Der Geschmack der Kirsche

Herr Badii beschließt zu sterben.

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Wie ein schleichendes Tier kurvt der Geländewagen durch die belebten Straßen eines Teheraner Randbezirks. Leute scharen sich um das noble Gefährt, das hier auffällig nicht hingehört, und bieten eilfertig ihre Dienste an. Der Fahrer blickt in das Dickicht von Gesichtern und Stimmen am Straßenrand, als hielte er Ausschau nach einem Freund. Wen oder was er sucht, bleibt vage, bloß sein erschöpfter Blick aus blutunterlaufenen Augen kündet von einer Lebensmüdigkeit, die sich erst später auf tragische Weise bewahrheiten wird – Herr Badii (Homayoun Ershadi) sucht einen Helfer für seinen Selbstmord.

So verblüffend einfach die Ausgangslage in Abbas Kiarostamis Der Geschmack der Kirsche (Ta’m e guilass, 1997) erscheint, so wesentlich sind die daran geknüpften Fragen. Schilderte die meisterhafte Parabel Wo ist das Haus meines Freundes? (Khane-ye doust kodjast?, 1987) den Loyalitätsschwund in den Nachwehen des Golfkriegs am Beispiel eines Schuljungen, so erweitert Kiarostami diese Problemstellung hier um eine ethische Perspektive. Die Frage, ob man einem Menschen grundsätzlich beim Suizid, seiner „letzten Freiheit“ (Jean Améry) also, behilflich sein darf, wird für das iranische Regime wie für den Zuschauer gleichermaßen zur Zerreißprobe.

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Kiarostami positioniert sich nicht in moralischen Fragen, er kritisiert vielmehr scharfsichtig die Unterminierung der Handlungsfreiheit durch staatliche Indoktrination. Aus dem Verblendungszusammenhang von Ideologie und Entscheidungsfindung erwächst allmählich ein faszinierender filmischer Diskurs über die Autonomie des Einzelnen, über Hilfsbereitschaft, Käuflichkeit und (Über-)Lebenswillen. Nicht der Suizid muss hier moralisch gerechtfertigt werden, sondern bereits die Beihilfe zum Selbstmord, die gefühlsmäßig auch dann noch, wenn sie post mortem erfolgt, im Kielwasser der Selbsttötung fährt. Und wo das hinter dem Partikel „Selbst-“ aufleuchtende Autonomieideal von strengen Glaubenshütern gern geächtet wird, verhilft auch ein strammes Handgeld nicht zur Gewissensberuhigung – Beihilfe zum Suizid, eine Todsünde also. Wer soll die leisten?

Herr Badii sucht und sucht. Er begegnet einem jungen Soldaten, von dem er annimmt, dass er das Handwerk des Tötens gelernt hat. An einem Steilhang zeigt er den Grabtrichter, in den er sich legen und mit Schlaftabletten vergiften wird. Der junge Rekrut brauche anderntags nur Erde auf das Grab zu schütten und erhalte dafür einen Jahresverdienst, doch der lehnt irritiert ab – zu erstarrt ist seine Weltanschauung, zu unelastisch sein Wertesystem, um eine solch unlautere Tat zuzulassen.

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Trotz seiner gleichnishaften Struktur, hinter der die sozialpolitische Grundierung zusehends verwässert, liefert Der Geschmack der Kirsche auch eine moralische Bestandsaufnahme des Iran der Nachkriegszeit. Badiis Suche führt geradewegs in die Herzkammern einer neuen bürgerlichen Mitte, die noch heute sozial zerklüftet ist. Als Inspirationsquelle mag hierbei Umberto D. (1952) gedient haben, in dem ein verarmter Pensionär verzweifelt versucht, seinen Hund loszuwerden, damit er sich umbringen kann. Wie schon bei Wo ist das Haus meines Freundes? bietet die humanistisch geprägte Weltsicht des italienischen Neorealismus zahlreiche Kontaktflächen für Kiarostamis Sozialkritik. So ist die Suche nach dem Unbekannten, der für viel schmutziges Geld einen Job erledigt, nur die Vordergrundhandlung für die viel tiefer reichende Frage: Wer eigentlich sind meine Mitmenschen, wer passt zu mir? – Badii sucht einen letzten Weggefährten, einen Freund. Das erhebt sein Einzelschicksal zuletzt ins allgemein Menschliche und lässt seine Suchbewegung, die ihn schrittweise dem Tod annähern soll, umso lebendiger erscheinen.

Rätselhaft und zugleich vertraut ist einem dieser Mensch. Seine Beweggründe erfahren wir nicht, noch seinen Lebenshintergrund, und doch erahnen wir den tiefen Schmerz, der diesen Menschen in ganzer Länge und Breite durchzuckt. Im Steinbruch, der auch ein Sinnbild seiner verhärmten Seelenlandschaft ist, trifft er auf einen alten Mann, der seinen Sterbenswunsch versteht. In einem Kirschgarten habe er selbst einmal Hand an sich legen wollen, doch die Süße der Früchte hielt ihn zurück – und am Leben. Das ist wunderbar ersonnen. Aber mehr als ein Lobgesang auf das Leben ist Der Geschmack der Kirsche, der 1997 die Goldene Palme erhielt, vor allem ein Hymnus auf die Wahlmöglichkeit, die das Recht auf Tod und Leben gleichermaßen einschließt.

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Und wenn am anderen Morgen die Filmcrew, vom Regisseur persönlich befehligt, als willfährige Armee erscheint, dann eröffnen die Schlussminuten eine überraschende Meta-Perspektive, die das Gesehene als Produkt ausweist. Es ist doch nur ein Film, scheint Kiarostami zu sagen, und obendrein einer, der nicht leugnet, ein Film zu sein. Das ist so wenig tröstlich wie eine Antwort auf die Frage, ob Herr Badii am Schluss noch gelebt hat. Dann geht vielleicht der Schmerz, doch der Film bleibt.

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