Der letzte schöne Herbsttag

Untersuchungsgegenstand heterosexuelle Partnerdynamik, Versuchslabor München: Nach dem Massenexperiment Shoppen kommt von Ralf Westhoff nun die Langzeitstudie Der letzte schöne Herbsttag in die Kinos.

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Irgendein Paar, Mann und Frau (Julia Koschitz, Felix Hellmann), in München. Was sie beruflich machen ist unwichtig, was vorher war und nachher sein könnte auch. Sie hat eine beste Freundin, er einen besten Freund, einmal tauchen ihre Eltern auf, zweimal liebeshungrige Männer - und Schluss. Viel mehr Sprechrollen gibt es nicht in Ralf Westhoffs Der letzte schöne Herbsttag, der kleinteiligen Beobachtung des Auf und Ab und Hin und Her einer bröckeligen, neurotischen Beziehung durchschnittlicher Großstädter. Wie es tausende gibt. Oder besser: wie die Schnittmenge tausender wirklicher Beziehungen.

Der letzte schöne Herbsttag verhandelt seine Thematik fast ausschließlich auf verbaler Ebene. Das gesprochene Wort ist die dominante Kommunikationseinheit, Gesten, Bewegungen und Berührungen sind demgegenüber marginal, fast Randerscheinungen in einem Film, dem irgendwie der Körper fehlt. Fast die Hälfte der Spielzeit besteht denn auch aus fingierten Interviewfragmenten, bei denen Mann und Frau über sich und den anderen sinnieren, schmachten, lästern: klassische Talking-Head-Schussweiten, von der Brust aufwärts. Den beiden Hauptdarstellern merkt man sichtlich die Mühen an, in den meist engen Bildräumen verharren zu müssen und allein durch Sprechrhythmus und Intonation Emotionen mit Gehalt zu mixen. Das Geschehen wirkt, gleich seiner Bilder, rumpflos, wie Figuren ohne Taille oder Tanzen ohne Hüftschwung.

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Was zweierlei Schlüsse nahe legt: die Deutschen habens eben nicht so mit Romantik, oder Ralf Westhoff ging es gar nicht um Romantik. Letzteres mag in Maßen zutreffen: die radikale Konzentration der Inszenierung, der minimale Cast und die räumliche Begrenzung, die konsequent betonte Dominanz von Wort über Bewegung können nicht nur einem augenscheinlich minimalem Budget geschuldet sein. Westhoff räumt seine Charaktere (fast) frei von Vergangenheit, sozialem und professionellem Umfeld, verknappt seine Inszenierung auf drei primäre Szenentypen und verengt den Raum auf zwei Appartements, ein Café, eine Bar, ein bisschen Münchner Club- und Straßenleben: das hier ist keine Welt, sondern eine Versuchsanordnung mit kontrollierbaren Variablen. Westhoff strebt eine Analyse heterosexueller Beziehungen an, nicht eine Auseinandersetzung mit deren Wirklichkeit.

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Also ist Umdenken angesagt: nicht Romantic Comedy, schon gar nicht Melodrama flimmert hier über die Leinwand, sondern ein Experiment. Nimmt man eine dementsprechende Perspektive an, ist Der letzte schöne Herbsttag nicht frei von Erkenntnissen, wenn auch bar echter Erlebnisse: Die romantische Beziehung als gewissermaßen halboffenes System, das so lange den Bezug zur Umwelt unterbindet, wie ein internes Gleichgewicht aufrechterhalten werden kann. Doch die Zirkulation von Feedbackschleifen (Küsse, Geschenke, Sex, Unterhaltungen) ohne ausreichenden externen Input verkümmert mit zunehmender Dauer. In dem Maße, in dem das Gleichgewicht ins Wanken gerät, öffnet sich das System nach außen hin, und die neu eindringenden Inputs (zweifelnde Freunde, Verlockungen, Urlaube etc.) verschärfen das Ungleichgewicht, bis es zum Kollaps des Systems kommt.

Ungefähr so könnte Der letzte schöne Herbsttag beschrieben werden, und in einer solch verallgemeinerbaren Offenheit behandelt er auch sein Sujet. Die Beziehung zwischen IHR und IHM tritt hier als weitgehend von Kontingenz und Besonderheiten befreiter Präzedenzfall auf, SIE und ER sind so bar jeder menschlich-verwirrender Eigenheiten, dass sie weniger als Individuen auftreten, denn als Projektionsflächen heterosexueller Fremdbilder. Hier kann wahrscheinlich jeder Mensch, der sowohl in sexueller als auch ideologischer Hinsicht „klassisch“ funktioniert (von „normal“ sollte dabei nicht mehr die Rede sein), mit der ein oder anderen Gefühlskonstellation, Problemsituation oder Dialogzeile etwas anfangen, sich und die eigenen Erfahrungen „da drüben“ im Film wieder erkennen.

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Interessant, wie Westhoff dabei die (schmerzhaften) Folgen der feministischen Emanzipation auf ein zurückgebliebenes Beziehungskonzept beschreibt. SIE sehnt sich letztlich nach dem Manne von damals: etwas grob, sexgeil, streitlustig. Die Frau ist ja stark geworden, um so einem die Stirn bieten zu können. Doch ER ist eben jener neue, eingeschüchterte, „entgenderte“ Mann, ist nun sensibler und harmoniesüchtiger als SIE es je sein könnte, auch wenn eine gewisse robinsonhafte Selbstgenügsamkeit bleibt, die aber nicht mehr in Überlegenheitsglauben, sondern Überforderung zu gründen scheint.

Also romantische Analyse nach dem Gießkannenprinzip, die eher weit streut als tief trifft. Doch das ist auch wieder nicht alles. Dann würde sich nämlich schlussendlich die Frage stellen, warum man dem im Modus narrativer Spielfilm nachgehen muss.  Ralf Westhoff scheint da unentschlossen: die Nacktheit der Inszenierung konterkariert er durch klassisch psychologisierendes Spiel, was auf Seiten der Darsteller (trotz beachtlicher Hingabe) insgesamt scheitern muss (wie spiele ich ein Prinzip, als wäre es ein Individuum?), auf Seiten der Zuschauer jedoch in einigen Momenten ernsthaft schmerzt: Wenn alle romantischen Gefühle über sprachlichen Inhalt verarbeitet werden sollen, ist der Kitsch nicht weit. Einige Zeilen sind auf schmerzhaft–klebrige Weise metaphernsatt, den „wissenschaftlichen“ Zugang durchkreuzt exzessives Fremdschämen. „Ich bin ein einsamer Stern im All und fürchte mich um meine Anziehungskraft“: solche Zeilen hätten nicht sein brauchen. Der letzte schöne Herbsttag ist dadurch ein eigenartiger Film, zu menschelnd für einen strengen Blick, zu leer für echte Gefühle, aber dennoch nicht ganz ohne Charme.

Trailer zu „Der letzte schöne Herbsttag“


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Kommentare


airam

Meiner Meinung nach ein sehr treffender, guter Film.


Susanne

Ich fand ihn klasse. Manch einer wird sich darin wiederfinden !






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