Der Hals der Giraffe
Ein Mädchen entführt seinen Opa, um die Großmutter zu finden, die es niemals kennengelernt hat. Der Hals der Giraffe erzählt mit viel Warmherzigkeit von erwachsenen Lebenslügen und dem kindlichen Mut, sie zu brechen.

Wenn sich im Kino die alt gewordenen und gescheiterten Väter plötzlich noch einmal auf die Suche nach ihren ehemaligen Geliebten und den daraus entstandenen Kindern begeben wie zuletzt bei Jim Jarmusch (Broken Flowers) und Wim Wenders (Don’t come knocking, beide 2005), dann können die zerknitterten Helden vor Lakonie kaum noch laufen, diese einsamen Schweiger und Trinker wissen, dass sie sich viel zu spät auf die Reise in die Vergangenheit eingelassen haben, dass sie ihren verlorenen Töchtern oder Söhnen nichts werden mitgeben können. Und trotzdem setzen sie sich ins Mietauto wie Bill Murray als Don Johnston oder schwingen sich aufs Pferd wie Sam Shepard in der Rolle des Western-Darstellers Howard – jede Identitätssuche ist immer auch ein Roadmovie.
Die neunjährige Mathilde (Louisa Pili) geht zu Fuß. Schon in den ersten Einstellungen von Safy Nebbous Spielfilmdebüt Der Hals der Giraffe (Le cou de la girafe) ist die Kamera auf ihrer Augenhöhe, Mathildes ernster, forschender Blick bestimmt den Film. Wo die Erwachsenen sich im Beschweigen und Verdrängen der angesammelten Verletzungen aus den eigenen Lebensgeschichten eingerichtet haben, nimmt sich das Mädchen vor, die Eltern und Großeltern wieder zum Sprechen zu bringen und die Kette der Lügen zu beenden.

Mathilde hat einen Plan, und sie verfolgt ihn atemberaubend beharrlich. Seit sie bei ihrem Großvater Paul (Claude Rich) einen versteckten Stapel alter Briefe entdeckt hat, weiß sie, dass ihre Oma noch lebt. Dabei hatte ihr die eigene Mutter erzählt, Großmutter Madeleine wäre schon lange tot. Nachts macht sich Mathilde allein auf den Weg, um Paul aus dem Altersheim zu holen – er soll ihr helfen, seine ehemalige Frau aufzuspüren, und zwar dort, wo sie ihn vor 30 Jahren verlassen hat: in Biarritz. „Und wenn wir sie nicht finden, haben wir wenigstens das Meer gesehen.“ Dem Großvater bleibt nichts anderes übrig, als sich mit den Folgen seiner verletzten Liebe und Eitelkeit von damals, mit den daraus gewachsenen Unwahrheiten auseinanderzusetzen und die Enkelin zu unterstützen. Am schmerzhaftesten und gleichzeitig befreiendsten wird die Reise jedoch für Mathildes Mutter Hélène (Sandrine Bonnaire) sein – sie selbst war zehn Jahre alt, als Madeleine sich von Mann und Tochter trennte und noch nicht wusste, wie unumkehrbar dieser Schritt sein sollte.
Nun begreift Hélène genau zum richtigen Zeitpunkt, dass sie sich auf die Intuition ihrer neunjährigen Tochter verlassen muss, und dass Schweigen Familien zerstört, so wie Verzeihen zum Leben dazugehört. Die Erwachsenen geraten wieder in die Rollen von Kindern, die man an die Hand nehmen muss. Dass dies gelingt, ist das Wunderbare dieser Geschichte. Dabei mündet der unglaublich präzise erzählte, grandios gespielte Film in keine Apotheose der Versöhnung, sondern bleibt realistisch und damit sehr menschlich. Der Hals der Giraffe ist ebenso traurig wie von zuversichtlicher Leichtigkeit. Die Themen Alter und Tod sind zwar ständig präsent – zu Beginn kommentiert Großvater Paul seinen Geburtstag in Altenheim sarkastisch: „Feiern im Sterbehaus“ – aber am Ende wird die Verbitterung aufgeweicht werden.

Safy Nebbou arbeitet dabei mit einer Inszenierung, die auf das Wesentliche reduziert ist, und mit einer Symbolik, die sich nicht aufdrängt: Da ist einmal die lange Narbe auf dem Oberkörper des ehemaligen Buchhändlers Paul zu sehen. Sie stammt von seiner Krankheit am Herzen. Das Gegengewicht bildet die kleine Mathilde, die keine Bücher lesen kann, dafür aber in den Gefühlen der anderen. Die Figurenpsychologie erklärt sich nicht in langen Textpassagen, sondern durch das kluge Dreieck aus dem am Lebensende unglücklichen Großvater, der überforderten, mit zittrigen Fingern Zigaretten rauchenden Mutter und der Tochter, die die unheimliche Reife aufbringt, Hélène und Paul auf die eigene Reise mitzunehmen. Zurück bleiben keine einsamen Männerhelden wie bei Wenders oder Jarmusch, sondern eine tiefere Verbundenheit der Figuren – im Glück, im Unglück und auch in ihren Fehlern.
Der Hals der Giraffe ist bis in die kleineren Rollen hochkarätig besetzt. Ein Nebenplot im Seniorenheim wird vom französischen Komiker Darry Cowl als Ex-Polizist Léo angeführt, der die Alten mit Funkgeräten ausstattet, um Pauls Flucht mit viel Aufwand zu decken. Cowl starb dieses Jahr an Lungenkrebs, und an einer Stelle des Films bekommt er einen enormen Hustenanfall. Wie Safy Nebbous Erzählung Tod, Weiterleben und Liebe verbindet, zeigt sich auch im Abgang, den Darry Cowl – schon vorweggenommen – auf der Leinwand haben darf. Den größten Auftritt hat aber zweifelsohne Louisa Pili, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten acht Jahre alt war. Allein der Anblick ihrer Ernsthaftigkeit lohnt den Kinobesuch.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 29.06.2006
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Film-Angaben
Titel: Der Hals der Giraffe
Originaltitel: Le cou de la girafe
Frankreich, Belgien 2004
Laufzeit: 84 Minuten
Regie: Safy Nebbou
Drehbuch: Safy Nebbou, Danièle Thompson
Produktion: Charles Gassot
Darsteller: Sandrine Bonnaire, Louisa Pili, Claude Rich, Darry Cowl, Philippe Leroy, Monique Mélinand
Kinostart: 17.08.2006
DVD-Angaben
Titel: Der Hals der Giraffe
Vertrieb: Indigo
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo), Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 2.0/Stereo), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 84 Minuten
Extras: kein Bonusmaterial
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 21.03.2008
Copyright Der Hals der Giraffe
Fotos: © Schwarz-Weiss Filmverleih
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