Der freie Wille

Ein langer Film übers Vergewaltigen. Keiner der Beteiligten hat es sich mit dieser Produktion leicht gemacht, und auch für den Zuschauer ist sie nicht einfach zu ertragen. Der freie Wille setzt auf schauspielerische Intuition, nicht auf Sozialkritik.

Der freie Wille

Sieben Jahre hat Regisseur Matthias Glasner an mehreren Drehbuchentwürfen gearbeitet, zu sexuellem Missbrauch recherchiert, mit Therapeuten, Sozialarbeitern und einigen Verurteilten gesprochen. Was sich tatsächlich in einem Menschen abspielt, der vergewaltigt, blieb dennoch unverständlich. Am Ende half die Entscheidung, keine Analysen zu betreiben, sondern sich allein auf die Figuren zu konzentrieren. „Wir machen hier einen Film über zwei Menschen, nicht über ein Thema“, erklärte Glasner im Interview.

Schon der Anfang soll hart sein und allzu leichte Identifikation mit der Hauptfigur verhindern: eine Vergewaltigung am Meer, das Opfer anonym, der Täter, gespielt von Jürgen Vogel, ist gleichermaßen gewalttätig, linkisch, erbärmlich – die gefährliche Variante all der Vogel’schen Loserinterpretationen. Nach der Tat verharrt die Kamera auf seinem unbewegten Gesicht, während im Hintergrund die gefesselte Frau eine Düne hinunterfällt und sich in einem Dornenstrauch verfängt. Und Theo Stoer, der Vergewaltiger, läuft los, um einen Verbandskasten zu holen. Ein Zeitsprung: Nach neun Jahren Haft wird Theo in eine WG straffälliger Männer entlassen. Hier wird geheult, gewichst und Bizeps trainiert, bis die geballte Testosteron-Trostlosigkeit schon wieder Mitleid weckt. Der Mann ist einsam! schreien die Bilder, wenn Theo verloren neben einer Calvin Klein-Werbung auf dem Bahnsteig sitzt oder langsam seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt schiebt.

Der freie Wille

Der freie Wille interessiert sich für die gebrochene Täterfigur: Welche Kämpfe spielen sich in einem Mann ab, der Frauen missbraucht? Und: Kann es für ihn Erlösung durch Liebe geben? Das ist harter Stoff – gerade wenn man versucht, ihn vom Boulevard-Skandalösen zu befreien und ihm ernsthaft gerecht zu werden. Aus diesem nicht aufzulösenden Gefühl der Überforderung heraus wurde die Entscheidung getroffen, im Drehbuch offene Stellen zu belassen, chronologisch zu drehen, und die Darsteller erst vor der Kamera aus dem Moment heraus reagieren zu lassen. So entsteht der Eindruck von großer Authentizität, aber auch das Gefühl, einem Selbsterfahrungstrip für Schauspieler beizuwohnen. Vogels Partnerin bei dieser Grenzerforschung ist Sabine Timoteo (Gespenster, 2004). In der Rolle der Nettie hat sie sich gerade erst von ihrem alleinstehenden Vater (Manfred Zapatka) lösen können. Dieser klammert sich krankhaft an seine Tochter: In einer Szene weiß man nicht, ob er weint oder onaniert, oder ob es das gleiche ist: sich auf dem eigenen Selbstmitleid einen runterholen.

Nettie hat genug von Männern. Doch dann lernt sie den schweigsamen Theo kennen. Was für sie wie eine sich entwickelnde Liebesgeschichte aussieht, wird zu Theos letztem Versuch, sich retten zu lassen. Während für die Frau die Beziehung der logischen Kette: erster Sex – Ikea – sanfte Rückenmassage bis zum „Ich liebe dich“ folgt, bleiben dem Mann nur innere Leere und Hass. In den Gewaltszenen reduziert sich bei ihm alles Weibliche auf eins: „Fotze“. Eine Freundin kann diesem zerrissenen Charakter nicht helfen, nicht einmal eine Mutterfigur, und ganz ohne Symbolik kommt der stilistisch karge Film dann doch nicht aus. Denn Theos Sehnsucht äußert sich im Ave Maria, das er mit Nettie hört, eine stumme Szene in der Kirche wird zur Bitte um Erlösung – an die Heilige, die Jungfrau, die Ikone.

