Der letzte Zug

Hundert Menschen sind eingepfercht in einen Viehwaggon, der sie nach Auschwitz bringt. Regieveteran Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová erzählen die Geschichte dieser Fahrt und der Gefangenen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen.

Der letzte Zug

Die ausdrucksstärkste Szene gelingt den Regisseuren Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová erst am Schluss: Jakob Noschik (Hans Jürgen Silbermann), einst ein erfolgreicher jüdischer Alleinunterhalter, ein gebildeter Mann mit feinsinnigem Humor, steht im geöffneten Tor des Viehwaggons, der ihn mit hundert anderen Juden nach Auschwitz gebracht hat. Bekleidet ist er nur mit Unterhose, einem Hemd und einer Jacke, auf der ein Judenstern prangt. Selbstbewusst singt er „Freude, schöner Götterfunken“. Der Schnee fällt langsam. Jakob Noschik schaut auf ein Publikum, das als solches nicht existiert. Ein SS-Soldat macht sich über ihn lustig. Seine Mitreisenden werden abgeführt. Von einer Sekunde auf die andere begreift Noschik, wo er ist, und welches Schicksal ihn erwartet. Sein Gesichtsausdruck verändert sich. Zu sich selbst gewandt singt er: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“ Dann erschießt der SS-Mann den älteren Mann, der nicht schnell genug aus dem Waggon geklettert ist.

Joseph Vilsmaier und seine Frau Dana Vávrová erzählen in Der letzte Zug die Geschichte des letzten Transports von Berliner Juden in das Vernichtungslager Auschwitz. Diesen Transport hat es, nach Aussage aller am Film Beteiligter, gegeben - wenn der Film auch keine korrekte Wiedergabe der Umstände sein soll und kann. Der letzte Zug ist Fiktion, die sich an die Realität anlehnt: In Vilsmaiers und Vávrovás Film werden insgesamt 688 Menschen von den Nationalsozialisten 1943 in Berlin verhaftet und sollen im Zug abtransportiert werden. Berlin soll, zu Ehren des „Führers“, „judenfrei“ werden. Wer sich weigert, mit der Gestapo zu gehen, wird auf der Stelle erschossen. So finden sich in den Waggons Menschen unterschiedlicher Herkunft auf engem Raum wieder, die sich über Tage einen Eimer Wasser teilen und ohne Essen auskommen müssen. Anhand ihrer Schicksale möchten die Regisseure das unmenschliche Leiden der Verhafteten anschaulich machen.

Der letzte Zug

Joseph Vilsmaier ist einer der bekanntesten deutschen Regisseure. Mit Herbstmilch hatte er 1988 seinen Durchbruch. Dana Vávrová, die inzwischen selber inszeniert, spielte damals die Hauptrolle in dieser Verfilmung der Lebenserinnerungen der niederbayerischen Bäuerin Anna Wimschneider. Erfolg hatte er weiterhin mit Stalingrad (1992) und Comedian Harmonists (1997), weit weniger mit der Dietrich-Biografie Marlene (2000) oder Leo und Claire (2001). Alle Filme beschäftigen sich thematisch ebenfalls mit dem Dritten Reich. In seinen Werken konzentriert sich der Bayer gerne auf das Spiel der Schauspieler, die seine formal konservativen Filme meist tragen. Diese erzählen vorwiegend chronologisch, ebenso dekorativ wie plakativ das Leben der Protagonisten, sei es das einer Bäuerin, mehrerer Soldaten oder eben einer weltbekannten Schauspielerin.

Auch in Vilsmaiers und Vávrovás neuem Werk liegt der Fokus der Regisseure auf dem Spiel der Akteure. Diese sind vor allem aus dem Fernsehen bekannt, darunter Ex-TV-Kommissar Gedeon Burkhard oder eine der Drei Damen vom Grill (1977), Brigitte Grothum. Mit ihren Gesichtern verbindet man unweigerlich bestimmte Rollen. Doch auch wenn es Grothum und ihrem Filmpartner Hans Jürgen Silbermann gelingt, dem Spiel eine im besten Sinne rührende Intensität zu verleihen, so vermag doch der größte Teil der Schauspieler in dem als Ensemblefilm angelegten Der letzte Zug selten diese TV-Erwartungen zu durchbrechen.

Der letzte Zug

Der Film erzählt weitgehend chronologisch die Ereignisse im Waggon, unterbrochen von leicht in Sepia gehaltenen Rückblenden in die Vergangenheit, die nicht nur als Kontrastprogramm zur beklemmenden Atmosphäre im Zug gedacht sind, sondern auch zum tieferen Verständnis der Charaktere beitragen sollen. Vilsmaier und Vávrová halten sie kurz. Ihnen geht es primär um die Darstellung der Zugfahrt, dem klaustrophobischen Zustand im Wagen und den daraus resultierenden Konflikten, die allerdings - trotz der extremen Situation - seltsam friedlich ablaufen. Familiengerecht werden die diversen Auseinandersetzungen und „Lebensumstände“ präsentiert. Das Entwürdigende des gedrängten, erzwungenen Zusammenseins wird selten gezeigt.

Produzent Artur Brauner, der sich seit seiner Produktion Morituri (1948) für Filme einsetzt, die sich mit der Judenvernichtung und den Gräueltaten des Dritten Reiches beschäftigen, bemerkte in einem Interview, dass er die Protektion von diesen Filmen wichtig findet: „Denn Menschen vergessen schnell, insbesondere, wenn es sich um Vorgänge handelt, die sie nicht direkt tangieren.“ Und es ist keine Frage, dass das Erzählen von dieser Vergangenheit wichtig ist. Schade nur, dass Der letzte Zug sich zu sehr an TV-Ästhetik orientiert. Er bringt nicht den Mut auf, die schleichende Entmenschlichung der Zug-Insassen zu zeigen oder auch dem den Zug begleitenden SS-Mann Crewes (Ludwig Blochberger) Dreidimensionalität zuzugestehen. Das Grauen liegt aber gerade darin, dass die Nationalsozialisten keine mit bösem Blick durch die Gegend laufenden Grenzdebilen waren. Zwar zeigen Vilsmaier und Vávrová auch die Gegenseite – einige SS-Soldaten geben den Zuginsassen gegen den Willen Crewes’ Brotstücke – doch deren Motivation für die menschliche Tat wird ebenso wenig erklärt wie die sadistische, unmenschliche Handlungsweise des Leutnants.

Der letzte Zug

Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová unternehmen in Der letzte Zug den Versuch etwas eigentlich Undarstellbares in knapp zwei Stunden zu erzählen. Das ist ein ebenso mutiges wie fast unmögliches Unterfangen. Der letzte Zug zumindest vermittelt durch sein leicht konsumierbares Format, in das die Handlung – inklusive wunderbarer Rettung zweier Insassen - gepresst wird, ein allzu simples Bild dieser Geschichte des Dritten Reiches.

 

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