Der Kuaför aus der Keupstraße

Gewebe aus Schuld: Andreas Maus zeigt, wie nach dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße durch den NSU die Opfer zu Tätern gemacht wurden.

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Nägel fallen klirrend auf eine Metallplatte, biegen sich, rasseln durcheinander. So die ersten Bilder von Der Kuaför aus der Keupstraße. Das eigentliche Bild des Grauens wird nicht gezeigt: Am 9. Juni 2004 explodiert vor einem Frisörsalon auf der Kölner Keupstraße eine mit über 700 zehn Zentimeter langen Tischlernägeln gefüllte Bombe. Körper werden durchbohrt, Scheiben gehen zu Bruch, Blut an den Häuserwänden. Erst acht Jahre später stellt sich heraus, dass der Nationalsozialistische Untergrund für den Anschlag verantwortlich gewesen ist. Bis dahin standen die türkisch geprägte Einkaufsmeile und ein angebliches kriminelles Netzwerk innerhalb der migrantischen Community im Zentrum der Tätersuche.

Visuelle Akten

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Der Handschrift von Regisseur Andreas Maus merkt man an, dass dieser seit über 20 Jahren Autor beim TV-Politmagazin Monitor ist. Um die – nur schwer zugänglichen – Fakten bemüht, dokumentiert der Film sachlich und minutiös das Versagen der Ermittlungsbehörden. Ein Film wie eine visuelle Akte. Die Täter wurden von Anfang an im Milieu der organisierten Kriminalität vermutet, mögliche Verbindungen der Ladeninhaber ins Rotlicht- und Türstehermilieu einfach herbeigedichtet. Jahrelang beobachteten verdeckte Ermittler die eigentlichen Opfer und forschten sie aus. Weil ein rechtsextremer Hintergrund von vornherein gar nicht in Erwägung gezogen wurde, sind Gründe und Motive der Tat zunächst im wahrsten Sinne des Wortes gemacht, fabriziert worden. Eine Symbiose aus Willkür, Alltagsrassismus und Vertuschung zeichnet Der Kuaför aus der Keupstraße nach.

„Wir wurden zu Tätern gemacht“

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Der Kuaför aus der Keupstraße bemüht sich dabei in jedem Bild um eine möglichst genaue Rekonstruktion der Ereignisse. Und greift dafür auf ein ästhetisch an Lars von Triers Dogville (2003) erinnerndes Reenactment der polizeilichen Vernehmungsprotokolle zurück, denen die Opfer des Anschlags jahrelang ausgesetzt waren. Kontrastiert wird diese Ebene durch die Darstellung dieser Opfer in ihrem Alltag: Maus porträtiert die Keupstraße als eine Straße der Tätigen, selbstständig und optimistisch. In breiten Panoramaaufnahmen werden die Ladenzeilen zu einer eigenen Welt, die über Jahrzehnte hinweg von Migrantinnen und Migranten aufgebaut wurde. Ein psychologisches Detail wird im Verlauf des Films immer klarer herausgearbeitet: Die permanenten Schuldzuweisungen durch die Polizei haben ihre eigene Realität erschaffen. Die Bewohner der Keupstraße fühlten sich tatsächlich irgendwann schuldig, verantwortlich für die klaffende Lücke, die Düsternis, die bis 2011 die endlose Suche nach den möglichen Tätern bestimmt hat. Wem tausend Mal gesagt wird, er habe etwas zu verbergen, glaubt das am Ende tatsächlich.

Die Nägel stecken noch in den Häusern

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Als schließlich der Besuch eines gut gelaunten Joachim Gaucks im Frisörsalon gezeigt wird, scheinen all diese Versäumnisse vergessen. Die Szenerie bekommt einen fast schon zynischen Unterton: Wie ein verschämt grinsender Grandseigneur scharwenzelt Gauck um die Brüder Özcan und Hasan Yildirim herum und „möchte sich gerne einmal ganz genau anschauen, wo dieses Theater stattgefunden hat“. Warum die Auseinandersetzung mit dem Attentat erst nach ungefähr zehn Jahren begonnen hat, fragen die Opfer immer wieder. Bis heute erinnert keine Gedenktafel an die Opfer, die Nägel der Bombe stecken teilweise noch in den Häusern der Keupstraße. Erst Nuran David Calis’ Theaterstück Die Lücke im Schauspiel Köln und die Initiative „Keupstraße ist überall“ konnten eine erste Politisierung bewirken. 2014 fand dann das große Fest „Birlikte – Zusammenstehen“ statt. Das sei schön und gut, aber jenseits dieser etwas wohlfeilen Beweihräucherung durch ein jährliches Straßenfest habe sich leidlich wenig geändert, befinden die Brüder. Es kämen ein paar mehr Deutsche in die Straße, zum Einkaufen, Haareschneiden. Gelebter Alltag als schwacher Trost. Einer der Brüder fasst die Haltung der Behörden und der Öffentlichkeit in einer denkwürdigen Aussage zusammen. Der gesellschaftliche Umgang mit dem NSU-Komplex in Deutschland, das sei vor allem eins: „Solidarität ohne Risiko“.

Film als solidarische Geste

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Die Ursachen und Hintergründe der Tat selbst interessieren den Film am Ende weniger als die konkreten Folgen für die Opfer – die Namen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fallen nur ganz am Schluss und nur ein einziges Mal. Durch diese konsequente Opferperspektive bleiben die tatsächlich Verantwortlichen eine diffuse, undurchdringliche Masse: Der damalige Kölner Polizeipräsident erklärt gegenüber der Kamera in reinstem Paragraphendeutsch, er hätte von etwaigen Fehlern gar nichts wissen können. Und beteuert, dass die ermittlungstaktische Arbeit aus damaliger Sicht absolut ordnungsgemäß verlaufen sei. Spätestens hier wird klar, dass eine wirkliche Auseinandersetzung in vielen Köpfen noch immer in weiter Ferne ist. Und auch das Leiden der Opfer ist längst noch nicht vorbei. Der Kuaför aus der Keupstraße ist somit nicht nur wichtig als aufklärerischer Dokumentarfilm, sondern auch als Geste der Solidarität.

Trailer zu „Der Kuaför aus der Keupstraße“


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