Der freie Wille

Diese Erlösung findet als letzte brutale Gewalttat vor Matthias Glasners intimer Kamera statt. Das Bild ähnelt einer Pietà: Der Mann in den Armen der Frau – das ist hier auch die zurückgenommene Geburt, die Rückkehr in den Mutterleib mit Geschrei, Rotz und Blut. Symbolische oder gar gender-theoretische Lesarten sind vom Regisseur nach eigener Aussage nicht intendiert. Die Figuren sollen als Menschen wahrgenommen werden, nicht als Rollenbilder. Dennoch fällt auf, dass der Film im Laufe der Erzählzeit die Perspektive des Mannes verlässt. Es ist die Frau, die übrig bleibt.

Matthias Glasner und seine Co-Autoren Judith Angerbauer und Jürgen Vogel wollten bewußt keine Analysen von persönlichen und gesellschaftlichen Triebstrukturen liefern, sie wollten sowohl Sozialdrama-Kitsch vermeiden, als auch eine zynisch-coole Ästhetisierung von Brutalität wie in Gaspar Noés Irréversible (2002). Das alles ist gelungen. Glasners Film kann durch großartige Selbstentblößungs-Schauspielerei faszinieren. Auf straffe Dramaturgie und beherzte Schnitte wurde zugunsten größerer darstellerischer Freiheit verzichtet. Aber diese Offenheit und die fehlende inhaltliche Präzision machen Der freie Wille gleichzeitig schwer zu ertragen. Ob Wucht oder Distanz erzeugt werden, hängt auch von den persönlichen (Gewalt-)Erfahrungen des Publikums und von seiner Bereitschaft, die Lücken zu füllen, ab. Das erklärt die unterschiedlichen, teilweise heftigen Reaktionen auf die Missbrauchszenen.

Die Frage nach dem Ursprung des unkontrollierten Frauenhasses und der weinerlichen Aggressivität stellt der Film nicht. Das zu tun, bleibt dem Zuschauer überlassen. In der Realität.

Kommentare


george

also,... ich konnte irgendwann mal nicht mehr sitzen...-- einfach viel,viel zu lang.2 stunden haettens auch getan.aber 3 sind eindeutig zuviel des guten.jueregn vogel spielt nicht schlecht.aber das ist auch der einzige schauspieler in dem film,der glaubhaft erscheint.- seine kollegin im film versucht einfach zu verkrampft in ihre Rolle zu schluepfen.sie ging mir einfach nur auf die nerven...- ich finde den film zu ueberbewertet.-ein fernsehfilm villeicht.aber sicher kein kino-film !!!


brigitte beeck

es ist einfach überzogen, was über den film gesagt wird!

ich sage nur genial!!! endlich ein film bei dem nichts verschönt wird und der zuschauer viel zum nachdenken und mitdenken hat. aber anspruch ist in deutschland sowiso ein fremdwort man soll nur auf die hitlisten schauen: teurer hollywood schund und klamauk. in der vorstellund waren nur 6 leute , 2 gingen schon vorzeitig, armes deutschland.


