Der Mann mit der Stahlkralle – Kritik

„He is one macho motherfucker.“ Hinter der Fassade des harten Mannes verbirgt sich die Hölle des Krieges.

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Wenn Major Charles Rane (William Devane) nach sieben Jahren aus dem Vietnamkrieg zurückkehrt, ist nicht nur er selbst ein anderer geworden. Alle Sicherheiten, die ihm Heimatland und Familie einst boten, sind dahin. Ein neues Jahrzehnt ist angebrochen, der Sohn erinnert sich nicht mehr an den Vater und die Frau hat sich mittlerweile anderweitig umgeschaut. Das Einzige was Charles bleibt, ist eine Willkommenszeremonie für Kriegsgefangene – ein hohles patriotisches Ritual.

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Der Mann mit der Stahlkralle (Rolling Thunder, 1977) trägt deutlich die Handschrift von Paul Schrader, und das, obwohl sich der Drehbuchautor wegen diverser Überarbeitungen im Nachhinein von dem Film distanzierte. Schrader erzählte im Anfangsstadium seiner Karriere gerne von Männern, die vom Schicksal gebeutelt wurden und in einem finalen Akt der Gewalt nach biblischer Erlösung suchen. Gleich zwei Motive finden sich in Der Mann mit der Stahlkralle, denen er sich schon anderweitig widmete, in seinem Drehbuch zu Martin Scorseses Taxi Driver (1976) und in seiner zweiten Regiearbeit Hardcore - Ein Vater sieht rot (Hardcore, 1979): Zum einen die des Vietnam-Veteranen, der den Anschluss an sein altes Leben nicht mehr findet und zum anderen die des wütenden Vaters, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Denn nachdem Charles für sein Durchhaltevermögen einen Koffer voller Silberdollar überreicht bekommt, stehen schon kurz darauf ein paar Gangster aus dem mexikanischen Grenzgebiet in seinem Wohnzimmer, die das Geld stehlen, seine Hand verstümmeln und seine Familie töten.

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Doch Regisseur Paul Flynn (The Outfit, 1973) erzählt in seinem ruhigen und düsteren Film eben nicht von einem schwarzen Engel der Selbstjustiz, wie ihn am prominentesten Charles Bronson in der Death Wish-Reihe (1974-94) verkörperte. Zunächst laufen sämtliche Genreerwartungen ins Leere. Für einen herkömmlichen Actionfilm wirkt Der Mann mit der Stahlkralle viel zu statisch und dialoglastig. Fast alle Informationen werden über das vermittelt, was die Figuren sagen. In dunklen Zimmern kommt es zu einer Reihe von Zwiegesprächen, mit dem Sohn, der Frau oder ihrem neuen Freund. Dabei ist jede Form der Kommunikation letztlich zum Scheitern verurteilt. Der stumme Kriegsheimkehrer will einfach nicht in der alten Heimat ankommen und gibt sich stattdessen masochistischen Alltagsritualen hin, die an sein Leben in der Gefangenschaft anknüpfen. Überall lauern die Gräuel von Gestern und fressen sich in Form von schwarzweißen Folterszenen in die Gegenwart.

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Für das Eingesperrtsein seines Protagonisten findet Flynn fast beiläufige Bilder, in denen Charles von Gegenständen gerahmt oder durch einen Gitterzaun gefilmt wird. Er und sein Kollege Johnny (Tommy Lee Jones) bleiben stets Fremdkörper in ihrer Umgebung und wirken wie Zombies, die sich hölzern bewegen und zu kaum einer Gefühlsregung in der Lage sind. Sie leben eine kontinuierliche Hölle. Auf den tatsächlichen Krieg, folgt die Enttäuschung in der Heimat, folgt ein neuer Krieg. Wenn sich der Film nach dem Psychogramm eines Kriegsheimkehrers in der zweiten Hälfte zunehmend einer klassischen Rachegeschichte widmet, weiß Flynn immer wieder Momente des Widerstands einzubauen. „Aufgeräumt“, wie man das aus Vigilante-Filmen kennt, wird ohnehin nur in den letzten zehn Minuten und selbst dann werden nur bedingt Rachegelüste befriedigt.

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Flynn weigert sich beharrlich, den vermeintlich harten Mann zum Helden zu machen. Die Perspektive bleibt stets distanziert und Charles ein Gebrochener, der eine Stahlkralle als Symbol seiner psychischen Verletzungen trägt. Und dann bekommt der Plot um die Vergeltung auch noch Konkurrenz durch eine komplizierte Liebesgeschichte, der für das Genre ungewöhnlich viel Platz eingeräumt wird. An Charles’ Seite steht eine von Teilzeitschauspielerin Linda Haynes verkörperte Frau, nur auf den ersten Blick ein blondes Dummchen. Hinter dieser Fassade verbirgt sich eine weitere verletzte Seele. Eine Frau, die als Tomboy stets Außenseiterin war, die immer an die falschen Männer gerät und die zwar ausgezeichnet schießen kann, es aber trotzdem nicht tut.

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Mit seiner betont schlichten Inszenierung nähert sich Der Mann mit der Stahlkralle seinem Thema alles andere als reißerisch. So gibt es etwa, abgesehen vom dem zynisch eingesetzten Country-Pop-Titellied, kaum Musik, mit der die Wahrnehmung des Zuschauers gelenkt wird. Und auch der Rachefeldzug ist letztlich kein Plädoyer für Selbstjustiz, sondern lediglich eine konsequente Weiterführung des Krieges im Kopf. In ihren alten Uniformen besetzen die ehemaligen Soldaten mexikanisches Feindesland und tun so, als würden sie damit einem Land dienen, dem sie eigentlich völlig egal sind.

Trailer zu „Der Mann mit der Stahlkralle“


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