Der Fluss war einst ein Mensch

Rettung nicht in Sicht? Jan Zabeils Spielfilmdebüt Der Fluss war einst ein Mensch liefert stillschweigend auch einen Kommentar zur Situation des deutschen Gegenwartskinos.

Der Fluss war einst ein Mensch 1

Mit dem diesjährigen 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests wird gerade fleißig die Diskussion um die deutsche Filmlandschaft wiederbelebt. Eine Stimme kommt von Dominik Graf. „Der Selbstbetrug einer Gesellschaft – inklusive ihrer Künstler –, die ein bereits zu Tode gentrifiziertes Land partout ins neue globale ‚Gute‘ hinüberretten möchte“, nennt er in seinem in der „Zeit“ erschienenen Artikel „Das Grauen … das Grauen!“ das aktuelle deutsche Qualitätskino, das sich in „Bedeutungs- und Themenfilmerei“ erschöpfe. Im selben Atemzug fordert er die Rückbesinnung des deutschen Films auf seine Wurzeln im Kino der Attraktionen der europäischen Jahrmarktkultur samt Schauwert und Trivialitäten.

Das „globale Gute“ hält in Jan Zabeils Der Fluss war einst ein Mensch Einzug als Mythos vom verlorenen Paradies. Die Utopie von einer idealen Landschaft fernab jeglicher Zivilisation. Eine geradezu jungfräuliche Welt, in der der Mensch ohne Probleme unbedarft leben kann.

Der Fluss war einst ein Mensch 2

Auch der junge Deutsche (Alexander Fehling), dessen Namen wir nie erfahren werden, findet sich wie beiläufig an solch einem Ort auf einem afrikanischen Flussdelta wieder, nachdem ihn ein alter einheimischer Fischer in seinem Kanu dorthin mitgenommen hat. Orientierungssicher steuert dieser sein Boot durch das Schilf zu seinen ausgeworfenen Netzen und weiß die Seerosenblätter als Sonnenschutz zu gebrauchen. In Harmonie mit seiner Umwelt zum Sinnbild des „edlen Wilden“ stilisiert, wird mit ihm auch die Natur romantisiert. Ein Gleiten durch die ewige Weite der Wasserlandschaft, die im Sonnenlicht glitzert, während sich feines Schilf auf der klaren Oberfläche spiegelt. In Verbindung mit dem Summen der Insekten und dem leisen Plätschern des Wassers haucht diese Kulisse dem Protagonisten geradezu engelsgleich einen seligen Schlaf ein. Erst ein heftiger Regenfall veranlasst ihn, die wahrlich paradiesische Atmosphäre mit skeptischen Blicken und „Können wir jetzt weiter“ zu quittieren. Man spürt, die Vertreibung aus dem Paradies ist nahe.

Zusammen haben beide noch an einer Feuerstelle am Ufer übernachtet, doch am Morgen ist der Afrikaner tot. Langsam gerät der junge Mann in Panik. Für ihn ist der Fluss mit seinen unzähligen Nebenarmen nichts anderes als ein Labyrinth. Unbeholfen ringt er darum, sich mit dem Kanu über Wasser zu halten und sich in der Natur zurechtzufinden. Als er eine Hütte findet, wird es Nacht. Nur mit einer Taschenlampe bewaffnet, irrt er durch den Wald. Das künstliche Licht lässt blitzartig Detailausschnitte aus der Dunkelheit hervortreten. Einzelne Äste, das verzweifelte Gesicht des Protagonisten, seine zitternden Hände bei dem Versuch, Feuer zu machen. Bewusst unheimlich inszeniert der Regisseur diese Sequenz à la Blair Witch Project (1999) in wackeligen Bildern als Gegenstück zu den romantisch-anmutenden statischen Panorama-Ansichten des Flussdeltas bei Tageslicht. Am nächsten Tag sehen auch wir die Idylle mit anderen Augen.

Der Fluss war einst ein Mensch 4

Der Regisseur stellt seine Hauptfigur bewusst als Fremdkörper aus. Er ist ein Eindringling in den natürlichen Lebensraum. Auf der Weite des Flusses und der Savanne wirkt er verloren. Die Dichte des Schilfs scheint ihn erst nur zu erdrücken, bis ihn einzelne Schilfrohre bei einer Fahrt in einem Motorboot buchstäblich nach unten in eine Schutzhaltung zwingen.

Die Narration selbst entwickelt sich dabei nur langsam und bruchstückhaft. Wir erfahren nichts anderes über den Hauptdarsteller, als dass er Schauspieler von Beruf ist. Seine Motive und Intentionen in Afrika, der genaue Aufenthaltsort bleiben unbekannt. Es dominieren die visuell bestechenden Eindrücke des Protagonisten in der Natur, die fragmentarisch aneinandergereiht ein Gefühl der Verlorenheit evozieren.

Der Fluss war einst ein Mensch 5

Diese Fremdheit hat der Protagonist in Der Fluss war einst ein Mensch mit Ulrich Köhlers Entwicklungshelfer in Schlafkrankheit (2011) gemeinsam. Letzterer entdecke das originale Grauen des Colonel Kurtz aus der Erzählung Heart of Darkness (1902) von Joseph Conrad, schrieb Graf.

Womit wir wieder beim Patienten „deutsches Kino“ wären. Jan Zabeils Film Der Fluss war einst ein Mensch ist alles andere als ein Kinospektakel. Und trotzdem greift er ein anderes Wesensmerkmal des frühen Kinos heraus: die Darstellung fremder Länder und Kulturen. Doch dreht er den Spieß um. Der Fremde ist der Europäer, ein Schauspieler noch dazu. Schon bei seinem Eindringen hat das „neue globale Gute“ aufgehört zu existieren. Der zu Anfang zitierte Selbstbetrug wird personifiziert in einer filmisch-selbstreferenziellen Hauptfigur, der wir in einer endlosen Schleife beim Durchleben des immer gleichen Grauens zusehen. Was bleibt, ist der desillusionierte Rückzug.

Trailer zu „Der Fluss war einst ein Mensch“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.