Der letzte Sommer der Reichen

Mit Lackstiefeln nach unten treten. In seiner satirischen Seifenoper widmet sich Peter Kern den moralischen Abgründen der Wiener Upperclass.

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Erst vor einigen Wochen wurde ein lesbisches Pärchen aus einem bekannten Wiener Kaffeehaus geschmissen, weil es sich zur Begrüßung auf den Mund geküsst hatte. Als Begründung meinte die Wirtin, ihr Lokal sei kein Ort, an dem man seine Andersartigkeit demonstrieren müsse. Auch im neuen Film von Peter Kern stören zwei Frauen – eine am Rande der Verzweiflung, die andere im Nonnenkostüm – den Kaffeehausbetrieb. Doch bei einem wie Kern, einem wütenden Kämpfer für die Schwachen und Entrechteten, geht es schon etwas expliziter zur Sache. Nach leidenschaftlichen Lippenbekenntnissen und ein wenig Gefüßel unterm Tisch fallen die beiden schließlich übereinander her, wofür sie von den anderen Gästen angewiderte Blicke ernten. Wieder einmal scheint der österreichische Regisseur von Menschen zu erzählen, die sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien versuchen. Aber die Hierarchie der Unterdrückung ist in Der letzte Sommer der Reichen alles andere als eindeutig. Zwar ist die Protagonistin in mancher Hinsicht sozial stigmatisiert, ansonsten lässt sie aber lieber die anderen Opfer sein.

Die Personifikation der Macht

Hanna von Stezewitz (Amira Casar), wohlhabende Besitzerin eines Modeimperiums, wirkt mit ihren schwarzen Lackstiefeln und ihrem verächtlichen Blick wie die Personifikation der Macht. Und doch brennt ein revolutionärer Geist in ihr. Wenn sie zwischen Society-Ladys, FPÖ-Politikern und Bankdirektoren verkehrt, eckt sie mit ihrem unkonventionellen Lebensstil an, mit ihrer Weigerung zu protzen, dem Hass auf ihren Vater („ein alter Nazi“) und dem Hang zum Exzess. Zum schwarzen Schaf der Oberschicht kann man Hanna trotzdem nicht glorifizieren, dafür hat sie ihren Status schon zu sehr verinnerlicht. Ein junges Model, das bei ihr vorspricht, wird von ihr zunächst erniedrigt und anschließend mit einem Riesendildo vergewaltigt. Überhaupt ist die wirtschaftliche Ausbeutung in Der letzte Sommer der Reichen eng mit sadomasochistischen Praktiken verknüpft. Ein plüschig abgeranztes Bordell, das als Nebenschauplatz dient und einen scharfen Kontrast zu den barocken Räumen der Mächtigen darstellt, macht das deutlich. Als eine Domina gerade spielerisch eine Kundin in die Mangel nimmt, platzt ihr Zuhälter herein und schlägt ihr ganz real ins Gesicht.

Die Faszination des Bösen

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Der letzte Sommer der Reichen könnte man als melodramatischen Thriller bezeichnen oder als satirische Seifenoper, die sich zu den Klängen von Wagner, Strauß und Vivaldi immer wieder selbst ins Monumentale erhebt. Aber eigentlich ist er wie die meisten Filme, die Peter Kern seit 35 Jahren dreht, eine Klasse für sich: Auf der einen Seite gnadenlos überspitzt und reißerisch, auf der anderen liebevoll und ehrlich. Reizvoll an Kerns Regiearbeiten ist, dass er zwar eine sehr klare Vorstellung vom Unrecht hat, zugleich aber um die Faszination des Bösen weiß. Man meint regelrecht zu spüren, wie viel Spaß es ihm zum Beispiel macht, eine gehässige Nebenfigur (Margarethe Tiesel; Paradies Liebe, 2012) einzuführen, die sich abfällig über die Armen äußert und fordert, man solle die ganzen Flüchtlinge doch einfach von ihren Booten ins Wasser werfen. Dass Der letzte Sommer der Reichen weitaus zynischer ausgefallen ist als frühere Filme Kerns, hat auch damit zu tun, dass er in einem elitären Milieu spielt, in dem die Moral auf der Strecke geblieben ist. Lediglich Hanna wird im Laufe der Handlung sympathischer, vor allem, weil sie einer Nonne verfällt und für diese Liebe alles aufs Spiel setzt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auf dem Soundtrack immer wieder die Ouvertüre aus Wagners Lohengrin zu hören ist. Denn wie der Gralsritter mit dem Schwanentaxi verwandelt sich auch Hanna erst durch die Liebe in einen Menschen.

