Der fantastische Mr. Fox

Roald Anderson, Wes Dahl: Stimmiger kann eine Verschmelzung zweier poetischer Universen kaum sein.

Der fantastische Mr. Fox

Plötzlich ist er da, der Wolf. Ein schwarzer Schattenriss auf einem Hügel inmitten von Wes Andersons Bilderbuchlandschaften, durch die Mr. Fox und seine Gefährten nach Hause fliehen. Regungslos, bedrohlich aus gelben Augen starrend, zum Angriff bereit. Eine Konfrontation, auf die wir im Laufe von Der fantastische Mr. Fox (Fantastic Mr. Fox) mehrfach vorbereitet wurden. Der Titelheld, das wissen wir, hat Angst vor Wölfen. Doch nun schaut er dem entfernten, wilden Verwandten unerschrocken ins Gesicht und spricht ihn in mehreren Sprachen an. Der Wolf bleibt stumm. Also hebt Mr. Fox zum brüderlich-kämpferischen Gruß die Faust. Ein endloser Moment vergeht, dann grüßt der Wolf mit gleicher Geste zurück.

Eine Szene von vollendeter Poesie, dunkel und urkomisch; fremdartig und zärtlich; absurd und doch völlig schlüssig; und ein Schlüsselmoment in der verkorksten Vita des Helden, der mit der drohenden Domestizierung den ganzen Film über hadert und der, sonst umgeben von in Menschenkostüme gezwängten Tieren, nun endlich jemandem gegenübersteht, mit dem er sich auf Augenhöhe wähnt.

Der fantastische Mr. Fox

In Roald Dahls Buchvorlage ist Mr. Fox mit seinem Fuchssein noch völlig im Reinen. Auch hier herrscht alles andere als eine heile Welt – wie im Film werden die Füchse von den drei bösen Bauern Buggis, Bunce und Bean an Leib und Leben bedroht –, aber die Rollen und Identitäten stimmen, die Familie bleibt intakt, der Zusammenhalt steht außer Frage. Bei Wes Anderson, der schon seit drei Filmen kaputte Familien in bonbonfarbenen Kunstwelten studiert, kommt auf die Fuchsfamilie zur äußeren noch ein ganzer Haufen innerer Bedrohungen hinzu. Aus den mehr oder weniger gradlinigen Figuren der Vorlage werden sehnsüchtige Kauze vom Schlage Tenenbaum und Zissou.

Der fantastische Mr. Fox

Sohn Ash fühlt sich vom Vater ungeliebt und ist eifersüchtig auf seinen Vetter Kristofferson, den vermeintlichen Wunderknaben, auf den Mr. Fox seine Jugendträume projiziert. Fox selbst gibt die Hühnerjagd seiner Frau zuliebe auf und schreibt für eine Zeitung (eine der unbezahlbaren Drehbuchzeilen: „Früher habe ich Vögel gestohlen, heute bin ich Zeitungskolumnist“). Doch die atavistischen Impulse brechen nicht nur am Frühstückstisch durch (wie ein Tier frisst er den Toast in sich hinein); unablässig ziehts ihn zur Jagd zurück. Mrs. Fox, noch am selbstsichersten in ihrer Rolle, hält den Familienladen zusammen, und doch ist sie es, die immer wieder resigniert betont: „Wir sind wilde Tiere.“ Und sie malt Landschaftsbilder mit Gewittern.

Der fantastische Mr. Fox

Dass die Foxens von der Dysfunktionalität ihrer Vorgänger dann doch bewahrt bleiben – und Andersons erster Animationsfilm deshalb zugleich sein erster ist, der wirklich fast vorbehaltlos Komödie genannt werden kann –, ändert nichts daran, dass sie der Zustand der Unbehaustheit nicht nur im äußerlichen Sinne (sie werden aus ihrem Baumhaus vertrieben) längst heimzusuchen begonnen hat. Der Titelheld ist natürlich ein enger Verwandter von Royal Tenenbaum und Steve Zissou, zwar munterer aufgelegt, doch ebenso halsstarrig und egomanisch, und nur auf den ersten Blick weniger angekränkelt. Im Kampf gegen die bösen Bauern wird ihm mit der Schrotflinte der Schwanz abgeschossen, der „nie wieder nachwachsen“ wird: ein eher ein- als zweideutiges Bild.

Doch Mr. Fox und den Seinen fehlt für die in Melancholie und Neurose führende Introspektion zum Glück die Zeit. Der fantastische Mr. Fox ist der narrativ und dramaturgisch bislang straffste, der, wenn man so will, disziplinierteste Film Andersons. Dem überbordenden Detail- und Referenzreichtum jedes Bildes und der Liebe für filmische Kabinettstückchen, die Mr. Fox ohne Abstriche mit seinen Vorgängern teilt, kann diesmal nicht so leicht der Vorwurf des Selbstzweckhaften gemacht werden, dafür ist der von der Vorlage gelieferte Handlungsdruck zu groß. Zwischen den Fronten des Fox’schen Baumhauses und den drei feindlichen Farmen, mitsamt stetig wachsendem Tunnelsystem darunter, wird permanent gebuddelt, gestohlen, getrickst und gekämpft: In Sachen Tempo und Action braucht der in traditioneller Stop-Motion-Technik animierte Film die digitale Konkurrenz nicht zu scheuen.