Kevin Gross

Der Film ist eindeutig zu lang. Eine Stunde vielleicht sogar mehr. Ich bin ganz bewußt sofort ins Kino gegangen als ich davon höhrte weil ich selber gerade an einem ähnlichen Stoff für einen Abend füllenden Spielfilm schreibe. Darin geht es auch um einen Typen der auf einer ebene Frauen haßt und außerdem Sex und Liebessüchtig ist. Ich mache mir die ganze Zeit Gedanken um meine Figur und auf welche weiße die Dinge in der Geschichte reflektiert sind. Ich finde das eine Figur die so krass drauf ist mehr refelektiert sein muß. Wir erfahren an keinem Punkt warum Theo so handelt und wie es zu diesem unbändigen Frauenhass gekommen ist. Natürlich muß man dem Zuschauer nicht alles Buchstabieren, aber es muß eine Möglichkeit für die Hauptfigur emphatie zu haben. Ich muß ihn nicht lieben, aber ich muß nachvollziehen können warum der Typ so ist wie er ist, sonnst ist es auch nichts anderes als ein Artikel in irgend einer Bulevardzeitung.
Wir erfahren niemals das was uns alle interessiert wenn wir einen Bericht über einen Vergewaltiger oder einen Verbrecher lesen. Warum zum Henker ist dieser Typ so und was hat ihn dazu gebracht. Wir fürchten uns vielleicht auch vor der Wahrheit. Wir fürchten uns davor das er vielleicht auch ein ganz normaler liebenswerter Mensch gewesen ist bevor er diese Dinge getan hat. Mich würde z.b. auch mal interessieren was Jürgen Vogel aus seiner eigenen Bio mitgebracht hat um diese Figur glaubwürdig darzustellen.
Es gibt Frauen die bringen einen auf die Palme, ganz klar. Natürlich kann ich nur meine Sichtweise als Mann vertreten aber es gibt durchaus Frauen die sind arrogant, überheblich, respektlos, herablassend, zynisch und dazu auch noch unglaublich Atraktiv. Das ist für viele Männer eine explosive Mischung weil sie aufgrund ihrer Lust dem erlegen sind. Es gibt Frauen deren einziges Potential ihre atraktivietät ist und es gibt genug Menschen die Frauen auch das Gefühl geben sie müßten dieses Klischee erfüllen um von den Männern begehrt zu werden.
Aus humanistischer und ethischer Sicht gibt es nichts was eine solch brutale Vergewaltigung rechtfertigt.
Allerdings existieren Situationen und prägungen die einen Menschen dazu führen diese ekelhaften dinge zu tun.
Bei Theo ist es ganz klar ein Muster was sich in seinem Kopf fest gesetzt hat.
Viel interssanter wäre aber für mich zu erfahren wie es dazu gekommen ist. Wo bleibt die Backstory. Wie bringt es ein Mann fertig, der offensichtlich auch verletzliche Gefühle hat, einer wehrlosen Frau mit der Faust mehrmals und mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen und sie anschließend auf die wiederlichste Art und Weise zu vergewaltigen. Das ist die Exposition. Damit fängt der Film an. Mit dieser Scene wird die Figur etabliert.
Ich warte 3 Stunden vergeblich auf die Enthüllung der Frage " Warum ist der Typ ein solches Dreckschwein geworden und warum braucht es für seine Taten nicht mal einen Anlass " Mir haut`s immer wieder die Fragezeichen raus. Theo ist so grob und so kantig und am Ende scheint es für ihn nur diesen eine Ausweg zu geben. Der Film liegt sehr schwer im Magen und er schreit für mich danach diese Figur verstehen zu wollen.

Kevin Gross


Elisa

Lieber Kevin...nur ganz kurz, hab deinen Kommentar nicht ganz gelesen - viel zu lang -aber nur eins - Theo, die Filmfigur hatt sehr wohl bei jeder Tat einen Anlass... bei der ersten Vergewaltgungsszene war es Stress, bei der zweiten die gezeigt wurde waren es Eifersucht und Aggressionen... ja und vielleicht auch Frust... gab es keinen so verfolgbaren Anlass, kam es auch nie zu einer Vergewaltigung. Bei der Frau, in dessen Wohnung er eingedrungen ist z.B. - und - kein Anlass - keine Vergewaltigung!


horst

Hallo Brigitte.
Gebe Dir Recht. Die wirklich guten Filme laufen nur noch in den Programmkinos.


