Der Kreis

60 Jahre Schweizer Schwulengeschichte durch die Linse der einen großen Liebe: Stefan Haupt spürt in einer Dokufiktion Repression und Emanzipation nach.

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Die star-crossed lovers, wie sie das Kino gern in Szene setzt: Mit gequältem Gesichtsausdruck laufen sie aufeinander zu, klammern sich stürmisch an die Hände des anderen und schauen sich tief in die leidtriefenden Augen. Déjà-vu-verdächtig, würden in den verschränkten Händen nicht pechschwarze Fingerkuppen hervorstechen: ein Überbleibsel des vergangenen Verhörs, das auch das Schrubben noch nicht tilgen konnte. Regisseur Stefan Haupt findet im umschlungenen Paar mit den schwarzen Fingerspitzen ein Sinnbild für den Zustand zweier Männer in einem Land, das gleichgeschlechtliche Beziehungen für straffrei erklärt hat, aber zusehends in alte Repressionsmuster fällt. So stehen beide Männer da, freigelassen, aber nicht frei, in nur kurz währender Sicherheit, und vor allem: gebrandmarkt. Der Brandmarkung mit schwarzer Tinte steht das Damoklesschwert einer gesellschaftlichen Brandmarkung gegenüber, deren Allgegenwärtigkeit der Film in vielen kleine Szenen spürbar macht.

Seltene Pflanzen südlich vom Äquator

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Der Kreis eröffnet mit dem neckischen Bühnenauftritt eines alten Mannes: „Ich heiße Maude und liebe seltene Pflanzen, die es nur südlich vom Äquator gibt.“ Der Sänger ist Röbi Rapp, sein aufmerksamer Zuschauer Ernst Ostertag: Beide Männer sind doppelte Protagonisten in dieser Dokufiktion, die mal erzählt, mal erzählen lässt; die opulente Tanzbälle und gedämpfte Untergrundstimmung rekonstruiert und die beiden Männer, heute über achtzig, auf ihr Leben zurückblicken lässt. Im Wechsel der Ebenen – Gegenwartserfahrung und Reflexion a posteriori – spannt Der Kreis ein Sittenbild des 20. Jahrhunderts in Zürich auf. Die Hybridform ist ein Glücksfall für den Film: Anstatt ein zeitlich nahes Unrecht in eine Museumsvitrine zu stellen, schöpft er es als gesamtgesellschaftlich relevantes Thema aus; zeigt, dass der Kreis vielleicht noch nicht ganz geschlossen ist.

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Nach dem als Ouvertüre dienenden Bühnenauftritt springt der Film in seinen fiktionalen Teil. Zürich, 1956. Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler) ist Französischlehrer an einer Mädchenschule und versucht, ganz avantgardistisch, Camus an seine kleinen Schützlinge zu bringen; natürlich gegen den Widerstand des Rektors, der im Existenzialismus den Kommunismus wähnt. Solche subversiven Augenzwinker, wie sie Stefan Haupt in den Film streut – auf dem Gang spricht Osterstags junge Kollegin ihre Begeisterung für Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht aus – sind weniger Vorboten einer gesellschaftlichen Umwälzung als Belege für die große Einsamkeit, zu der Andersdenkende hier verdammt sind. Um diese Isolation zu durchbrechen, findet Ostertag, schüchterner junger Mann mit akkurat gekämmten Haaren, zu dem Netzwerk um die Zeitschrift „Der Kreis“: ein dreisprachiges Blatt mit literarischem, wissenschaftlichem und künstlerischem Anspruch, das dem Bekanntmachen homosexuellen Schaffens gilt und weit über die Schweiz hinaus ausstrahlt.

Konventionell Unkonventionelles

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Dabei ist die Anfang der 1940er Jahre entstandene Gruppierung um „Der Kreis“ weit mehr als ein Lesezirkel: Als einzige Schwulenorganisation überlebt sie die Herrschaft des Naziregimes und blüht in der Nachkriegszeit zu einer international beachteten Stätte der Subkultur auf, deren Wahrzeichen die rauschenden Feste im Züricher Theater am Neumarkt sind. Auf einem solchen schillernden Ball lernt Ostertag den jungen Röbi Rapp (Sven Schelker) kennen, androgyner Gesangstar des Kreises, im Übergrundleben Friseur. Die beiden Männer verlieben sich ineinander – eine behutsame, von sanften Klaviertönen untermalte Annäherung, deren einfältige Darstellung vielleicht programmatisch gelesen werden muss: konventionelle Darstellung für eine Liebe, derer sich die gesellschaftliche Konvention lange nicht annehmen wollte. Eine sinnliche Friseursequenz erinnert unweigerlich daran, wie Robert Redford in Jenseits von Afrika (1985) einst Meryl Streep über dem Fluss die Haare wusch. Die Spielfilmanteile bedienen sich sonst keiner homoerotischen Ästhetik; im Film flackert diese nur kurz auf, durch zwischenmontierte Originalauszüge aus „Der Kreis“-Ausgaben.

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Auch inhaltlich liegt der Schwerpunkt nicht auf Homoerotik – wie Karl Meier (Stefan Witschi), der führende Kopf der Kreis-Redaktion, sie dem zu eng gefassten Begriff der Homosexualität vorzog –, sondern auf der Darstellung des Unrechts: der Mühen, ein Doppelleben aufrechtzuerhalten; der Genugtuung der Behörden, dieses zu zerschlagen; den demütigenden, bloßstellenden Prozeduren. Und das trotz liberaler Gesetzgebung: Anders als in Deutschland waren in der Schweiz homosexuelle Handlungen zwischen Volljährigen 1942 legalisiert worden. „Homosexualität ist in der Schweiz nicht strafbar“, erinnert Karl Meier trocken die Beamten, die ihn nach einer Razzia auf einer vom Kreis ausgerichteten Tanzveranstaltung verhören. „Aber registrierbar“, erwidert einer von ihnen. Das Happy End zeichnet sich vor dem Hintergrund eines solchen Unrechts noch deutlicher ab, muss sich aber nicht um Glaubwürdigkeit bemühen: Ernst Ostertag und Röbi Rapp sind 2003 eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen.

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