Der fliegende Händler

Eric Guirado zeigt in seinem stillen Film Der fliegende Händler komplexe Protagonisten in der malerischen Landschaft Südfrankreichs.

Der fliegende Händler

Antoine will nicht erwachsen werden. Dreißig Jahre ist er alt und hält es in keinem seiner Jobs länger als drei Monate aus. Außerdem weiß er nicht so recht, wie er seiner hübschen Nachbarin Claire klar machen soll, dass er mehr als das Päckchen Kaffee will, das er sich von ihr leiht. Zehn Jahre zuvor ist er vor seiner Familie aus der südfranzösischen Provinz in die Großstadt geflüchtet und schlägt sich nicht gerade erfolgreich durch sein Leben. Als sein Vater einen Herzinfarkt erleidet, holen ihn alte Familienkonflikte wieder ein. Nachdem er den langen Weg durch die Stadt gelaufen ist – der Film folgt ihm mit einer Handkamera – genügt Antoines Blick vom Krankenhausflur auf seinen Vater, um zu zeigen: Er wird das Zimmer nicht betreten. Die über Jahre aufgebaute emotionale Distanz findet im filmischen Raum ihre Entsprechung; auch als Antoines Mutter für eine Nacht in der Wohnung ihres Sohnes schläft. Eine Totale zeigt sie verloren auf einem Stuhl in der Küche, während Antoine fernab im Hintergrund das Bad putzt. Von unausgepackten Kartons und Chaos umgeben, kann man ihr das Unverständnis für die Lebensweise ihres Sohnes am Gesichtsausdruck ablesen. Mit angezogenen Beinen sitzt sie nachts in der Wohnung, während Antoine bei seiner Nachbarin übernachtet.

Der fliegende Händler

Während der Vater im Krankenhaus liegt, braucht Antoines Mutter Hilfe, um den dörflichen Lebensmittelladen zu bewirtschaften und den dazugehörigen Tante-Emma-Bus durch die bergigen Dörfer zu fahren. Nach kurzem Zögern und in Begleitung von Claire, die die ländliche Ruhe für ihre Prüfungsvorbereitungen nutzen möchte, stellt sich Antoine den familiären Erwartungen und fährt zurück in sein südfranzösisches Heimatdorf. Durch den Ortswechsel schlägt die Stimmung des Films sofort um. Dominierten zuvor Handkamera und Schwenks, werden die Bilder der Provinz von Klarheit und Ruhe bestimmt. Die ländliche Stille, die laut Antoine „nach dem Tod riecht“, ist symptomatisch für die Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern. Der Bruder François kann sich und seiner Familie auch nach zwei Jahren nicht eingestehen, dass seine Frau ihn verlassen hat. Bevor er das Scheitern seiner Beziehung zugibt, hält er mit viel Energie das Bild eines glücklichen Ehe- und Geschäftsmannes aufrecht. Und als er Antoine und Claire vom Bahnhof abholt, wechseln die Brüder kein einziges Wort. Allein die tönende Hupe des scheppernden Minibusses, mit dem Antoine durch die Dörfer fährt, verspricht Bewegung. Die alternde Bevölkerung muss mit Erbsendosen, Gasflaschen und hin und wieder einer Flasche Fernet Branca versorgt werden. Geschickt stellt sich Antoine dabei nicht an: Er gibt seinen Kunden unfreundliche Antworten, geht nicht auf ihre Sonderwünsche ein und verlangt hohe Preise – auch von denen, die sich nicht viel leisten können.

Der fliegende Händler

Nur Claires Charme und Sensibilität ziehen Risse in Antoines erstarrtes Gefühlsleben. Während gemeinsamer Verkaufsfahrten zeigt sie ihm, wie man mit den Schrullen der Dorfbewohner umgeht und kommt ihm so Schritt für Schritt näher. Als die offensichtlich Verliebten zusammenkommen bleibt die Kamera nah an den Gesichtern und Händen; Unschärfen setzen mal sein stilles Lächeln, mal ihr lautes Lachen in Szene. Eine Parallelmontage zeigt Detailaufnahmen von Nacken, Schultern und sich fassenden Händen im Halbdunkel. Die Bilder wirken so intim, dass sie es nicht nötig haben, mehr zu zeigen. Minimalistische Klaviermusik und leises Stöhnen sind die ausdrucksstarken Töne, die nicht durch Bilder illustriert werden müssen.

Die langsame Öffnung Antoines sorgt für unterhaltsame Szenen: Er lässt sich auf Bezahlung in Naturalien ein, repariert linkisch das Hühnerstallfenster eines Kunden und spricht in der Kirche das mit Schimpfwörtern beladene Gebet einer alten Frau, das er für fünf Euro zu übermitteln versprochen hatte.

Der fliegende Händler

Die kauzigen Dörfler, allesamt von Laien mit Theatererfahrung dargestellt, verleihen dem Film eine liebenswerte Eigensinnigkeit. Sie passen sich an Nichts und Niemanden an und verstehen nur das, was sie hören wollen. Diesen archaisch-traditionellen Kosmos hat Eric Guirado bereits in mehreren Dokumentarfilmen für den französischen Fernsehsender France 3 festgehalten. In Les Camions Epiciers (2006) hat er den Alltag der Menschen mit Wanderberufen in den Regionen Rhône-Alpes und in der Auvergne porträtiert. Den genauen Blick für diese Menschen und die herbe Landschaft, in der sie wohnen, hat er sich im Spielfilm Der fliegende Händler (Le fils de l’épicier) bewahrt. 

Trailer zu „Der fliegende Händler“


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