Der Mann mit dem goldenen Arm

Otto Premingers Der Mann mit dem goldenen Arm (The Man with the Golden Arm, 1955) ist ein Film, der seinerzeit Tabus brach. Heute ist er auch aus anderen Gründen empfehlenswert.

Der Mann mit dem goldenen Arm

Der Mann mit dem goldenen Arm erzählt die Geschichte des aus dem Knast entlassenen Glücksspielers Frankie Machine (Frank Sinatra), der versucht, seiner Heroinsucht Herr zu werden. Er möchte seine alte Laufbahn verlassen, in Chicago als Jazzmusiker arbeiten, wobei er zwar von seiner Bekannten Molly (Kim Novak) unterstützt wird, nicht jedoch von seiner hysterischen Frau Zosch (Eleanor Parker), die seit Jahren der Welt inklusive ihrem Mann eine Gehbehinderung vorspielt.

Der Mann mit dem goldenen Arm hat viele Qualitäten. In die Filmgeschichte ging er jedoch nicht aufgrund filmischer Merkmale ein.

Im Jahr 1930 implementierte die „Motion Pictures Producers and Distributors Association of America“ (MPAA) den sogenannten Hays Code, der den wohl folgenschwersten Fall von Selbstzensur in der Geschichte des Kinos darstellte. In den folgenden Jahrzehnten, der Blütezeit der amerikanischen Kinematographie, konnten damals kontroverse Themen wie organisiertes Verbrechen, Drogenmissbrauch und vor allem Sexualität in Hollywoodfilmen nur äußerst verklausuliert thematisiert werden. Diese Selbstverpflichtung der Filmindustrie prägte den Stil der Studioproduktionen des goldenen Zeitalters und sorgte immer wieder für Konflikte zwischen den an den Code gebundenen Produzenten und rebellischen Regisseuren, die – allen voran Alfred Hitchcock – immer neue Wege fanden, die Verbote des Regelwerks zu umgehen. In den fünfziger Jahren jedoch sorgte der ökonomische Druck, der durch die Konkurrenz des Fernsehens und einiger Gerichtsurteile gegen die Monopolbildung der Hollywoodstudios entstand, dafür, dass die Stimmen innerhalb der Filmindustrie, die eine Aufhebung des Codes forderten, lauter wurden. Auch die gesellschaftliche Stimmung wendete sich während des Konsumbooms der fünfziger Jahre, und die einem puritanischen Ethos entsprungenen Beschränkungen erschienen plötzlich anachronistisch.

Der Mann mit dem goldenen Arm

Der Mann mit dem goldenen Arm nun wagte es, Drogenmissbrauch, immer noch eines der Tabuthemen, offen zu thematisieren. Folgerichtig erteilte die MPAA dem Film keine Lizenz, wodurch er in vielen Kinos nicht aufgeführt werden konnte. Dennoch erzielte der Streifen überraschend viele Einnahmen und sorgte dafür, dass ein Jahr später einige Themen, unter anderem Drogenmissbrauch, von der Verbotsliste gestrichen wurden. Zwar existierte der Code noch bis 1967, doch der erste Schritt zu seiner Abschaffung war vollbracht.

Durch die deutsche DVD-Veröffentlichung von Koch Media lässt sich nun nicht nur die filmhistorische Bedeutung des Films nachvollziehen. Der Mann mit dem goldenen Arm ist auch darüber hinaus eine Wiederentdeckung wert. Otto Premingers Streifen kann paradigmatisch für eine ganz spezifische Form des filmischen Realismus gelesen werden, welche sich in den fünfziger Jahren in Hollywood etablierte. Dieser lässt sich gleichzeitig als Reaktion und vollkommenes Gegenteil des italienischen Neorealismus der späten vierziger Jahre beschreiben.

Die Klassiker dieser Bewegung wie Fahrraddiebe (Ladri di biciclette, 1948) oder Deutschland im Jahre Null (Germania anno zero, 1948) revolutionierten einerseits durch ihre Hinwendung zu den alltäglichen Problemen ebenso alltäglicher Menschen, andererseits durch die Verwendung von Originalschauplätzen und Laiendarstellern anstelle von Studiokulissen und Filmstars die italienische Filmszene und dienen selbst heute noch vielen idealistischen Kunstfilmern als Vorbild. Auch Hollywood registrierte die neue Konzeption von Kino, die das eigene Selbstverständnis in Frage stellte. Der Mann mit dem goldenen Arm zeigt, wie die Konfrontation mit dem Neorealismus das amerikanische Studiokino beeinflusste.

Der Mann mit dem goldenen Arm

Premingers Film gibt sich viel Mühe, ein ähnlich proletarisches, bodenständiges Milieu darzustellen wie es die italienischen Werke evozieren. Das Chicago in Der Mann mit dem goldenen Arm wird bevölkert von Kleinkriminellen und anderen gescheiterten Existenzen jeglicher Couleur. Allerdings hat dieses Chicago mit der gleichnamigen realen Stadt ebensowenig zu tun, wie die Darsteller mit tatsächlichen Angehörigen der Unterschicht. Der Mann mit dem goldenen Arm bleibt im Gegensatz zu den Werken Roberto Rossellinis oder Vittorio De Sicas sowohl innerhalb der Studiokulisse als auch innerhalb des Starsystems. Die pittoreske Sozialromantik der detailverliebt konstruierten Sets, in denen Premingers Film situiert ist, ist mit einem Realismus italienischer Prägung genauso unvereinbar wie die Tatsache, dass glamouröse Stars wie Kim Novak oder Frank Sinatra die Rolle heruntergekommener Barmädchen und heroinsüchtiger Spieler übernehmen. Statt dessen entwickelt Der Mann mit dem goldenen Arm, ebenso wie viele vergleichbare Werke der fünfziger Jahre – herausragende Beispiele stellen etwa die Filme Elia Kazans (Endstation Sehnsucht, A Streetcar Named Desire, 1951; Die Faust im Nacken, On the Waterfront, 1954) dar – einen Reiz ganz anderer Art.

Da das Hollywoodkino den Schritt aus der Studiobegrenzung heraus nicht wagt, liegt die entgegengesetzte Zielrichtung nahe. Das Kino der fünfziger Jahre ist von einer Tendenz zur Psychologisierung geprägt. Auch Der Mann mit dem goldenen Arm beschäftigt sich nicht etwa mit den sozioökonomischen Gründen oder Folgen des Drogenmissbrauchs, sondern zeichnet vielmehr das oft recht exaltierte Psychogramm eines hochneurotischen Ehepaares. Unterstützt wird diese Ausrichtung durch das hyperexpressive Spiel der Darsteller, das ganz auf der Linie der damals aktuellen Lehre des „Method Acting“ Lee Strasbergs liegt. Nicht zufällig war für die Rolle Frankie Machines zuerst die Method Acting-Ikone Marlon Brando ausgewählt worden. Ersatzmann Frank Sinatra war zwar nie Strasberg-Schüler, füllt die Rolle jedoch derart überzeugend aus, dass niemand seinen Einsatz für den zweifach oscarprämierten Kollegen bedauern musste.

Getragen von Sinatras energetischem Schauspiel und der herausragenden jazzlastigen Filmmusik – Elmer Bernsteins Soundtrack gehört zu den außergewöhnlichsten der Filmgeschichte – entwickelt Der Mann mit dem goldenen Arm eine fiebrige Intensität, der man sich auch mehrere Jahrzehnte später nicht zu entziehen vermag.

 

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