Ingrid

Für mich ein sehr beindruckender Film. Schmerzhaft, traurig und real. Überwältigt hat mich das Ende. Denn es war "sein freier Wille" den sie zulassen kann.


Irmgard

Wieso wurde für diesen Film, der laut Aussage des Regisseurs "kein Film über ein Thema ist" und "keine generellen Aussagen" machen soll als Titel ein derart allgemeines philosophisches Thema gewählt? Für mich ein Widerspruch, gibt der Titel doch die Richtung vor und das bedeutet für mich in diesem Fall: Hier wird uns am, wenn auch sehr speziellen, Beispiel eines Menschen ein allgemeines Dilemma aufgezeigt.


WilliSS

Ein echter top film der einen unter die haut geht den muss man gesehen haben den so was ist einzigartig und ´perwers nur einmal gibt es so was warum er nicht verboten wurde frag ich mich


Sabine

Ich (weibl., 49) habe den Film erst 2011 als Video gesehen und bin froh, dass ich die 1. üble Szene nur ein paarmal im Schnelldurchlauf sehen musste.

Warum ist der Typ so? Auf jeden Fall wurde er wohl nie geliebt und kann es daher auch selbst nicht. Sein Frauenhass muss Gründe haben. Es gibt Mütter, die ihre Söhne, meist psychisch, vergewaltigen. Es gibt Typen, die im Heim oder in Gewaltfamilien aufwachsen. Es gibt Menschen, die selber zerstört und erniedrigt wurden und nie gelernt haben, Beziehungen gut auzubauen. Die Liste kann man fortsetzen.

Auf jeden Fall ist das Psychogramm vor allem Jürgen Vogel äußerst gut gelungen: Einsamkeit lässt sich kaum bedrückender darstellen.

Der Film ist sehenswert, wobei ich froh bin, dass ich ihn mit Lebenserfahrung gesehen habe und nicht als zu junge Frau - sonst hätte ich vielleicht zuviel Angst empfunden.


Lionor

Der Film hat mich vollkommen fertig gemacht- schrecklich! Jetzt hab ich noch mehr Angst alleine draußen. Wieso dreht man so einen scheiß Film?


David W.

Hab diesen Streifen erst gestern auf Arte das 1. Mal gesehen. Es passiert mir selten, dass ich nach dem Anschauen noch längere Zeit so emotional gefesselt bin. Dieser Film ist weniger aufgrund des Themas, sondern vielmehr aufgrund der Machart genau nach meinem Geschmack. Er stellt die inneren Zwänge und Zerissenheit mehrerer Protagonisten unplakativ und subtil dar.

Es muss nicht immer darum gehen, die Ursachen, weshalb wurde ein Mensch so oder so, peinlichst genau aufdecken zu wollen. Es reicht zu wissen, diese Menschen gibt es nun mal, das ist keine Fiktion. Aus verschiedensten Gründen werden Menschen zu antisozialen Persönlichkeiten.
Similar zu etwa dem vielgelobten Oscargewinner Michael Haneke schafft Glasner mit einer sehr ähnlichen Herangehensweise eine ebensolche Dichte. Ein schwieriges Thema wird durch pure Konfrontation nahegebracht. All jene, welche sowieso gerne die Augen verschliessen, unfähig sind, über den eigenen Tellerrand zu blicken und menschliche Abgründe nur in Form von sensationsgeilen Bildzeitungsüberschriften konsumieren: FINGER WEG von diesem Film und schön weiter Twilight schauen.
Hier wird also nur dargestellt, WIE Theo damit umzugehen versucht, nicht WARUM. Das allein ist schon genug Stoff für knapp 3h, die hier auch völlig angemessen waren. Es gab keinen Moment, der mich langweilte. Die Figuren sind jederzeit authentisch und nahegehend. Während etwa ein Film wie Transformers vollgepackt ist mit gnadenlosem Krawall und einer saublöden Story,da gibt es für mich kaum langweiligeres.

Fazit: Sicherlich einer der besten deutschen Filme!






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