Der Fall Wilhelm Reich

Mit einem ganz und gar sexlosen Film will Antonin Svoboda einem geistigen Vater der sexuellen Revolution ein Denkmal setzen.

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„Mein Leben nach innen und außen ist Revolution – oder Komödie“, schrieb der Sexualforscher und Psychologe Wilhelm Reich bereits im Jahre 1919. Ahnen konnte er da noch nicht, dass seine „Entdeckung“ der Lebensenergie Orgon sowohl emphatisch als Befreiungsversprechen aufgenommen wie als albernes Pseudo-Wissen belächelt werden würde. In seinen besten Momenten ist Der Fall Wilhelm Reich wenn auch unfreiwillig – Komödie. Dann steht ein Mann in der Wüste, mit einem aus langen Metallrohren zusammengesetzten Mega-Phallus, der Wolken und Luft von schädlichen Strahlen befreien soll. Dann diskutiert ein ganzer Gerichtssaal eifrig über eine Holzbox und deren Funktionstüchtigkeit als Speicher von Lebensenergie. Und dann vermutet ein Psychologe, dass das Zerwürfnis mit Freud für den jungen Reich ein traumatisches Erlebnis gewesen sein muss. Doch diese absurd-komischen Szenen sind rar in Antonin Svobodas Film. Angesichts eines ansonsten ziemlich biederen Biopics fühlt man sich eher berufen, an ein Werk zu erinnern, das aus Reichs Leben nicht filmische Biografie, sondern tatsächlich filmische Revolte gemacht hat.

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Schon die Google-Bildersuche bringt die Unterschiede ans Licht des Monitors: Wer dort nach Dusan Makavejevs Avantgardefilm W.R. – Die Mysterien des Organismus (1971) fahndet, der findet eine wahnwitzige Ansammlung bunter Bilder: Männer mit Bärten und Kanonen, der abgehackte, aber sprechende Kopf einer Frau, Archivaufnahmen aus uralten Aufklärungsfilmen, eine Eis leckende Dragqueen, Stalin, Lenin, Hakenkreuze –Sex, Faschismus, Befreiung als Fragezeichen. Sucht man dagegen Bilder aus Der Fall Wilhelm Reich, stößt man auf wenig Buntes, eher auf graue TV-Event-Ästhetik – und in den kleinen Vorschau-Rahmen fast immer auf Klaus Maria Brandauer. War Wilhelm Reich für Makavejev noch stets abwesender Ausgangspunkt einer bewundernd-häretischen Auseinandersetzung mit seinen Theorien, mehr Chiffre als Person, geht es Svoboda um den Menschen selbst, den Dissidenten, den Prediger der Orgonomie, der in Zeiten äußerster Feindseligkeit an die eigene Sache glaubt, während die US-Justiz anordnet, seine Bücher zu verbrennen.

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Für Svoboda, der vor einigen Jahren bereits den TV-Dokumentarfilm Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? (2009) gemacht hat, ist Reich vor allem ein heroischer Einzelkämpfer: Beim Prozess, in dem um Herstellung und Verkauf seiner Orgon-Akkumulatoren gestritten wird, verteidigt Reich sich selbst; den Gerichts-Psychologen, der ein Gutachten über ihn erstellen soll, zieht er nach und nach auf seine Seite. Das US-Regime des frühen Kalten Krieges konstruiert Svoboda dagegen als mächtiges Bedrohungsszenario, greift stilistisch auf Noir-Elemente wie im Schatten lauernde Männer mit Hüten zurück. In einem Nebenstrang werden Gehirnwäsche-Experimente der CIA ins Bild gesetzt – Manipulation als Gegenprinzip zu Reichs Therapiesitzungen, die auf eine Befreiung verstopfter Strömungen und unterdrückter Energie zielten.

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Diese ästhetische wie erzählerische Betonung totalitärer Elemente der zeitgenössischen US-Gesellschaft dienen Svoboda als Folie, vor der Wilhelm Reich als mutiger Vertreter einer Wahrheit erscheint, deren Zeit noch nicht reif war – als Freidenker in einer Epoche der Gleichschaltung und des Konformismus. Dass die USA der Nachkriegszeit auch voller Anti-Konformisten und Playboys war, die in Massenkultur und lustfeindlichem Ehezwang den Untergang amerikanischer Individualität sahen; dass Reichs Orgon-Akkumulatoren als vermeintliche Wunderboxen mit Viagra-Effekt zur Grundausstattung der Apologeten männlicher Grunderneuerung wie Jack Kerouac oder Norman Mailer gehörten; all das ignoriert Svoboda ebenso wie den streng heteronormativen Rahmen seiner Theorie und die wenig revolutionär anmutende Verknüpfung von Sex und Liebe.

Makavejev interessierte sich in WR noch für die vermeintliche oder tatsächliche Sprengkraft von Reichs Thesen, seine Politisierung von Sexualität und die Verknüpfung von Massenbewegungen und Triebunterdrückung, die ihn für beide großen Regime des Kalten Kriegs zur Persona non grata machten. Er folgte den Spuren seines Denkens bis in die Zeit der Revolten, nutzte ihn für eine Provokation des kommunistischen Jugoslawiens, untersuchte nicht den Menschen Reich, sondern den Reich-Effekt, eignete sich die Idee der Lebensenergie auf filmische Weise an.

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In Der Fall Wilhelm Reich dagegen ist fast alles tot und durch Biopic-Konventionen verstopft, die wenigen Strömungen ersticken in den hölzernen englischen Dialogen deutscher Schauspieler, der simplen Bildsprache und einer Montage, die nicht nach neuen Verbindungen forscht, sondern der immer gleichen Geschichte des verfolgten Freidenkers untergeordnet ist. Der Fokus auf Reichs späte Jahre ignoriert seine Faschismuserfahrungen und -forschungen fast vollständig, verdoppelt stattdessen die verschwörungstheoretischen und paranoiden Elemente seines Denkens und macht ihn damit zum deutschen Querkopf in einem selbst faschistisch anmutenden Amerika. Und wenn irgendwann selbst das Orgon vom unsichtbaren und für radikale Aneignungen offenen Prinzip des Lebens zum visuell explizierten blauen Dunst wird, löst sich die Revolution endgültig in Eso- und Öko-Kitsch auf. Vielleicht bekommt einfach jede Zeit den Wilhelm-Reich-Film, den sie verdient.

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