ein dichtes motivisches Netz, in dem sowohl Protagonist als auch Zuschauer gefangen sind. Trevor Rezniks Leben gleicht einer Geisterbahn, Dämonen jagen und peinigen ihn. Seit einem Jahr leidet er unter Schlaflosigkeit und vegetiert zu einem menschlichen Skelett. Seine körperliche und seelische Verfassung machen aus ihm eine Gefahr für sich selbst und seine Umwelt.

Der Maschinist

Die Eingangssequenz des Films illustriert gleichzeitig Trevors elementares Problem und seine Überzeugung, bis zum Äußersten zu gehen: er entledigt sich einer Leiche. Trevor durchlebt das, was man sprichwörtlich uns allen zuschreibt: er hat eine Leiche im Keller. Nur, dass er seine Hände in Bleichmittel reinwäscht und die Vergangenheit verdrängt, ehe jemand beginnt, ihn mittels des banalen Kinderspiels Galgenmännchen auf die Fährte zu setzen. Trevors Reaktion ist die des Paranoikers: hinter jeder Ecke, in jedem Winkel seiner Lebensgeisterbahn ahnt er Tücken und Verschwörer. All seine Angst und sein Wahn personifizieren sich in dem kahlköpfigen diabolischen Ivan.

Das Duell Ivan gegen Trevor ist ein ungleiches und dennoch fasziniert es wie kaum ein zweites, das man in den vergangenen Jahren im Kino bewundern konnte. Im Grunde genommen stellt sich weder die Frage nach dem Sieger noch die nach dem Auslöser des Alptraums. Nicht, dass Regisseur Anderson und seinem kongenialen Drehbuchautor Scott Kosar die Antworten fehlten. Ganz im Gegenteil, ein Zahnrad der Erzählung greift in das nächste, wie bei den Maschinen der Hades-Fabrik, in der Reznik schuftet. Entscheidend und prägend ist jedoch der Weg, den Trevor durch seine persönliche Geisterbahn zurücklegen muss. Er wird zum exemplarischen Antihelden, dessen marterndes Leid sich nicht in des Rätsels Lösung erschöpft. The Machinist ist ein Märtyrer und seine Passion eine wahrhaft biblische, wie es ein Mel Gibson nicht gewagt hat, sie zu erzählen. Während dort die biblische Metaphorik in einem historisierenden Wahn nach Details und pornographischen Einstellungen eliminiert wird, erscheint Trevor Reznik wie eine gleichnishafte Figur. Andersons Film beschreibt die furchtbarste Läuterung seit Don’t look now (Wenn die Gondeln Trauer tragen, 1973), einem frühen Vorgänger innerhalb des Genres der phantastischen und schauderhaften Psychothriller.

Der Maschinist

Zum Leben erweckt wird die eindringliche Figur des Maschinisten von Christian Bale, einem der wagemutigsten und vielversprechendsten Darsteller seiner Generation. Während er noch in American Psycho (2001) seinen durchtrainierten Astralkörper zur Schau stellen durfte, magerte er für diese Rolle unglaubliche 63 Pfund ab und verwandelte sich selbst in ein menschliches Gerippe mit Totenschädel. Von dieser körperlichen Annäherung an die Figur ausgehend erreicht er ein Spiel von so elektrisierender Intensität, wie es nur in wirklichen Sternstunden der Kinogeschichte gelingt.

Trevors Martyrium, von Anderson in wie vom Bleichmittel durchzogenen und dennoch matt düsteren Bildern auf die Leinwand gebannt, gelangt so zu seiner vollkommenen, furchtbaren Entfaltung, ehe das Bleichmittel siegt: Trevor und seine Geschichte amorphisieren sich im Leinwandweiß.

Nur Lars von Trier hat in den letzten Jahren Bilder von solcher Radikalität und Grausamkeit geschaffen, allerdings ohne dabei jemals über den Rahmen des eigens geschaffenen Kunstraumes zu verweisen. Während die Filme des Dänen immer Kopfgeburten sind und Entwürfe bleiben, liegt Andersons fast unglaubliche Brillanz in der Wahrhaftigkeit seiner Bilder und deren Nähe zum hors-champ, dem Außerhalb des Bildfeldes. Dort sitzen wir und leiden mit dem Helden der wiederum stellvertretend für uns das Leid dieser Welt auf sich nimmt.

 

Zur Kritik von Session 9

 

 

Kommentare


Nico Gühlstorf

Also ich muss ja sagen, The Machinist ist meiner Meinung nach ein klasse Film. ich bin auch nur durch Zufall an dieses Werk gekommen. Der Film hat es echt in sich. Gigantische Story, geniale Dartesteller, perfekte Umsetzung und dazu ein Regisseur, der weiß was es bedeutet einen guten Film zu machen. In diesem Film geht es nicht um knallharte Aktion oder. Das was zählt sind die Bilder und Dialoge oder eher die Monologe von Trevor. Als ich den Film das erste mal gesehen hab wusste ich, dass ich ihn ein zweites mal sehen muss. Nachdem ich das getan hatte fand ich den Film noch erstaunlicher und besser als zuvor. Nach dem dritten Ansehen war es ein wirklich klasse Film, weil die kleinen Einzelheiten worauf man bei erten und zweiten ansehen gar nicht achtet. Unglaublich! ich liebe Filme mit einer guten Story, die erst zum Schluss den ganzen Film auf den kopf stellt. Ich mache selber Filme. Natürlich eher Amateur aber in meinen Filmen geht es auch um Bilder und Dialoge und aufjedenfal kommt es auf die Story an.


Martin Z.

Das ist ein NDS-Movie: no deep sense! Der Handlungsverlauf folgt nicht der Logik, ist also eher bei Mystic anzusiedeln. Und es gibt auch am Ende keine klärende Lösung. Die Handlung stolpert von einer Situation in die nächste und oszilliert zwischen Belanglosigkeiten und Zufälligkeiten. Dabei kann sogar so etwas wie Dramatik entstehen. Und es gibt auch überraschende Wendungen, die etwas Spannung aufkommen lassen. Alles ist gekonnt vornehmlich in schwarz-grün gehalten: eine kalte Arbeitswelt, in der Trevor (Christian Bale) vor sich hin vegetiert. Dazu bilden die Hure Steve (Jennifer Jason Leigh) und eine Serviererin (Aitana Sanchez-Gijon) eine menschlich warme Gegenwelt. Als Trevor wegen seiner halluzinatorischen Wahnvorstellungen diese Beziehungen zertrampelt, bleibt ihm nur noch eines - was wir aber nicht mit ansehen brauchen.






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