Der Freund

Vor dem Hintergrund des Selbstmords einer jungen Frau nimmt Micha Lewinskys preisgekrönter Film nicht nur die Figuren gefangen, sondern fesselt auch den Zuschauer.

Der Freund 1

Gefangensein heißt nicht zwangsläufig, dass man an einem physischen Ort festgehalten wird. Die Gesellschaft, die Familie oder der eigene Körper können zu einem Gefängnis werden, aus dem es sich schwer ausbrechen lässt. Die begabte Musikerin Larissa Mahler (Emilie Welti) wählt mit 22 Jahren den Freitod, um ihren Ängsten zu entkommen. Zuvor bittet sie den verklemmten Außenseiter Emil (Philippe Graber), sich nach ihrem Ableben bei der Familie als ihr Freund auszugeben. Diese soll den Eindruck gewinnen, das Mädchen sei glücklich gewesen, sodass der Stromschlag durch die elektrische Gitarre wie ein Unfall wirkt. Emil, der Larissa heimlich anhimmelt, ahnt, was sie vorhat, lässt sich aber schweren Herzens auf den Gefallen ein. Als die Eltern des Mädchens und ihre Schwester Nora (Johanna Bantzer) ihn für die gemeinsame Trauer(-arbeit) einspannen, bleibt dem sensiblen Studenten kein Spielraum, sich herauszureden, und nur ein schmaler Grat, um seine Glaubwürdigkeit zu bewahren.

Beim Familienessen nimmt Emil bei Tisch Larissas Platz ein. In seiner Rolle als Larissas Freund wird er eine Art Katalysator, der lange brachliegende Konflikte in Gang setzt; seine bloße Anwesenheit scheint die in Schmerz gefangene Familie zu nötigen, sich an ihren Beziehungen untereinander und zu Larissa abzuarbeiten. Im Zentrum steht dabei das Verhältnis von Larissas Schwester Nora zur Restfamilie. Während ihr die Mutter (Andrea Bürgin) vorwirft, sich in den Mittelpunkt zu drängen, fühlt sie sich an den Rand der Familie gestoßen, seit Larissa im Alter von 16 Jahren eine lange Zeit in einer Klinik verbracht hat. Eine sich zaghaft entwickelnde Liebe (mit Fragezeichen) zwischen Emil und Nora verkompliziert die Sache noch einmal erheblich.

Der Freund 2

Dem gesamten Ensemble gelingt es, dem Zuschauer die emotionalen Verstrickungen sehr glaubhaft nahezubringen. Allem voran Johanna Bentzner und Philipp Graber stellen die emotionale Verwirrung ihrer Figuren angesichts ihres komplexen und moralisch heiklen „Verhältnisses“ – bei dem sich Nora, was beide wissen, gleichsam an die Stelle ihrer Schwester setzt – sehr eindringlich dar. Emil selbst, der von seiner überfürsorglichen Mutter (Therese Affolter) eingeengt wird, erscheint zudem wie geknebelt von seiner Unsicherheit, was Graber bravourös zum Ausdruck bringt. Verkrampft bewegt er sich mit zaghaften Gesten, und eine angespannte Mundpartie und nervöse Seitenblicke verraten sein Unwohlsein in Situationen, aus denen er am liebsten entflöhe.

Der Freund, ausgezeichnet als bester Schweizer Spielfilm 2008, wird auch visuell vom Motiv des Eingesperrtseins durchzogen. Rahmungen innerhalb des Bildes, wie Türen und Fenster, wirken bedrückend. Immer wieder schaut die Kamera entweder durch ein Fenster auf die Figuren oder mit deren Augen durch eine Scheibe hinaus, die sie von der Außenwelt trennt – was zu zahlreichen Spiegelungen und Bildverschachtelungen führt –, und während der vielen Zug- und Autofahrten richten sich die Augen oft Ausflucht suchend nach draußen. Als Emil und Nora im Café sitzen, machen die im Fenster gespiegelten geschlossenen Rollläden auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Barrieren für die Beziehung der beiden Figuren sichtbar.

Der Freund 3

Der Soundtrack – unter anderem mit wehmütigen Songs von Emilie Welti selbst, die unter dem Künstlernamen Sophie Hunger als Musikerin arbeitet – trägt seinen Teil zur melancholischen Atmosphäre bei. Jedoch klingen auch hoffnungsvolle Töne an. Außerdem lockern tröstliche und humorvolle Momente die Thematik immer aufs Neue auf: Die Melancholie ist durchdrungen von einem Hauch Leichtigkeit.

Als Emil schließlich die Wahrheit über sein Verhältnis zu Larissa gesteht, kippt er die Verhältnisse noch einmal um und scheint die Familientherapie zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen – um den Preis allerdings, dass er nun selbst nicht mehr erwünscht ist. Doch am Ende sprengen Emil und Nora ihre Ketten. Emils finaler Lauf zum Meer wirkt körperlich und geistig entfesselt. Die letzte Einstellung des Films gibt den Blick auf das offene Meer frei.

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