Der Mann von der Botschaft

Ein deutscher Diplomat freundet sich in Georgien mit einem jungen Straßenmädchen an. Aus dieser Prämisse entsteht ein komplexes Beziehungsgeflecht, dessen Potential Der Mann von der Botschaft jedoch besonders auf visueller Ebene alles andere als ausschöpft.

Der Mann von der Botschaft

Herbert Neumann (Burghart Klaußner) ist als Referent für entwicklungspolitische Zusammenarbeit an der deutschen Botschaft in Georgiens Hauptstadt tätig. Ein Zuhause ist Tiflis ihm nicht geworden, selbst die Landessprache beherrscht er nicht. Seine Abende verbringt der allein stehende Mann in der virtuellen Fantasywelt eines Videospiels, bis die Monotonie seiner Tage durch die vorsichtige Freundschaft mit dem Straßenkind Sashka (Lika Martinova) unterbrochen wird. Neumanns und auch Sashkas Umfeld zeigen sich wenig tolerant, und schon bald schlägt das Misstrauen in versuchte Erpressung und körperliche Gewalt um.

Dito Tsintsadzes Der Mann von der Botschaft ist zunächst ein Film über das Leben in der Fremde, mit dem Neumann und das Flüchtlingsmädchen Sashka gleichermaßen zu kämpfen haben. Dem bescheidenen Luxus in Neumanns symbolträchtig karger Wohnung wird wiederholt die Armut von Sashas Domizil gegenübergestellt, um Sozialkritik geht es Tsintsadze aber eher am Rande. Im Mittelpunkt steht die behutsame Annäherung der beiden Protagonisten, die das Grundgefühl der Einsamkeit als kleinsten gemeinsamen Nenner teilen. Über die Mittel der Sprache kann sie nicht stattfinden und beschränkt sich daher auf Gesten und Blicke. Die relativ langen Einstellungen, die den Botschaftsangestellten und Sashka in fragiler Gemeinsamkeit am Küchen- oder Wohnzimmertisch zeigen, entfalten sich dann auch zu den stärkeren Momenten des Films.

Der Mann von der Botschaft

Tsintsadzes vorsichtiger Ton schlägt nur unwesentlich um, sobald der Verdacht der Pädophilie aufkommt. Die Erscheinung der zwölfjährigen Sashka entspricht hierbei so gar nicht der klassisch-lasziven Lolita. Im Gegenteil trägt das Mädchen burschikose, übergroße T-Shirts, die das bisherige Fehlen eines Körperbewusstseins unterstreichen. Eine Entsprechung findet Sashka in der Neumann von Geschäftspartnern zugedachten Prostituierten, die ebenso noch mehr Kind als Frau ist und von ihm abgewiesen wird. Auch wenn der Film in diesem Zug die unschuldigen Motive des Diplomaten verdeutlicht, so spielt Tsintzadze in seiner Charakterzeichnung dennoch konstant mit einer ambivalenteren Dimension.

Hauptfiguren in Neumanns Videospiel der Wahl sind eine Ehefrau und Tochter, mit denen man ihn wiederholt in wehmütiger virtueller Interaktion sieht. In der Realität erfüllt Sashka zunächst die Rolle der Tochter, dann wieder scheint sie ihn noch an die zweite Lücke in seinem ledigen Leben zu erinnern: Neumann schenkt dem Mädchen ein Kleid und beobachtet, wie sie sich in neuer Montur vor ihm dreht. Skandalös oder plakativ mutet all dies allerdings niemals an, zumal Sashka vermutlich bloß als Katalysator für Neumanns Sehnsüchte nach einer Gefährtin fungiert. Dass diese nicht weiter konkretisiert und aufgelöst werden ist durchaus positiv zu bewerten. Ein Problem der Moral stellt sich dabei nicht. Dennoch vermisst man auf lange Sicht jegliche Konsequenz und Dringlichkeit des Dargestellten, so dass Der Mann von der Botschaft auf Dauer zu einem eher unbefriedigenden Erlebnis wird.

Am Ende macht der Film die Erfahrung Sashkas mit Neumann sogar als Übergangsritus ins Erwachsensein, als einen Prozess zur Frauwerdung lesbar, leitet dies aber keineswegs her, bannt es lediglich in ein unentschlossenes finales Bild. Viele solcher Schlüsselszenen besitzen Potential aufgrund der Vielzahl an Deutungen, die sie zulassen. Leider verlässt sich der Regisseur hier aber bloß auf das unaufdringliche Spiel der Darsteller – in ästhetischer Hinsicht reflektiert sein Film herzlich wenig. Zum Verhängnis wird Der Mann von der Botschaft schlussendlich das Unvermögen Tsintsadzes, eine angemessene und vielleicht auch mutigere Bildsprache für seine komplex angelegte Geschichte zu finden.

Kommentare


snr

Merkwürdig, daß in keiner Kritik die ich bisher über diesen Film gelesen habe, der recht weite Begriff von 'Prostitution' aufgegriffen wird, der den Film wie ein roter Faden durchzieht.

Die Mutter von Sashka, welche von ihrer Freundin (welche später auch in der Badeszene auftritt) von ihrem neuen lukrativen Nebenjob vorgeschwärmt bekommt. Die Sekretärin, die nach einem Telefonat mit ihrem Mann Herbert fragt, ob daß nicht alles ein wenig hurenhaft sei. Sashka selbst, die sich diese "Freundschaft" - bewusst oder kindlich-naiv, man weiß es nicht - bezahlen lässt...
Was Herbert treibt? Er handelt beinahe den ganzen Film durch berechnend, verliebt sich aber zusehends in Sashka. Letztlich ist es das, was ihn vor mir als Zuschauer moralisch noch gerettet hat: Er wurde mir immer unerträglicher mit den neuen geschenkten Klamotten, dem dümmlichen Rennspiel auf seinem Videobeamer, dieser sexuell hoch konnotierten Dreck-Aus-Dem-Gesicht-Reibe-Szene, schlussendlich dem körperbetonten Kleidchen - aber das 'Liebe' auch 'Verantwortung' und 'Verantwortung' manchmal auch 'Triebregulation' bedeutet, begreift er doch noch. Und auf einmal sieht Sashka nicht mehr nur noch burschikos aus. Und die spindeldürren Ärmchen wirken auf einmal ganz grazil. Und dann entlässt er sich in den Urlaub und das Mädchen in ihre Welt.

Schöner Film, ganz ernsthaft. Leider musste ich beim ansonsten recht grandiosen Burkhart Klaußner immer an George Bush denken, das wird aber wohl eher mein Problem sein :-)


Aleusius

Ein guter Film, der immer wieder unter die Haut geht.
Dieser Film zeigt doch, wie man einen Menschen durch falsche Verdachtsmomente und vorschnelle Urteile vernichten kann,obwohl das Opfer,in diesem Falle Burkhart Klaußner nichts dazu getan hatte,außer dem Mädchen zu helfen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.