Der kleine Soldat

Nach dem Erfolgswunder von Außer Atem realisiert Godard mit Der kleine Soldat einen provokanten Film über den Algerienkrieg, der das ganze Land empört.

Der kleine Soldat

Außer Atem sei ein Film über das Engagement, sagte Godard in einem Zeitungsinterview. In der Tat kann man seinen Debütfilm als eine Interpretation der existentialistischen Thesen Sartres auf dezidiert filmästhetischer Ebene verstehen. In seinem zweiten – wesentlich ehrgeizigeren – Film Der kleine Soldat (Le petit soldat, 1960), den Godard bereits vor Fertigstellung von Außer Atem in Angriff nimmt, ist das Engagement zentrales Thema der Geschichte, die Godard in einem gesellschaftlich verminten Terrain situiert: der „Ereignisse“ in Algerien, wie es im offiziellen Diskurs damals hieß, um das Wort Krieg zu vermeiden.

Bruno Forestier (Michel Subor), desertierter Soldat der französischen Armee, ist ohne große politische Überzeugung in Tötungsmission für eine rechtsextreme Vereinigung in Genf, wo er sich in Véronica (Anna Karina) verliebt, die für die algerische Befreiungsorganisation FLN, also für die Gegenorganisation, arbeitet. Bruno wird von der FLN gekidnappt und gefoltert, kann jedoch entkommen und möchte mit Véronica seinem Leben entfliehen. Doch auch sie wird von der rechtsextremen Organisation gefangen genommen und zu Tode gefoltert.

Der kleine Soldat

Drei Jahre lang wird der Film von der Zensurbehörde verboten, und als er 1963 stark gekürzt in die Kinos kommt, empört er die Kritiker und verwirrt das Publikum. Denn die Position, die sein Protagonist gegenüber der politischen Situation einnimmt und die sofort mit der des Autors assimiliert wird, ist das vollkommene Desinteresse für die gesellschaftlichen und politischen Zustände. Vielmehr versucht Bruno verzweifelt in individueller Selbstfindung, sich von jeglicher politischer Untertänigkeit zu befreien.

In der zentralen Folterszene des Films, die die „typischen“ Folterpraktiken der französischen Armee in Algerien zitiert, betont die innere Stimme Brunos seine Entschlossenheit, nicht zu weichen – und zwar nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil er schlichtweg „keine Lust“ hat, sich den Befehlen seiner Folterer zu beugen. Sein Widerstand gegenüber der physischen Qual wird als pure Männlichkeitsprüfung dargestellt, in der Bruno sein Leben für nichts als die Schönheit der Geste aufs Spiel setzt. Ein echter Mann beweist Engagement nur sich selbst und seiner Identität gegenüber, in tragischer Einsamkeit.

Der kleine Soldat

Doch angesichts des empfindlichsten gesellschaftspolitischen Konfliktes im Nachkriegsfrankreich wurde diese zentrale Idee des Films als nonchalante Provokation verstanden. Godards Weigerung, explizit Position zu beziehen, seine Abneigung gegen das politische Engagement und seine Verleugnung der Motivationen der Algerienkrieg-Akteure haben die Befindlichkeiten der französischen Intellektuellen zutiefst getroffen.

Neben dem politischen Programm von Der kleine Soldat bleibt unbestreitbar das literarische Programm, in dem Godard versucht, die Methode des Bewusstseinsstroms im modernen Roman auf den Film anzuwenden. Wie bei Cocteau und Malraux, die der Film ausführlich zitiert, versucht Godard mit dem inneren Monolog eine doppelte Perspektive auf jede Episode zu konstruieren, so dass sich die gelebte filmische Gegenwart Brunos und seine spätere Erzählung ebendieser Gegenwart ständig begegnen und effektvoll überlagern.

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