Der letzte Tag des Salvador Allende

Michael Trabitzschs Dokumentarfilm versucht, den letzten Tag im Leben des chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende zu rekonstruieren. Vor allem durch Gespräche mit den engsten Mitarbeitern Allendes, aber auch eingestreutem Dokumentarmaterial, entsteht neben einem Bericht über den von General Augusto Pinochet angeführten Militärputsch vor allem ein persönliches Bild Allendes.

Allende

Als am 11. September 1973 um 9.30 Uhr Panzer den Angriff auf den chilenischen Präsidentenpalast, die Moneda, eröffnen, werden nicht nur die Hoffnungen der überwiegenden Mehrheit der chilenischen Bevölkerung endgültig zerstört; es ist der Beginn einer fast 20 Jahre dauernden Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet. Nur ein halbes Jahr vor dem Putsch ging der seit 1970 als Staatspräsident amtierende Salvador Allende mit seiner Unidad Popular als Sieger aus den Parlamentswahlen hervor: mit 45% der Stimmen! In diesen sechs Monaten aber nahmen die sozialen und wirtschaftlichen Spannungen in Chile immer mehr zu. Bis die Lage schließlich in dem – von den USA kräftig mitfinanzierten – Putsch mündete, dessen Anführer der militanten Patria y Libertad angehörten.

Die komplizierte politische Vorgeschichte des Putsches, der Anfang September 1973 die ganze Welt erschütterte, erzählt Michael Trabitzsch in seinem Dokumentarfilm Allende aber nicht. Er konzentriert sich ganz auf den Tag des Putsches selbst – auf den letzten Tag des Salvador Allende. Dies ist aber zugleich eine der Schwierigkeiten des Filmes, denn dem Zuschauer ist es oft nicht möglich, die Zusammenhänge herzustellen oder zu erkennen. So erfährt man etwa von Allendes politischem Programm, seinem „Katalog der 40 Maßnahmen“, nichts – außer dem berühmten „halben Liter Milch für alle“. Zwar interviewt der Dokumentarfilmer die engsten Mitarbeiter Allendes (u.a. den Leibwächter, den Leibarzt und den Sohn des Privatsekretärs) und auch ehemalige Mitglieder der Patria y Libertad, es gelingt ihm aber nur zum Teil, daraus auch einen Stimmenchor von Augenzeugen werden zu lassen. Diese Einheit versucht der Film eher durch einen zusätzlichen Off-Kommentar zu erzeugen, der aber von einer Frau und einem Mann gleichzeitig gesprochen und damit zum Teil unverständlich wird. Dass diese Texte im Präsens formuliert sind und so versuchen, eine zeitliche Nähe zu suggerieren, ist anfangs zusätzlich verwirrend.

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Insgesamt überrascht die sehr konventionelle Art, in der Trabitzsch seinen Film geschnitten hat: Hier ein Interview, da eine dokumentarische Aufnahme und immer wieder Rede-Auftritte Allendes, von denen man aber nie erfährt, wann sie genau stattfanden und wer sie in welcher Absicht gefilmt hat. Das ist besonders problematisch, wenn man die sich überschlagenden Ereignisse rund um den Wahlkampf zur Parlamentswahl 1973 bedenkt. Der Film wirkt zwar meist durchaus sachlich, auch wenn er seine Dokumente nicht hinreichend belegt, bleibt aber andererseits auf eine merkwürdige Weise fast emotionslos, weil sich in dem zusammengeschnittenen Material, in den Kommentaren und Bildern kein harter Kontrast oder Widerspruch abzeichnet. Man könnte als aktuelles Gegenbeispiel den in dieser Beziehung sachlichen und emotionalen Film eines Weggefährten des chilenischen Präsidenten anführen: Salvador Allende von Patricio Guzmán. Leider lief dieser Film in Deutschland nur auf Festivals und obwohl er für die Schweiz einen Verleih gefunden hat, sucht man ihn auf unseren Kinoleinwänden vergeblich.

Wenn zum Schluss des Filmes mehrere Protagonisten den letzten Gang Allendes mit minimalen Abweichungen voneinander beschreiben und Trabitzsch die kurzen Bemerkungen dieser inzwischen altgewordenen Kämpfer ineinander montiert, gewinnt der Film für Augenblicke eben jene Kraft, die man sich durchgängiger gewünscht hätte. In diesem aus mehreren Blickwinkeln geschilderten letzten Gang Allendes vor seinem Suizid wird auch der fassungslose Blick der Welt auf das Ende dieses Politikers mitgezeichnet. „Allende ergibt sich nicht, Scheiße!“, sollen seine letzten Worte gewesen sein – die letzten Worte eines Rebellen, der zugleich ein Moralist war.

 

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