Der Manchurian Kandidat

Golfkriegsveteran Bennett Marco (Denzel Washington) plagen Alpträume, die ihm realer scheinen als seine vermeintliche Erinnerung. Als sein früherer Sergeant Raymond Shaw (Liev Schreiber) zum Vizepräsidenten aufsteigt, wittert er eine Verschwörung, in deren Mittelpunkt Raymonds Mutter Eleanor (Meryl Streep) zu stehen scheint. Unter der Regie Jonathan Demmes verkommt dieses Remake eines John Frankenheimer Films zum lächerlich-belanglosen Mutter-Sohn Konflikt mit patriotischen Anklängen.

Der Manchurian Kandidat

Die Amerikaner sprechen von ihrem Land in der weiblichen Form, als sei es ihrer aller Mutter. Die Senatorin Eleanor Prentiss Shaw (Meryl Streep), leibliche Mutter des designierten Vizepräsidenten Raymond Shaw (Liev Schreiber) spricht denn auch von „The country in her greatest need“, um ihren Sohn seiner patriotischen Pflichten zu gemahnen. Der Hintergrund ist allzu deutlich: Amerika wirkt seit dem 11. September nicht nur verunsichert sondern auch instabil, und die Senatorin wünscht sich Hardliner in der Tradition eines Ronald Reagan oder eben George W. Bush. Sie selbst erinnert nicht von ungefähr an eine gewisse eiserne Lady. Dass diese Rolle der radikalen Politikerin nicht schnell zur Farce verkommt, ist der Darstellerin Meryl Streep zu verdanken, der es gelingt einen nuancierten Charakter mit seinen Abgründen und Tiefen zu zeichnen. In ihren Monologen entwickelt der Film seine wenigen ansprechenden Momente.

Leider gilt nicht ihr, sondern Major Bennett Marco (Denzel Washington), dem ehemaligen Vorgesetzten ihres Sohnes im Golfkrieg, das Hauptaugenmerk. Der ist nämlich einer komplex-abstrusen Verschwörung auf der Spur. In deren Mittelpunkt stehen die Gehirnwäsche seiner Kompanie inklusive Raymond Shaw und deren Manipulation durch implantierte Computerchips. Schon bald gerät der Konzern Manchurian Globe in seinen Verdacht.

Der Manchurian Kandidat

Begleitet wird diese Geschichte von ein wenig Suspense, moderater Action und vermeintlicher Systemkritik, die aber in dem affirmativen Schlusssatz „Every war has its casualties“ mündet. Das klingt so absurd, dass die literarische Vorlage aus den fünfziger Jahren stammen muss, was denn auch der Fall ist. Richard Condons Roman The Manchurian Candidate wurde 1962 gleichnamig (dt: Botschafter der Angst) von John Frankenheimer mit Frank Sinatra in der Hauptrolle verfilmt. Angesiedelt in der Zeit des Koreakriegs und der McCarthy-Ära, verhandelt der Film Themen des Kalten Krieges. Später wurde ihm visionäre Bedeutung zugeschrieben, da er von der Korrumpierbarkeit des Systems und Attentaten auf Politiker handelte, noch vor der Kennedy-Ermordung und den daran anschließenden Verschwörungstheorien sowie Paranoia-Thrillern, die nach Watergate eine Renaissance erlebten.

Schon das Original wusste also hauptsächlich durch die abenteuerliche Kalte Kriegs-Agentengeschichte sein Publikum zu locken. Der biedere Inszenierungsstil lässt jedoch Frankenheimers Wurzeln im amerikanischen Fernsehen der fünfziger Jahre erkennen. Erst vier Jahre später, in einem weiteren Verschwörungs- und Paranoiafilm, entfaltete der Regisseur seine ganze Kunstfertigkeit. Das Werk mit dem Titel Seconds wurde Genre- und stilbildend, ohne an der Kinokasse sein Geld einzuspielen.

Der Manchurian Kandidat

Noch heute steht Seconds in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten des wesentlich plakativeren und biederen Vorgängers. Dessen Remake bleibt jedoch leider dem psychologisch unausgereiften Plot des Originals genauso verhaftet, wie dem Mutter-Sohn-Konflikt im Zentrum des Films. Selbst die Ästhetik kann sich vom heute verstaubt wirkenden Vorgänger nicht emanzipieren. Kameramann Tak Fujimoto hatte bereits bei seinem Debüt unter der Regie Terrence Malicks in Badlands (1973) ein besonderes Talent für Panorama- und Landschaftsaufnahmen, hauptsächlich in Form der Totalen, sowie groß angelegte Bild- und Farbkompositionen bewiesen. Doch Der Manchurian Kandidat (The Manchurian Candidate) ist ein Film der Innenräume. Die Dramatik des Geschehens versucht Jonathan Demme immer wieder den Gesichtern seiner Protagonisten abzulesen, weshalb die Nahaufnahme zur konstituierenden Einstellung des Films wird.

So ist Fujimotos Talent nur zu erahnen und bleibt genauso im Verborgenen, wie bereits bei seiner letzten Zusammenarbeit mit Demme, Die Wahrheit über Charlie (The Truth about Charlie, 2002). In Das Schweigen der Lämmer (The Silence of the Lambs, 1991) war es beiden noch gelungen, das Innenleben der Figuren auszuloten und den klaustrophobische Innenräumen oder kühl komponierten Farben dadurch eine strukturelle wie auch metaphorische Bedeutung zu geben. Während dieser gleichsam spannende, anregende und über das Genre hinausweisende Film am einen Ende der Skala steht, befindet sich Der Manchurian Kandidat leider am anderen. Mit einer unglaubwürdigen, überfrachteten Story und ohne überzeugendes visuelles Konzept verdeutlicht der Film wie selten Werke im Stile von Das Schweigen der Lämmer in Hollywood möglich sind. Zurzeit jedenfalls sind patriotische und militärische Geschichten gefordert, die der Mutter USA dienen. Unter denen ist Der Manchurian Kandidat nur eine von vielen.

 

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