Der Informant!

Die Täuschungsstrategien des neuen Filmes von Steven Soderbergh beginnen schon im Titel: Mit einem Ausrufezeichen ist dieser geschmückt, obgleich der Tonfall von Der Informant! eher ohne Punkt und Komma daherkommt.

Der Informant

In seiner 21. Regiearbeit erzählt der Amerikaner die sich einerseits auf Tatsachen berufende, andererseits aus der Lüge, der Übertreibung und der Fälschung ihr wesentliches Stilmittel formende Geschichte von Mark Whitacre (Matt Damon), zunächst vielversprechender Jungmanager im Agrarkonzern Archer Daniels Midland und dann, scheinbar ohne jedes Motiv, zentraler Informant des FBI in einem groß angelegten Prozess zu illegalen Preisabsprachen.   

Streng durch Marks Augen führt uns Soderbergh durch diese irgendwo zwischen realistisch und surreal schwankende Erzählung, und in einem stetig das Geschehen kommentierenden und ebenso regelmäßig wild umherschweifenden Off-Kommentar schreibt sich das Prinzip von Dichtung und Wahrheit in den Film ein. Das äußert sich zunächst noch in recht zurückgenommenen Pointen, die aus dem offenen Widerspruch zwischen der Ermittlungsarbeit des Plots und den immer absurderen Gedankengängen Marks gedrechselt werden. Allmählich tritt jedoch zutage, dass dieser selbst den zunehmend verzweifelten FBI-Ermittlern Shepard (Scott Bakula) und Herndon (Joel McHale) stets nur kleine Teile der ganzen Wahrheit liefert, und dass der um den immer unzuverlässiger erscheinenden Erzähler gestrickte Fall auch zum Desaster werden könnte.

Der Informant

Diese Zusammenführung von Gegensätzlichem prägt Der Informant! (The Informant!, 2009) auf allen Ebenen: Inhaltlich, in der zunehmenden Verwirrung von (historischer wie kriminalistischer) Wahrheit und (zwanghafter) Lüge, und stilistisch, in der Kombination des historischen Settings der frühen 1990er Jahre mit dem Stil der Kriminalkomödie der 1970er Jahre. Allerdings geht es hier weniger um die fluffigen Eskapaden von Steven Spielbergs launiger Schwindlerkomödie Catch Me If You Can (2002), an die sonst manches in Der Informant! erinnern mag. Evidenter scheint die Verwandtschaft zu jenem kleinen Subgenre des konzeptorientierten, komödiantisch überspitzten Wirtschaftskrimis, das in den letzten Jahren, wesentlich durch eine Reihe von Produktionen aus Soderberghs eigener Produktionsschmiede Section Eight, eine kleine Blüte erlebte. Als Reaktion auf das gemeinsam mit Autor und Filmemacher Tony Gilroy zum Erfolg geführte Modell des politisch wie sozial engagierten, hochseriösen und immer etwas der drögen Didaxe zuneigenden Ensemblethrillers à la Traffic (2000) oder Syriana (2005) ist ein Film wie Der Informant! vielleicht zuallererst zu verstehen. Der trockenen Ernsthaftigkeit, mit der die genannten Werke Wissensvermittlung hollywoodgerecht zu betreiben trachten, werden hier Verspieltheit und ironische Distanz entgegengesetzt.

Der Informant

Dabei stellt Der Informant! durchaus so etwas wie eine Kompilation bereits zuvor ausgespielter Versatzstücke dar. Das Spiel mit Dichtung und Wahrheit betrieb George Clooney bereits recht clever in seinem Regiedebüt Confessions of a Dangerous Mind (2002), die ökonomischen Verwicklungen deklinierte Tony Gilroy erst jüngst (in mancher Hinsicht radikaler und konsequenter) in Duplicity (2009) durch, und die Kontrastierung von überdrehtem Humorismus und ätzender Kritik fand sich jüngst bei den Coen Brothers in Burn after Reading (2008) wieder. Damit stellen sich letztlich zwei Fragen an Der Informant!: Wie schlägt sich Soderberghs Film gegenüber diesen direkten Vergleichsgrößen? Und: ist denn das Ganze jetzt eigentlich wirklich nötig? Die Antwort auf erstere Frage müsste lauten: recht gut. Er fällt weniger auseinander als Burn after Reading, er wirkt nicht so gewollt wie Duplicity und scheint tiefer in der Realität verwurzelt als Confessions of a Dangerous Mind. Zudem ist er schlicht und einfach sehr komisch: Der bedächtige Gestus, mit dem Soderbergh seine Erzählung aufbaut, bewirkt einen eher langsamen Rhythmus des Films, der nicht von Pointe zu Pointe zu hetzen scheint, sondern eher eine Reihe von mitunter großartigen Gags aus den sorgfältig gezeichneten Figuren heraus entwickelt.

