Der Mann, der über Autos sprang

Ein Fantasy-Plot im realistischen Arthouse-Gewand: Wie einst Werner Herzog wandert der junge Julian Hunderte Kilometer, um mit der dabei freigesetzten Energie einen kranken Menschen zu heilen.

Als Samuel Koch im Dezember 2010 bei Wetten dass..? verunglückte, hatte Nick Baker-Monteys seinen Film Der Mann, der über Autos sprang längst abgeschlossen. Das Werk hat also nichts mit den dramatischen Ereignissen in Thomas Gottschalks ZDF-Show zu tun, sondern bezieht sich viel mehr lose auf eine Aktion Werner Herzogs, der 1973 von München bis Paris wanderte, um die schwerkranke Kritikerin Lotte Eisner durch diese Energieleistung zu heilen. In Baker-Monteys’ Drama bricht Julian (Robert Stadlober) aus der Psychiatrie aus und beschließt von Berlin bis ins schwäbische Tuttlingen zu laufen. Dort hat der Vater seines besten Freundes David einen Herzinfarkt erlitten. Dass David vor Jahren durch einen von Julian verursachten Verkehrsunfall starb, macht diese Wanderung zu einem Bußgang, einer spirituellen Opfergabe.

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Der Mann, der über Autos sprang erzählt eine Fantasy-Geschichte, kommt aber bis kurz vor Schluss gänzlich ohne visuelle Fantasy-Elemente aus. Stattdessen hüllt der Film seine Gegenüberstellung von Geist und Materie, Glaube und Naturgesetzen in die Form eines Arthouse-Dramas. Entsprechend künstlerisch beginnt er mit majestätischen Landschaftsbildern und Zeitraffer-Aufnahmen von Wolkenbildungen und Sonnenuntergängen, ehe Julian im eleganten Anzug über die Mauer der geschlossenen Anstalt klettert, in der er seit Jahren gefangen ist. Mit dem Anzug wird er später im Kuhstall arbeiten und auf dem Waldboden schlafen, doch zunächst einmal begegnet er der jungen Ärztin Ju (Jessica Schwarz), die in einer Sinnkrise steckt. „Ich habe kein Herz mehr“, fasst sie ihre Situation zusammen und verlässt bald ihren Freund, um Julian zu folgen und ihr naturwissenschaftliches Weltbild graduell gegen einen magischen Wunderglauben einzutauschen.

Ju ist fasziniert von Ju(lian) – von seiner Entschlossenheit, seinem unerschütterlichen Glauben an übernatürliche Phänomene und seiner asketischen Lebensweise, die seinem Vorhaben Ernsthaftigkeit verleiht. Es werden andere Jünger kommen und für den charismatischen Anführer alles stehen und liegen lassen. Ihm vertrauen, ihm gegenüber öffnen sich die ausnahmslos fragilen Seelen, die in ihren jeweiligen Krisensituationen ein autoritäres Bedürfnis nach Führung verspüren oder eine Auszeit vom Alltag suchen. Selbst der emotional bankrotte Polizist Jan (Martin Feifel), dessen Sisyphos-Aufgabe es ist, Julian aufzuspüren und ihn zurück nach Berlin zu bringen, schließt sich der Pilgergemeinde an. Die letzten Zweifel an Julians übermenschlichen Fähigkeiten schwinden, als er seine Hellsichtigkeit unter Beweis stellt und seine Umgebung in erstaunlichem Maße steuert. So verhindert er über längere Zeit, dass die mitlaufende Ruth (Anna Schudt) zu ihrer Familie zurückkehrt, indem er allein mit der Kraft seines Geistes Telefone und Autos versagen lässt. Wenn die Zirkelstruktur des Films am Ende eine bereits eingangs gezeigte Szene zum zweiten Mal erreicht, klärt sich die Frage, ob Julian mit parapsychologischen Methoden Wunder vollbringen und Menschen heilen kann oder ob er ein geisteskranker Scharlatan ist.

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Dieses Ende verdeutlicht zugleich die dramaturgischen Probleme von Der Mann, der über Autos sprang. Das Finale ist überlang, stellt für eine der Figuren einen widersinnigen Kontinuitätsbruch dar und muss selbst mit übernatürlichen Dehnungen von Raum und Zeit arbeiten, um seine Spannungshöhen zu erklimmen und schließlich einen Feelgood-Gipfel zu erreichen, der allzu einfach die Lebenskrisen der Protagonisten überdeckt.

Problematisch sind auch die allzu überdeutlichen Gesten, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Es wirkt etwas zu plakativ, wenn Ruth  ihrem Mann klar macht: „Es muss sich alles ändern. Alles!“ Auch Julians Feststellung, dass sein „Leben nichts wert“ sei, falls der herzkranke Vater Davids einen Rückfall erleide, klingt äußerst pathetisch. Die Selbstzweifel der Ärztin Ju werden knapp mit nur einer einzigen Szene begründet – auch, dass sich ihr intensives Vertrauensverhältnis zu Julian durch einen Anruf mit eher banalen Informationen unterminieren lässt, erscheint nicht sehr glaubwürdig.

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Besser als die behutsame Entwicklung des Drehbuchs beherrscht der Regisseur die Integration stilistischer Feinheiten. Außer in den Totalen weiter Landschaften wird dies deutlich, wenn er während einer entschleunigten Verfolgungsjagd in den engen Gassen einer süddeutschen Kleinstadt mit verschiedenen Tiefenebenen spielt. Und zu dem überraschenden Verzicht auf Special Effects in der visuellen Umsetzung des Fantasy-Plots gesellt sich der pointiert eingesetzte Kontrast von bedeutungsschwerer klassischer Musik während eher nebensächlicher Szenen.

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Als verlangsamtem Road Movie, in dem gewandert statt gefahren wird, geht es Der Mann, der über Autos sprang aber letztlich mehr um die narrative als die stilistische Ebene. Wie in diesem Genre üblich, erzählt der Film eine klassische Geschichte von der Suche nach dem inneren Gleichgewicht. Julians Begleiter suchen nach einem neuen Pfad, nachdem sie ihren bisherigen Lebensweg als Sackgasse erkannt haben. Julian wiederum will seine Welt wieder in die Balance bringen, indem er das Leben von Davids Vater rettet, um damit den auf ihm lastenden Unfalltod Davids auszugleichen. Die geschlossene Psychiatrie hat sein Trauma, das sich in einer hässlichen Beinnarbe auch physisch manifestiert, nicht therapieren können – und so muss er sich selbst aufmachen, um Heilung zu finden und zu spenden. Bei Werner Herzogs Wanderung scheint dies schließlich erfolgreich gewesen zu sein: Lotte Eisners Zustand besserte sich nach seinem Besuch so sehr, dass sie noch zehn weitere Jahre lebte. 

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Kommentare


Paul Roder

Ein wunderbarer Film. Suche nach einer nichtrationalen Welt. Weg von der Hektik. Bilder, die für sich selbst sprechen. Toll inszeniert und hervorragend gedreht. Einiges bleibt offen. Ein Film, den ich mir gern mehrmals anschauen will.






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