Der Kick

Im Juli 2002 wurde in Brandenburg ein 16-Jähriger brutal misshandelt und ermordet. Andres Veiel zeichnet in der Filmadaption des gleichnamigen Theaterstückes mit Hilfe seiner beiden Schauspieler ein komplexes Porträt aller Beteiligten.

Der Kick

Susanne-Marie Wrages Gesicht verändert sich, sie richtet ihren Hals auf, ihre Haltung wird entspannter, sie ist zu einer anderen Figur geworden. Wrage und ihr Schauspielpartner Markus Lerch porträtieren in Andres Veiels Film Der Kick jeweils verschiedene Personen aus dem brandenburgischen Dorf Potzlow und seiner Umgebung. Am 12. Juli 2002 wurde in dem Ort der damals 16jährige Marinus Schöberl von drei kaum älteren Jungs misshandelt und getötet. Der Körper wurde in einem Schweinetrog versenkt. Nach dem Fund der Leiche sah sich das 500 Einwohner große Dorf einer Medieninvasion ausgesetzt und mit der Frage konfrontiert: Wie konnte das geschehen?

Andres Veiel, der mit Filmen wie Black Box BRD (2001), für den er unter anderem den Europäischen Filmpreis erhielt, und Die Spielwütigen (2004) sein Talent zur subtilen Untersuchung schwieriger Vorgänge bewiesen hat, versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Mit der Dramaturgin Gesine Schmidt ist er nach Potzlow gefahren und hat mit den Beteiligten, mit Täter- wie mit Opferfamilien, gesprochen. Daraus entstand das Stück Der Kick, das zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin eingeladen wurde.

Der Kick

Der Film ist im Wesentlichen das auf Zelluloid gebannte Theaterstück: Zwei Schauspieler schlüpfen in einer alten Fabrikhalle in die Rollen von Tätern, Angehörigen und Freunden der betroffenen Familien. In Monologen offenbaren sie ihre Wut, ihr Unverständnis oder finden Erklärungsansätze für die Tat. Die Übergänge zwischen den dargestellten Personen werden durch Änderungen in der Körperhaltung, in der Mimik oder auch der Tonlage deutlich. Als Requisiten dienen eine Bank und ein begehbarer Container mit großem Fenster im Hintergrund, der als Gerichtssaal fungiert.

Das Besondere an der Verfilmung liegt, wie Veiel im critic.de-Interview selbst beschreibt, in der Tatsache begründet, dass die Kamera noch die kleinste Regung im Gesicht der Schauspieler aufnehmen kann, wohingegen der Theaterzuschauer distanzbedingt auf den Ausdruck des Körpers achtet. Konsequenterweise nutzt Andres Veiel die Möglichkeit der Großaufnahme über weite Strecken. Dank der hervorragenden Schauspieler gelingt ihm damit eine faszinierende Charakterstudie. Ab und an fängt die Kamera gleichzeitig beide Gesichter ein, so dass zwischen den eigentlich einzeln stehenden, monologisierenden Personen eine Verbindung entsteht.

Der Kick

Der Reiz des Films liegt denn auch nicht in einer den Inhalt möglicherweise überdeckenden visuellen Form, sondern, wie auch beim Theaterstück, im Umgang mit dem Thema. Veiel verzichtet auf Gewaltdarstellung und Dokumentaraufnahmen aus dem kleinen Ort. Er konzentriert sich auf die Sprache: Die einzelnen Monologe funktionieren dabei wie Mosaikstücke, die sich im Kopf des Betrachters am Ende zu einem verstörenden Bild zusammenfügen. Der Dualismus von Täter und Opfer wird aufgelöst. Am Ende kann man die Figuren nicht mehr eindeutig einer Kategorie zuordnen. Klar hervor tritt die Unfähigkeit zur Kommunikation, die bei allen Beteiligten ausgeprägt zu sein scheint. Über Misshandlungen wird da zum Beispiel erst Jahre später gesprochen, wenn überhaupt.

Das „Ursachengestrüpp“, wie Veiel es nennt, ist zu komplex, um eine befriedigende, umfassende Antwort auf die Frage zu finden, wie diese Tat geschehen konnte. Mit einfachen Mitteln und unter Verzicht auf die dem Medium Film inne wohnenden Möglichkeiten, wirkungsvolle, auf schnelle Effekte zielende Bilder zu produzieren, zeichnet Veiel aber eindrucksvoll das Porträt einer Gruppe von Menschen, die im Grunde niemandem etwas Böses wollen, aus deren Mitte aber drei Jungs stammen, die ohne erdenklichen Grund auf brutale Weise einem Menschen das Leben genommen haben.

 

Kommentare


Najane

Sehr verstörend, auch durch die Schauspielart. Das Unfassbare minimalistisch inszeniert. Keine Schnörkel, keine Beschönigung, keine Erklärung. Ausgezeichnet und dem Geschehenen gerecht.






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