Der lange Sommer der Theorie

Filmfest München 2017: Die Beute ist verteilt, der Kampf muss weitergehen: Irene von Alberti sucht den Funken der Revolution und versprüht ihn dabei selbst. Damit morgen morgen und nicht einfach nur wieder heute ist.

Der lange Sommer der Theorie 1

Drei Künstlerinnen leben zusammen in einer WG hinter dem großen, gläsernen Berliner Hauptbahnhof, mitten im nächsten Sanierungsgebiet der Stadt. Ihre kleine Insel früherer Lebensstile wird weichen müssen, dem Geld, der Spekulation, der Gentrifizierung. Alles wie immer also? Keineswegs – denn anstatt zu protestieren, wollen sie herausfinden, was es überhaupt zu tun gibt in dieser Welt, für sie, in diesem Augenblick. Irene von Alberti hat einen Film gedreht, der das Nachdenken nicht bloß irgendwie anregt, sondern das Denken denkt: Es wird zum Stoff, zum Kostüm, zum Gegenstand und natürlich zur Dialogzeile.

Der heutige Kampf ist ein anderer

Weil es wohl in manchen Ohren gut klingt, spricht man nicht nur bei Autos von Hybriden, sondern auch bei Filmen, wenn ihr Antrieb aus mehr als einem Stoff besteht. Der lange Sommer der Theorie schickt eine seiner Protagonistinnen, Nola (Julia Zange), auf die Jagd nach Gedanken, sie macht einen Film im Film, der aus dokumentarischen Gesprächen besteht. Als Ersten trifft sie Philipp Felsch, der das Buch geschrieben hat, dessen Titel den Film ziert – es geht um die 68er und ihr Leseverhalten. Ob wohl Lesen bei der Revolution hilft? Sie laufen gemeinsam durch den Park, vielleicht ganz einfach, weil es gut ausschaut.

Der Sommer jedenfalls, der macht seinem Namen alle Ehre. Der Film kennt aber auch Widersprüche und Paradoxien: Die drei Künstlerinnen in der WG sind Hausbesetzerinnen und vermieten Zimmer über Airbnb. Sie wollen sich den Regeln von Konsum und Spaß am Markt widersetzen, lesen Bücher, liegen herum und möchten was Nützliches tun. Ob sie noch Opposition sind, wenn die rechten Identitären das für sich reklamieren? Immerhin wissen sie, was es heißt, in einem Film gelandet zu sein, der weder frauenfeindlich noch besonders männerfreundlich ist.

Irene von Alberti hatte zusammen mit Miriam Dehne und Esther Gronenborn 2005 Stadt als Beute gedreht – und Der lange Sommer der Theorie trug einmal als Zusatz den Arbeitstitel Stadt als Beute 2. Nun ist der Film allerdings doch fast völlig eigenständig, der damalige Kampf gegen die große Gentrifizierungswelle scheint weit zurückzuliegen, die Immobilien sind weitgehend verscherbelt, und Berlin ist kaum wiederzuerkennen. Der heutige Kampf ist ohnehin ein anderer, der auch grundsätzlicher ist und bei der Suche nach Mitteln und Methoden beginnt: Nicht zuletzt, weil jeder Widerstand gegen den Kapitalismus sich vereinnahmen lässt – und fast immer von ihm vereinnahmt wird.

Erzählen heißt übers Erzählen nachdenken

Der lange Sommer der Theorie 2

Kostüm, Szenenbild und Bildgestaltung schärfen Hand in Hand die Kontraste. Sie lassen Nola, die Fotografin Martina (Martina Schöne-Radunski) und die Schauspielerin Katja (Katja Weilandt) vor dem Hintergrund, der schon sowas wie ihre Lebensform bedeutet, hervorstechen, auf dass sie sich herauslösen könnten, wenn sie nur wüssten, wohin. Die Kamera gleitet an ihnen vorbei, wie sie da liegen und sitzen in der Wohnung, eine Gemeinschaft bilden mit Freunden, Nachbarn und irgendwelchen anderen, eine Gemeinschaft der Stasis, die brodeln könnte, aber eher ein Jucken verspürt. Männer, die einfach nur schön anzusehen sind, werden in Mobiliar verwandelt: Das Medium ist das Mittel zur Aufklärung – und sie macht Spaß.

Wie eine Zeitkapsel aus der Gegenwart lässt sich Der lange Sommer der Theorie nur im Präsens beschreiben, noch in den fantastischen Träumereien sind die Protagonistinnen einfach nur da. Sie wähnen sich in anderen Umständen, als Sachbearbeiterinnen in einem Jobcenter zum Beispiel, doch sie wissen, dass sie sich kaum realistisch woanders hindenken können. Da fällt es leichter, die eigene Wirklichkeit zu problematisieren. Auf einem Dach über der Stadt sitzt Nola mit der Philosophin Rahel Jaeggi, die das Verschwinden öffentlicher Plätze anprangert. Dann spricht sie in einer Kita mit den Autorinnen Lilly Lent und Andrea Trumann, die ein bisschen ironisch von Staatsfeminismus reden, weil es ihnen opportunistisch erscheint, Frauen als Arbeitskraft nützlich zu machen. Die Montage verbindet die heterogenen Elemente mit sanften Übergängen, die den zeitgenössischen Retrolook (Szenenbild und Kostüm: Janina Audick) verschlingen und einbetten in einen Fluss an Möglichkeiten (was auch heißt: Unmöglichkeiten). Erzählen heißt übers Erzählen nachzudenken – das Unerzählte, das Auserzählte, das Metaerzählte, alles gehört dazu.

Aktiv wird, wer die Wirklichkeit für einen Film hält

Artifiziell ist das neue Authentisch, könnte man meinen, wenn man Katja, Martina und Nola lauscht. Nichts ist unüberlegt in ihren Gesprächen, und selbst ihr Herumliegen hat noch etwas von einer Performance. Klar ist die Volksbühne nicht weit, und eine Szene spielt sogar dort. Mit Dramaturg Carl Hegemann fährt Nola Bobby-Car und hört sich an, wie mediale Illusionen gebrochen werden müssen, wenn Kunst politisch sein will. Es ist Kern des Unterfangens von Der lange Sommer der Theorie, eine Form zu finden – Kern oder eher Textur. Das ist die Frage: Ob es ein Vordringen oder eher ein Ausbreiten ist, daran könnten sich die Geister scheiden. Vermutlich ist es beides, weil Irene von Alberti gleichzeitig ratlos, suchend und hoffnungsvoll ist.

Gegen Ende sitzt der Philosoph Boris Groys in einem absurden Setting, einem Ort der vergangenen Zukunft, mit geschwungenen Sesseln aus Plastik, als wäre der Futurismus der 1960er kein historischer Rahmen, denn er wirkt frisch und eingebettet ins Jetzt. Nola betritt den Raum aus einem Fahrstuhl, der mit großflächigen Videopaneelen an die in den 1990en und 2000ern so beliebten raumumfassenden Großbildschirme gemahnt. Groys sagt etwas Überraschendes, etwas, das man weder in diesem Film noch von einem zeitgenössischen Philosophen erwartet: Die Identifikation mit Filmhelden erlaube es dem Zuschauer, aktiv zu werden – aktiv würde im Leben nämlich der, der romantisch die Wirklichkeit für einen Film (oder einen Roman) halte. Immerhin: Für mich ist Der lange Sommer der Theorie wirkliche Wirklichkeit, die so wirklich ist, weil sie so schön eigensinnig wirkt, wie ja nur die Wirklichkeit wirken kann. Mal sehen, ob die Welt dem entsprechen kann, wenn ich mich anstrenge.

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