Der fantastische Mr. Fox

Der fantastische Mr. Fox fügt sich nahtlos ins Anderson’sche Universum, nicht nur, weil unter den durchweg prominent besetzten Originalsprechern Mitstreiter wie Owen Wilson, Jason Schwartzman und Bill Murray zu finden sind. Wie stets bedient sich der Regisseur vor allem aus dem kulturellen Fundus der späten 1960er, frühen 1970er Jahre. Dahls Roman selbst, dessen Umschlag im Vorspann gezeigt wird, entstammt dieser Zeit, und auf dem Soundtrack werden übliche Verdächtige wie die Beach Boys und die Rolling Stones wie stets mit viel Gespür für Stimmungsnuancen und – teils völlig verrückte – Mehrdeutigkeiten eingesetzt.

Zugleich schmiegt sich der Film perfekt dem Dahl’schen Universum an. Der schwarze Humor und die teils unterschwellige, teils offene Grausamkeit der Vorlage – die alle Kinderbücher Dahls auszeichnet – wird nicht nur unbeschönigt übernommen, sondern manchmal, etwa beim Tod der die Bean-Farm bewachenden Ratte, sogar überboten. Dass Hühnerreißen und Fuchsjagen tödliche Spiele sind, daran lassen weder Buch noch Film einen Zweifel.

Mit dem kaum subtilen „klassenkämpferischen“ Subtext des Plots öffnet sich Anderson auch Themen, die in seinem Kosmos bislang eher unbekannt waren. Am Ende ist es der materielle Überlebenskampf, der die Foxens und die anderen Tiere, bei allen gegenseitigen Animositäten, zur Solidargemeinschaft zusammenschweißt, ein wortwörtlich in den Untergrund verbannter Guerillatrupp, der bei Nacht seine Schläge gegen die Supermärkte der reichen Unterdrücker ausführt. Vielleicht kann man sagen, dass Wes Anderson in Der fantastische Mr. Fox den familiären Kampfschauplatz erstmals auf den sozialen Raum ausdehnt. Sein technisch betrachtet bislang artifiziellster Film wäre dann zugleich sein am wenigsten innerlicher.

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Kommentare


panzerknacker

Das hört sich ja super an. Als Dahl UND Wes Anderson Fan bin ich ja dann im positiven Sinne doppelt bedient ! :) Warte schon gespaannt, bis der Film endlich hier bei uns rauskommt !


krümelmonster

Ich habe mittlerweile schon einiges von dem Film gehört - und bisher nur Gutes. Finde die Stop-Motion-Technik total faszinierend und finde, soviel Arbeit MUSS einfach belohnt werden. Kann es nun kaum erwarten, bis er endlich auch bei uns in den Kinos anläuft.


Rominka

Zum Thema Sandmännchen kann ich nur sagen : why not ? Nur weil die Animationen old-school sind, heißt das nicht, dass sie nichtüberraschend und faszinierend sein können!
Ich als ungeübter Animationsfilm-Kucker hab mich da echt mitnehmen lassen und gerade die gebastelten Kulissen und Details fand ich wunderbar, ein bisschen Gondry-Style á la Science of sleep ! Da sieht man, dass es nicht unbedingt eine Wundertüte an Effekten braucht wie Alice im Wunderland und Co. Zumal das Drehbuch von weit mehr intellektuellen Kapazitäten spricht als bei so manchem Disney-Schinken.
Als ich aus dem Kino kam (in Frankreich lief er schon vor einiger Zeit) wollte ich unbedingt so ein Fuchs sein und Hühner jagen gehen... insofern Daumen hoch !


msp99

Extrem genialer Film, sowohl film-technisch als auch vom Plot her. Sehr gut duchdacht eingesetze Detailvielfalt!


Tom Tomason

Erst war es gewöhnungsbedürftig, dass die Figuren so garnicht perfekt animiert sind. Aber bald stellte sich raus, dass gerade das den Charme des Films ausmacht. Endlich ein Film der NICHT perfekt daher kommen will - und es gerade deshalb ist. Während bei Pixar (so gut sie sind) irgendwann die Luft raus ist, bietet mr. Fox immer neue Details und Überraschungen und wird bei jedem Sehen besser. Absolut liebenswert!!!


Jens

Seit langem das Schönste, was ich gesehen habe, ich glaube, den kann man nicht zu oft anschauen. Ganz ganz großes Kino.


kara

Er war ganz anders, als dass was ich bisher gesehen habe! Am Anfang war ich sogar ein bisschen erschrocken über die anfangs "scheinbar unperfekte" Art der Animation und bereute es fast in den Film hineingegangen zu sein. Aber nach kurzer Zeit liess mich der Film mit seinen liebenserten Figuren nicht mehr los. Er war lustig, aber nicht zu albern sondern dezent und tiefgründig und hat mich selbst nach der Vorstellung nicht mehr losgelassen. Man muss aber bereit sein, sich auf seine Art einzulassen. Im Laufe des Films erkennt man, was für Animations-Profis am Werk waren. Einfach ein liebenswertes Meisterstück- ohne sich aufzudrängen, bezaubert er allein durch seine Art.


PTW

Canis Lupus - Vulpes Vulpes - ein berauschender Moment der Stille und fürwahr ein genialer Film. Fabulös und auf der Höhe seiner Zeit.






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