The Congress

Mutterliebe als letzte Gewissheit: Ari Folman spinnt sich durch leere Fantasiewelten.

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Utopische oder dystopische Filme unterliegen immer einem gewissen Rechtfertigungsdruck bezüglich ihrer gestalterischen Entscheidungen. Wenn sie sich anschicken, unsere Welt in irgendeiner Form sinnvoll weiterzudenken, dann sollte der Stil der zukünftigen imaginierten Welt ja etwas widerspiegeln, das im Heute schon angelegt ist. Umgekehrt ist es ein Ärgernis, wenn Filme, die auf unsere gesellschaftliche Zukunft zugreifen, diese in einer Weise imaginieren, die nichts, aber auch gar nichts mit den eigenen Spekulationen in Richtung Morgen zu tun haben, die also aus dem Jetzt die falschen Schlüsse ziehen. Genau das ist der Fall in Ari Folmans Der Kongress, und es ist nicht der einzige Makel eines insgesamt ziemlich katastrophalen Films.

Begegnung mit einem digitalen Alter Ego

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Aber kurz zur Story: In sehr schwermütiger, fast lethargischer Manier wird da vom Verlust des Selbst und der Identität erzählt, wie häufig im Trickfilm mit allerlei meta-reflexiven Kurzschlüssen. Robin Wright, zuletzt erfolgreich in der Netflix-Serie House of Cards, spielt eine Robin Wright, deren Schauspielerinnen-Stern am Sinken ist. Ihr letzter Kontrakt sieht ihre komplette Digitalisierung vor, einschließlich der Klausel, dass zwanzig Jahre lang nur ihr digitales Double unter dem Namen Robin Wright auftreten darf. Schweren Herzens und aus Sorge um ihren psychisch kranken Sohn willigt sie ein – nur um zwanzig Jahre später zwecks Vertragsverlängerung zu einem Kongress in die Fully Animated Zone eingeladen zu werden, in der ihr Alter Ego in der Zwischenzeit zum Star geworden ist.

Der Kongress 03

Der Realfilm-Prolog von Der Kongress gleicht einem endlosen Einführungsseminar in Erkenntnistheorie, Ethik und Medienwissenschaften. Wer oder was bin ich? Spaltet sich die Welt in virtuell und reell? Wer oder was ist meine digitale Kopie, und was hat ihr Verhalten mit meinem zu tun? Robins Kinder (Kodi Smit-McPhee, Sami Gayle), ihr Agent (Harvey Keitel), der Studioboss (Danny Huston), sie alle werfen der Schauspielerin vor, in ihrem Leben wie in ihrer Karriere nichts als "bad choices" gemacht zu haben. Die falschen Liebhaber, die falschen Rollen. Dagegen kann ihr digitales Ich nur alles richtig machen, perfekt spielen, alle Verträge erfüllen, keinen privaten Dramen erliegen. Der in diesem Kontrast verpackte Appell liegt offen zutage: Der freie Wille macht uns zu Menschen, und die Möglichkeit, sich falsch zu entscheiden, ist der Unmöglichkeit, es nicht zu können, immer vorzuziehen.

Entfesselte Fantasie mit mies animierten Bildern

Das sind ziemlich altbekannte, leicht naive Thesen, aber sie stehen in einer ganz interessanten Spannung zum tatsächlichen Verhalten der (analogen) Robin-Figur, die sich während des gesamten Films eigentlich niemals als wirklich aktiv handelnde, frei entscheidende Person gebiert. Der Kongress funktioniert wie auf Schienen, ohne Konflikte, ohne wirkliche Plotpoints, mehr von einem Szenario ins nächste gleitend, womit seine Gestaltung die philosophischen Postulate zu untergraben scheint. Allein, man befürchtet, dass diese Spannung ungewollt ist.

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Wirklich nervig wird Der Kongress dann, als Robin sich ein chemisches Wundermittel einverleibt, das ihr den Zugang zum vollanimierten Kongress verschafft. Langsam verwandelt sie sich in eine gezeichnete Version ihrer selbst, bis sie auf einmal in ihrem Porsche durch ein regenbogenfarbenes Meer rast, während am Horizont allerlei lachende Wale umhertollen. Und spätestens hier beginnen die stilinduzierten Schmerzen: Warum sollten wir Menschen, die wir nach Folmans Dafürhalten bald wieder in die Körper-Geist-Dialektik zurückfallen und uns mithilfe von Psychopharmaka vollkommen pro Geist und kontra Körper entscheiden, warum sollten wir unsere kollektiv entfesselte Fantasie mit mies animierten und quietschig kolorierten Bildern in Betty-Boop-Ästhetik auskleiden?

Tiefsinniges Geraune ohne Perspektive

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In der Fully Animated Zone jedenfalls schreit jedes Bild verzweifelt: „Psychedelischer Trip!" Und der besteht aus einer endlosen Abfolge von Weltmetamorphosen, existenzieller Ungewissheit und lauer Suche nach Sinn – und nach dem verloren gegangenen, geistig verwirrten Sohnemann. Die als nicht weiter erklärungsbedürftig hingestellte Mutterliebe bildet dabei den einzigen Vektor, die einzige Motivation, die den Film voranplätschern lässt. Robin versteht nichts von gar nichts mehr, stolpert durch die Szenarien, dem Zuschauer wird alles egal, aber sie muss ihren Sohn finden, warum auch immer.

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Selbst wenn einige Situationen, wie ein von wild-fantastischen Pflanzen durchwuchertes New York oder ein von Zeppelinen durchpflügter Himmel über Tempelhof, durchaus Esprit haben: Für jede der in Der Kongress aufgeworfenen Fragen und jede seiner stilistischen Entscheidungen gibt es in der Filmgeschichte ein besseres Beispiel. Zum Wechsel von kollektiver Fantasiewelt in triste Realität mittels einer Pille (sic!) siehe Matrix (Andy & Larry Wachowski, 1999), für ein aus einer Abfolge philosophischer Dialogsequenzen mit illustrativen Animationen zusammengesetzte Erzählung siehe Waking Life (Richard Linklater, 2001), für ein ähnlich gemächliches, aber unendlich viel verstörender und fantasievoller gezeichnetes Metamorphose-Universum siehe La planète sauvage (René Laloux, 1973).

Was dem Film aber am meisten abgeht, trotz allem tiefsinnigen Geraune, ist eine starke These, eine aufwühlende Perspektive. Das wundert bei einem Regisseur wie Folman, der mit Waltz with Bashir (2008) ja einen sehr relevanten, auch und vor allem stilistisch enorm durchdachten Film gedreht hat. Wo dort die Animationen einen ganz bestimmten Zweck erfüllten, namentlich die Dokumentation des Undokumentierbaren, des Verdrängten oder Vergessenen, so durchdringen die gezeichneten Passagen in Der Kongress keine dem Realfilm unzugänglichen Schichten der Wirklichkeit mehr, sondern imaginieren nur sinn- und ziellos vor sich hin. Hier ist die Fantasie von keinerlei Willen zur Erkenntnis begleitet, sondern nur mehr sich selbst überlassen.

Trailer zu „The Congress“


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Kommentare


ulle

Gut, dass es Vorfilme gibt. What a crap ;-)


mariam

gute kritik: viel zu wenig inhalt, viel zu viel deko, viel zu lang. eigentlich erstaunlich, nach waltz.






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