Durch Scheitern zu neuer Größe

Obwohl Kerns Low-Budget-Filme häufig nicht einmal regulär im Kino laufen, gelingt es dem Regisseur immer wieder, Stars zu besetzen. Oft sind sie etwas abgehalftert, doch nie entsteht dabei der Eindruck, sie seien nur zweite Wahl. (Kerns Traumbesetzung für Der letzte Sommer der Reichen wäre übrigens Lindsay Lohan gewesen.) Seine Begeisterung für Skandalnudel Helmut Berger hat der Regisseur zum Beispiel gerade dann geäußert, als der Schauspieler ins „Dschungelcamp“ von RTL einzog – was in der öffentlichen Wahrnehmung eher als Karrieretiefpunkt gesehen wurde. Erst durch den Absturz scheinen die Prominenten für Kern interessant zu werden. Als sich Hanna im Film darüber echauffiert, dass sie für das „Dschungelcamp“ angefragt wurde, steht ihr ausgerechnet Winfried Glatzeder als devoter Diener gegenüber, der selbst schon in der erfolgreichen TV-Sendung an Kamelpenissen nagen musste.

Der Letzte Sommer der Reichen 03

Wenn Schauspieler wie Amira Casar und Winfried Glatzeder bei Kern auftauchen, glaubt man die bekannten Mimen so noch nicht gesehen zu haben. Wäre man gehässig, könnte man sagen, bei ihm spielen sogar gute Schauspieler schlecht, aber solche Urteile kleben zu sehr an einer sehr beschränkten Vorstellung davon, wie gutes Schauspiel auszusehen hat. Casar wirkt hier etwa ausgestellter und nackter als sonst, mehr mit sich und der Hysterie ihrer Figur allein gelassen. Wenn sie wimmert, schreit oder einfach nur verbissen schaut, legt sie damit eine Verletzlichkeit an den Tag, die ebenso faszinieren wie peinlich berühren kann. Und wenn man etwas von Kerns Filmen lernen kann, dann dass man vermeintliche Handicaps stolz nach außen tragen sollte. Mit einem Augenzwinkern nutzt Kern zum Beispiel den britischen Akzent von Casar als Zeichen für die zunehmende Entfremdung zwischen Hanna und ihrem kranken Vater. Als sie nach einem Streitgespräch wütend den Raum verlässt, wundert er sich darüber, dass seine wildgewordene Tochter nicht einmal mehr richtig Deutsch kann.

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Kommentare


cinephil

Ich habe den Film gestern gesehen und bei aller Liebe: das war der mit Abstand schlechteste Film, den ich je gesehen habe. Es wäre eine Unverschämtheit, wenn dieser Film in die Kinos käme und dann auch noch versucht werden würde, mit diesem Mist Geld zu verdienen. Ich bin sehr cinephil aber ich habe selten so eine Ansammlung von Kllischees, Stereotypen, schlechtem Schauspiel (besonders die Hauptdarstellerin!) und miesen Dialogen gesehen. Die erste Szene - so viel sei verraten - fängt mit dem direkten in den Mund pinkeln an mit Hilfe einer grotesken Gummimaske.
Nein, danach wird der Film nicht besser. Wer sich also derartige Abscheulichkeiten ersparen möchte - dem sei gearten, Abstand zu nehmen.

Auf der Berlinale haben wir als Zuschauer den Film jedenfalls im Chor ausgebuht. Und das hat der Journalist hier irgendwie vergessen, zu erwähnen.... Warum?






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