Der Ja-Sager

Distinktionsversuche und Genrezwänge. Jim Carreys neue Komödie schwankt etwas unentschlossen zwischen Indiepop und Grimassenakrobatik.

Der Ja-Sager

Carl Allen (Jim Carrey) ist als Bankangestellter „a soldier in the front line of finance“. Sonst ist nicht viel los in seinem Leben. Seit seiner Scheidung lümmelt er mit Vorliebe auf der Couch herum und wimmelt nicht nur seine Freunde mit den windigsten Ausreden ab. Einer dieser Freunde schleppt ihn schließlich mit auf ein Seminar des Motivationsgurus Terrence Bundley (Terence Stamp). Dessen Botschaft für seine Schützlinge auf der Suche nach einer erfüllteren Existenz ist simpel: Man sage einfach zu jeder Möglichkeit, die sich einem im Leben bietet: „Ja“.

Fasst man dieses Gebot, wie Carl es tut, wortwörtlich auf, hat man schnell einen Obdachlosen bei sich im Wagen sitzen, trifft sich mit heiratswilligen Iranerinnen (auch zu Spam-Emails darf „ja“ gesagt werden) und muss auch gegenüber den sexuellen Avancen der Oma von nebenan aufgeschlossen sein. Carl findet schnell Geschmack am neuen Lebensstil, in erster Linie, weil er ihm die Bekanntschaft mit der quirligen Allison (Zooey Deschanel) ermöglicht. Bei ihrem ersten Treffen nimmt sie ihn auf dem Mofa mit und überlässt dem noch im „vielleicht“-Modus lebenden Carl ihren Helm. Als er sie dann aber als Sängerin einer psychedelischen Elektropopband, die den Star-Spangled Banner auf einem Umhängekeyboard intoniert, wieder trifft, hat er sich bereits in einen waschechten Ja-Sager verwandelt und ist für jeden Blödsinn zu haben. Sogar für einen Harry-Potter-Videoabend und einen Wochenendausflug nach Nebraska.

Der Ja-Sager

Auch im Beruf bekommt ihm das Ja-Sagen gut. In Windeseile steigt er dank der mehr gefühlten als realen Dynamik in die Chefetage auf und führt nebenbei aus Versehen erfolgreich das Mikrokreditsystem, das seit einigen Jahren als große Hoffnung im Kampf gegen die Verelendung in Entwicklungsländern gehandelt wird, in die USA ein.

Eine solche geopolitische Pointe bleibt die Ausnahme in einem Film, der die Vorgaben seines Genres sehr konventionsgerecht ausfüllt und mit diskursiven Exzessen ebenso sparsam umgeht wie mit der charakteristischen Gesichtsmuskelakrobatik seines Hauptdarstellers. Eher schielen Peyton Reed und Jim Carrey auf subkulturelle Distinktionsgewinne. Jim Carreys Carl ist, das verrät nicht nur seine Kleidung, ein heimlicher Hippster und gehört damit einem kulturellen Milieu an, das in der amerikanischen Mainstreamkomödie eher selten auftaucht. Insbesondere von der Starpersona des derzeit erfolgreichsten Comedians Adam Sandler und dessen gezielten Attacken auf Coolnessbegriffe ist der neue Jim Carrey denkbar weit entfernt. Dazu passend tönt angesagter Indiepop – hauptsächlich von den Eels – auf der Tonspur.

Der Ja-Sager

Streckenweise hat man das Gefühl, dass sich vielleicht der ganze Film, in jedem Fall aber der Hauptdarsteller nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. Der Comedy-Star der Neunziger kehrt, nachdem er mit Joel Schumachers Thriller Nummer 23 (The Number 23, 2007) zum wiederholten Mal mit dem Versuch, sich im dramatischen Genre zu etablieren, gescheitert ist, dieses Mal etwas halbherzig zu seinen komödiantischen Wurzeln zurück. Zwar kommt er an den alten, im unmittelbar Körperlichen wurzelnden Routinen nicht ganz vorbei, doch diese fallen diesmal allesamt recht zurückhaltend aus und sind meilenweit entfernt vom anarchischen Freestyle beispielsweise der Ace Ventura-Filme (1994, 1995).

Freilich passt die neue Zurückhaltung zum realen Altern Carreys, der sich bereits seinem 50. Geburtstag nähert und diese Tatsache im Film nicht zu verstecken sucht. Der Ja-Sager ist ein Film über einen Mann, der seine wilde Zeit längst hinter sich hat und diese lediglich mit vielen Kunstgriffen und einem hanebüchenen Drehbuch wiederbeleben kann. Dieses Drehbuch, das spätestens mit dem Auftauchen des FBI völlig vor die Hunde geht, ist denn auch das eigentliche Problem des Films, der ansonsten als sorgfältig inszeniertes und gut besetztes Stück Genrekino nie begeistern, aber oft gefallen kann – hervorgehoben sei am Rande Rhys Darby, seinerseits durch die HBO-Serie Flight of the Conchords (2007-2009) bekannt geworden, der als Carls nerdiger Chef Norman manchmal fast so wunderbar unerträglich ist wie Ricky Gervais' David Brent in der britischen Sitcom The Office (2001-2003).

Der Ja-Sager

Genauer gesagt ist nicht das Drehbuch selbst daran Schuld, dass Der Ja-Sager einen unbefriedigenden Eindruck hinterlässt, sondern das Missverhältnis zwischen dem unterkomplexen Skript und der gesetzteren, um Distinguiertheit bemühten Starpersona, zu der Carrey sich über die Jahre entwickelt hat. Dem alten, wilden Jim Carrey hätte ein löchriges Drehbuch wie das von Der Ja-Sager wenig anhaben können. Ganz im Gegenteil, seinen Slapstickeinlagen wären die Löcher sogar entgegengekommen, hätte sie sich doch in ihnen jenseits narrativer Komplexitäten ungestört austoben können. Aber genau in dieser Form von low comedy scheint Jim Carrey sich immer weniger zu Hause zu fühlen.

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