Der Mann, der niemals lebte

Roger Ferris, Geheimagent der CIA, soll im Nahen Osten den Anführer eines Terroristenrings aufspüren. In seinem neuen Film unternimmt Ridley Scott den Versuch, einen kulturell aufgeschlossenen Actionhelden zu zeichnen.

Der Mann, der niemals lebte

Während aktuell mit James Bond der wohl berühmteste Geheimagent der Filmgeschichte in Ein Quantum Trost (Quantum of Solace) wieder auf der Leinwand zu sehen ist, inszeniert Ridley Scott einen ganz anderen Vertreter dieser Berufsgruppe. Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) besitzt weder den Stil noch die Eleganz, die vor Casino Royale noch charakteristisch für seinen prominenten Kollegen waren, und kämpft sich stattdessen verstaubt und unrasiert durch den Nahen Osten. Unter der Fuchtel des in die Jahre gekommenen Ed Hoffman (Russell Crowe), der Ferris von seiner amerikanischen Villa aus Anweisungen gibt, soll der Agent Al-Salim, den Anführer eines globalen Terroristenring, aufspüren, der für Anschläge in London und Amsterdam verantwortlich ist.

Der Mann, der niemals lebte (Body of Lies) spielt mit aktuellen politischen Ereignissen und zeigt die CIA bei ihrer Arbeit mit der neuesten Technologie. Die Suchbilder der Satellitenkameras, mit denen Ferris ständig von der CIA überwacht wird, verwendet Scott als dominantes ästhetisches Mittel. Mit hochauflösenden Bildern wird der arabische Raum in ein übersichtliches Koordinatensystem zerlegt, dem sich die Terroristen doch entziehen.

Der Mann, der niemals lebte

Mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Washington-Post-Kolumnist David Ignatius stellt sich Scott der ambitionierten Aufgabe, einen Actionfilm über islamischen Terrorismus und die amerikanische Besatzung im Irak zu inszenieren, ohne dabei politischer Schwarzweißmalerei zu verfallen. Gerade im Actionkino leidet die Figurenzeichnung immer wieder an der dichten Handlung, wobei für Ausländer lediglich die Rolle des Bösewichts reserviert bleibt. Da der Großteil von Der Mann, der niemals lebte aber in Jordanien und im Irak angesiedelt ist, erfordert es eine differenziertere Sichtweise, die sich in der Figur des Helden manifestiert.

Wie fortschrittlich Roger Ferris als Held ist, zeigt sich vor allem im Vergleich mit seinem Vorgesetzten Hoffman, der von seiner Weltanschauung eher der alten Schule angehört. Hoffman ist jener überheblicher Amerikaner, der fremde Kulturen als unzivilisiert empfindet und Humanismus in Zeiten des Krieges als Luxus abtut. Bei einem Verhandlungsgespräch mit dem Chef des jordanischen Geheimdienstes, Hani Salam (Mark Strong), offenbart Scott die chauvinistische Grundhaltung Hoffmans und zeigt, wie er mit seiner Arroganz scheitert. Ferris steht dagegen für einen modernen Amerikaner, der die arabische Kultur respektiert und sogar die Landessprache beherrscht. Ungeachtet der guten Absichten, die Scott mit dieser Figur verfolgt, rutscht die assimilierende Haltung des Helden spätestens dann ins Groteske ab, wenn Ferris mit Bart und arabischem Gewand feindlichen Jordaniern klar zu machen versucht, dass er ein Landsmann ist.

Der Mann, der niemals lebte

Trotz seines Nationen übergreifenden Einfühlungsvermögens, kann Ferris aber auch den harten Kerl markieren, der nicht lange fackelt, bevor er eine Waffe zieht. Nach Blood Diamond (2006) und Departed - Unter Feinden (The Departed, 2006) ist Der Mann, der niemals lebte bereits der dritte Film in Folge, in dem Leonardo DiCaprio gegen den Strich als Actionheld besetzt wurde. Es scheint so, als wolle DiCaprio unbedingt von seinem einstigen Milchbubi-Image loskommen. Den sensiblen Kulturvermittler nimmt man ihm auch ohne weiteres ab. Je härter DiCaprio aber mit seinen Gegenübern ins Gericht geht, desto unglaubwürdiger wirkt er.

Mit Der Mann, der niemals lebte ist Ridley Scott über weite Strecken ein solide inszenierter Actionfilm gelungen, der durch seinen geballten Handlungsverlauf keine Langeweile aufkommen lässt. Wenn Scott über zwei Stunden verschiedene internationale Schauplätze und Charaktere miteinander verbindet, wirkt der Film allerdings auch etwas unfokussiert. Statt sich näher auf die Beziehung zwischen den beiden Kontrahenten Ferris und Hoffman zu konzentrieren oder auf die Ermittlungsarbeit des Helden, bleibt zwischen der schnellen Abfolge der Ereignisse kein Platz, um einen bestimmten thematischen Aspekt zu vertiefen. Stattdessen fügt er in die sowohl genre- als auch kulturell bedingte Männerwelt seines Films, in der Frauen lediglich dekoratives Beiwerk sind, noch eine konstruiert wirkende Liebesgeschichte ein. Die Beziehung zwischen Ferris und der palästinensischen Krankenschwester Aisha (Golshifteh Farahani) bleibt für die Handlung zwar, abgesehen von einem dramaturgischen Wendepunkt am Schluss, überflüssig, jedoch macht sie den Film auch in mancher Hinsicht bemerkenswert.

Der Mann, der niemals lebte

Ähnlich wie sein Protagonist scheint Ridley Scott darauf bedacht gewesen zu sein, die kulturellen Gepflogenheiten des Landes, insbesondere die Tabuisierung von Sexualität, zu respektieren. Scott zeigt zwei Liebende, die sich nacheinander verzehren, den ganzen Film lang aber weder einen Kuss noch eine andere Form körperlicher Zuneigung austauschen. Eine derart distanziert gezeigte, ausschließlich über Blicke und Gesten funktionierende Beziehung bietet in einem amerikanischen Actionfilm, der hinsichtlich seiner Gewaltdarstellungen wenig zimperlich ist, zumindest eine beachtliche Fußnote.

Trailer zu „Der Mann, der niemals lebte“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.