Der Ghostwriter

Roman Polanski gelingt mit Der Ghostwriter ein hochqualitatives Verwirrspiel über die Kumpanei von Politik und Schauspiel.

Der Ghostwriter

Roman Polanski war immer einer jener Regisseure, die der Aufteilung des Filmschaffens in Mainstream- und Arthouseproduktionen keinen Wert beimessen wollten und sich auch in Big-Budget-Projekten die Aura des Autors zu bewahren wussten. Filme wie Der Pianist (The Pianist, 2002) reüssierten in Cannes und bei den Oscars gleichermaßen, große Erfolge wie Chinatown (1974) und Rosemarie’s Baby (1969) stellten in ihrer düsteren Strenge durchaus Herausforderungen für ein Massenpublikum dar. Polanski verstand es, in verschiedensten Genres zu arbeiten und sich, ohne deren Regeln in den Grundfesten zu erschüttern, eine eigene Handschrift zu bewahren. Mit Der Ghostwriter (The Ghost Writer) betritt er nun die Gefilde des Politthrillers. Und alles ist, wie es sein sollte: die Verschwörungen, die düsteren Machenschaften in höchsten Rängen, die schwer vorhersehbaren Plottwists.

Der Ghostwriter

Der Ghostwriter agiert dabei verblüffend nahe an der jüngeren politischen Geschichte, speziell der britischen. Pierce Brosnan mimt in der Verfilmung eines Romans von Robert Harris den britischen Ex-Premier Adam Lang, heimgesucht von den Spätfolgen seiner Entscheidungen während des Irakkrieges. Kriegstreiberei, Vertuschung und Folter werden ihm vorgeworfen. Tony Blair dürfte den Film somit wohl kaum goutieren, stand seine leidenschaftlich verhasste Politik der bedingungslosen US-Gefolgschaft doch ganz offensichtlich Pate für die wirklichkeitsnächsten Momente in Der Ghostwriter. Die Besetzung Brosnans ist allein schon ein deutlicher Fingerzeig, zynischer als durch den vorletzten, großspurig-machohaften James Bond kann man Großbritannien schwerlich repräsentieren. Und der Ex-007 brilliert hier geradezu. Bei allen Widrigkeiten, durch die ihn Polanskis Skript jagt, kann er seine Freude über einen derart gelungenen Jux kaum verbergen.

Der Ghostwriter

Der Starkörper war in seiner doppelten Präsenz in der Story und im öffentlichen Leben immer schon der prädestinierte Kontaktpunkt zwischen innerfilmischer Wirklichkeit und gesellschaftlicher Realität. An deren Bruchlinie findet Der Ghostwriter seine stärksten Momente. Die Seitenhiebe in Richtung des politischen Establishments sitzen also, wenn Olivia Williams als Adam Langs launische Gattin Ruth ihrem Mann vor dem Fernseher sitzend flehend rät, „nicht zu grinsen!“, und der just in diesem Moment die strahlenden Zähnchen zeigt. Die Ähnlichkeiten zwischen politischem und filmischem „In-Szene-Setzen“, die Verbundenheit von „Actor“ und politischem Akteur, lassen die Grenzen zwischen Seifenoper und Regieren verschwimmen. Olivia Williams ist ohnehin eine Hauptattraktion des Films. Bekannt durch Filme wie Rushmore (1998) und Ein Mann für geheime Stunden (The Man from Elysian Fields, 2001), feierte sie im Fernsehen durch die Serie Dollhouse (von Buffy-Mastermind Joss Whedon) neue Erfolge. Dort trieb sie die undurchschaubare Machtfrau Adelle DeWitt zum mit Abstand spannendsten Charakter der eher halbgaren Reihe. Sie verkörpert die dunkelste, leidenschaftlichste Figur in diesem Film der Undurchschaubarkeiten, die einzige, deren Charakter den formalen Notwendigkeiten des Politthrillers standhält, da sie so etwas wie dessen Wesen, die verkörperte Ambivalenz, darstellt.

Der Ghostwriter

Zu Beginn ist alles spannend und geheimnisumwittert. Die Figuren sind noch bei sich selbst, setzen der Welt ihre persönlichen Widerstände entgegen. Dies ist das Kapital der Charakterzeichnungen: Unterschiedliche Reaktionen auf das überdimensionale, ungreifbare globale Geschehen beschreiben unterschiedliche Menschen. In der ersten halben Stunde kann Ewan McGregor als namenloser Ghostwriter dadurch punkten, dass er den bedrohlichen politischen Umtriebigkeiten seine einnehmenden boyish looks und einige ironische Spitzfindigkeiten entgegensetzt. Die Masche „Englishman in America“ ist immer für Lacher gut und Polanskis Dialoge wunderbar trocken und on point.

Doch früher oder später kippen die Verhältnisse, und die Figuren werden durch das Geschehen zum Handeln und zur Positionierung gezwungen. Neugierig, maliziös, tollkühn: Welche Stimmungen auch immer ihr Suchen und Vertuschen begründen, sie werden immer mehr repräsentative Gefühle, Masken, Schauspielerei. Im Hintergrund läuft schon das Uhrwerk der Inszenierung. Das lässt Charaktere sterben, Dokumente verschwinden, um auf der anderen Seite verborgene Codes, Rockzipfel der Verschwörung durch die Ritzen der Heimlichtuerei lugen zu lassen. Die Crux eines klassischen Politthrillers ist stets, dass die Inszenierung mit zunehmender Dauer immer weiter weg von den Menschen und immer mehr hin zu einem Dauerauftritt des Deus ex machina pendelt.

Der Ghostwriter

McGregors Performance wird daher zunehmend steifer. In seinen Zügen ringen Junge und Mann ständig um die Vorherrschaft, und gen Ende scheint er ernsthaft gealtert. Die Welt ist einfach nicht empfänglich für Schabernack.

Doch genug der Kritik: Polanski ist ein zu guter Regisseur, seine Arbeit zu abgeklärt, als dass er sich von solchen Widrigkeiten in die Knie zwingen lassen würde. Gerade in der ersten und der letzten Szene setzt er starke Akzente in Form brutaler Unmittelbarkeit. Der Film ist Entertainment auf höchstem Niveau, ist düster, ohne den Sinn für Humor zu verlieren, konzis und mit genug versteckten Anspielungen, um das etwas enge Korsett des Genres hie und da zu lockern.

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Kommentare


KoyoteKarl

Ich habe zwei Stunden überlegt, was an diesem Film "hochqualitativ" sein soll. Schade, bisher bin ich mit den Empfehlungen von critic.de immer gut gefahren. An irgend etwas muss man sich ja orientieren. Dieser Film scheint mir aber alles andere als eine Empfehlung wert. Ein englischer Premier als Marionette (wessen verrate ich hier nicht), das schien mir doch allzu klischeehaft. Und auch das Ende schien mir arg konstruiert.


Steffi

Ein super Film - absolut empfehlenswert. Spannend, ohne einen Tropfen Blut zu sehen...


Webmovieblog

Finde den Film auch absolut empfehlenswert. Was mir persönlich gefallen würde, ist wenn ihr eine Wertung für Filme einführen könntet.






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