Mit der zweiten Frage stößt man indes tief in das Grundproblem des Steven Soderbergh. Denn das Ausrufezeichen im Titel von Der Informant! ist nur eines der zahllosen arbiträren Zeichen im Gesamtwerk des Filmemachers, und der Film fügt sich letztlich nahtlos ein in dessen (sehr postmoderne) Methode, alles Gesagte auch stets gleich wieder zurückzunehmen. Das Geheimnis des Erfolges von Soderbergh, von Michael Sicinski jüngst in einem sehr bedenkenswerten Essay als „paradigmatischer Auteur des ökonomischen Neoliberalismus“ klassifiziert, scheint hierbei darin zu liegen, die widersprüchlichen Aussagen in Einzelwerke aufzusplitten, statt sie in komplexen Strukturen direkt einander gegenüberzustellen. Die spezifische Poetik des Filmemachers Soderbergh kommt damit weniger in einer Reihe ausgesuchter Hauptwerke, sondern, wenn überhaupt, dann eher in einem Netzwerk unterschiedlichster Einzelfilme zum Ausdruck. Soderbergh wäre somit auch eine Art „Auteur des Nebenwerks“.

Der Informant

Im Grunde hat jeder seine persönlichen Lieblingsfilme von Soderbergh und wiederum andere, die er vollständig ablehnt. Das liegt aber paradoxerweise nicht daran, dass Soderbergh ein sonderlich unbequemer oder herausfordernder Filmemacher wäre; im Gegenteil: Stattdessen bemüht er sich hartnäckig darum, für Zuschauer mit unterschiedlichsten Interessen, Biografien und ideologischen Prägungen eine je individuelle, gemütliche Nische in seiner Filmografie einzurichten. Ob klassisches Independentkino, amerikanisierter Dogma-95-Minimalismus, seriell-industrielles Blockbuster-Entertainment, hyperernste Polit-Pamphlete oder sphärische Science-Fiction-Ästhetizismen: In Soderberghs Gemischtwarenladen ist für jeden etwas dabei, zum möglichst reibungslosen Konsum aufbereitet.

Sein Trick, dank dem er seit nunmehr zwei Dekaden bei Kritik und Publikum reüssiert, besteht somit letztlich darin, alle Angriffsflächen offensiv ins Positive umzudeuten. Was man ihm als Beliebigkeit vorwerfen könnte, lässt sich mit exakt demselben Recht auch als Vielseitigkeit beschreiben, und künstlerische Distanz und kalkuliertes Desinteresse sind ebenso zwei Seiten einer Medaille. Das macht ihn in gewisser Hinsicht zum vielleicht konsequentesten unter den Postmodernisten des amerikanischen Gegenwartskinos. (Und lässt eine Linie erahnen zu einem jüngeren Filmemacher wie Zack Snyder, wenngleich dieser jenseits des reflektierten Intellektualismus Soderberghs wohl ehrlich erstaunt über die verwirrten Reaktionen ist, die sein fliegender Wechsel zwischen diametralen Ideologemen provoziert.)

Der Informant

Wenn Der Informant! so etwas wie eine Fußnote in Soderberghs Schaffen darstellt, dann steht diese doch im Kontext eines Werkes, das sich wesentlich in Fußnoten realisiert. Im Grunde findet er eine durchaus angemessene, von allerlei Täuschungsmanövern geprägte Form für die Geschichte einer allmählich auseinanderfallenden Existenz in den Luftschlössern der Lügen und Halbwahrheiten seines Protagonisten. Somit stellt er letztlich, und hier entspricht er dem Werk des Filmemachers insgesamt, eine einigermaßen zwiespältige Angelegenheit dar: Einerseits bleibt er auch in immerhin 108 zwar durchweg amüsanten, jedoch letzten Endes auch einigermaßen beliebigen und gerade im Hinblick auf die politische Dimension des Stoffes niemals so wirklich bissigen Minuten durchaus gehaltlos, andererseits finden sich doch die Konflikte der ästhetischen Postmoderne nachhaltig in seine Oberflächlichkeit eingeprägt.

Trailer zu „Der Informant!“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Filmsüchtiger

Ich liebe diesen Film, weil er sich traut, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen, was jenes nicht als Herabwürdigung verstehen sollte, im Gegenteil. Indem Soderbergh auf geniale Art und Weise den Zuschauer genauso dreist und frech und vor allem: unsinnig hinters Licht führt wie der Protagonist seine Mitmenschen, wird der Rezipient vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer. Die Leute, die sich über den Film ärgern, bestätigen seine Wirkung im Grunde nur.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.