Der Fall Chodorkowski

Annäherung an den Mann im Glaskasten: Der Regisseur Cyril Tuschi dokumentiert eine der spektakulärsten politischen Affären des letzten Jahrzehnts.

Chodorkowski 04

„Chodorkowski ist all das, wovor mich meine Eltern immer gewarnt haben.“ Wenn eine Figur im Voice-over so vorgestellt wird, bekommt sie gleich einen Sympathievorschuss. Die, vor denen die Eltern immer gewarnt haben, sind vielleicht nicht immer die Guten, aber – das sagt diese klassische Formel seit Erfindung des Rock ’n’ Roll – im Zweifel meistens die Besseren. Und bei der Begründung: „Ein neoliberaler Kapitalist, der auf Thatcher und Bush steht und keinen Sinn für Kunst hat“, denkt man als Zuschauer unwillkürlich, dass es ganz so einfach wohl nicht sein kann und an dem Mann noch etwas mehr dran sein muss. Eine Trickfilmsequenz hat uns zuvor gezeigt, wie Chodorkowski, Manager des russischen Ölkonzerns Yukos und Kritiker des damaligen Präsidenten Putin, von schwerbewaffneten Soldaten, die sein Flugzeug stürmen, verhaftet wird.

Diese Sequenz wird später im Film wiederholt, mit vorangestelltem Showdown, der die letzten drei Tage vor der Verhaftung zeigt, und den Helden im Einsatz als Familienvater und Bürgerrechtler, bevor er ins sibirische Gefängnis geworfen wird. Dieses wiederum sehen wir gegen Ende in einer Totalen als dunkles Gebäude mit einem einsam erleuchteten Gitterfenster: Dramaturgisch und rhetorisch bekommt Chodorkowski die Rolle des good guy eindeutiger zugewiesen, als der Film auf inhaltlicher Ebene einlöst. Regisseur Cyril Tuschi berichtet als Ich-Erzähler von der Annäherung an ein Faszinosum und ein menschliches Rätsel: vom ersten Aufschnappen des Namens über die Korrespondenz mit dem Strafgefangenen – aus dessen mit durchaus wirkungsvollem Pathos geschriebenen Briefen ausgiebig zitiert wird – bis zur leibhaftigen Begegnung am Ende. Die Graphic-Novel-artigen Trickfilmsequenzen skizzieren nebenbei die Geschichte einer Wandlung. So sehen wir Chodorkowski wie Dagobert im Gold schwimmen – in Richtung eines Gebäudes mit der verheißungsvollen Aufschrift „Open Russia“, dem Namen einer von ihm gegründeten Stiftung.

Der Fall Chodorkowski 01

Was die über die Dramaturgie erzeugte Parteilichkeit wieder relativiert, ist Tuschis fragender, offener Blick. Anders als etwa ein Michael Moore tritt der Regisseur nicht als Angreifer und Manipulator, sondern als ein Suchender auf, der Fragen stellt statt Thesen aufstellt und der sich zu seiner Ratlosigkeit, seinen Irrtümern und seinen überraschenden Erkenntnissen bekennt. Dies bewirkt, dass der Film den Fall Chodorkowski – den politisch-ökonomischen wie den persönlichen – weniger aufklären als seine Komplexität auffächern will.

Der Fall Chodorkowski 06

Schwierig ist dieser Fall auch deshalb, weil die üblichen (westlichen) Gut-Böse-Koordinaten heillos durcheinander geraten, wenn die Opponenten eines Politkrimis ein autoritärer Staatschef und ein superreicher Unternehmer in einem postsozialistisch gebeutelten Land sind. Inhaftiert wurde der Yukos-Manager 2003 wegen Steuerhinterziehung, später kamen Mordvorwürfe hinzu. Suchte Putin lediglich ein Mittel, um sich eines bedrohlichen Oppositionellen zu entledigen und zugleich sein Unternehmen zu zerschlagen? Oder tat er etwa recht daran, dem mächtigsten der Handvoll Oligarchen, die das Land nach dem Ende der Sowjetunion unter sich aufteilten, das Handwerk zu legen? Wie glaubwürdig ist Chodorkowskis Sprung vom bekennenden Hardcore-Kapitalisten zum politisch und sozial engagierten Oppositionellen? (Dokumentiert durch den optischen Wandel vom schnauzbärtigen Draufgängertypen zum sich sanft und intellektuell gebenden Verantwortungsträger.) Und welche Rolle – diese Frage legt der Film eher nahe, als sie laut zu stellen – spielt Antisemitismus bei dem Schlag gegen den jüdischen Unternehmer, dessen Kollegen im Anschluss zahlreich in Israel Exil finden?

Chodorkowski 02

Ins Mythisch-Persönliche aufgelöst erscheint dieser Konflikt als ein Duell zweier Alphatierchen. Nicht nur die berühmte Fernsehszene, in der Chodorkowski dem Kreml-Chef vor den Augen der Weltöffentlichkeit mehr oder weniger unverblümt Korruption vorwirft – Putins Gesichtsausdruck dazu im Close-up ist durchaus Standoff-tauglich –, auch die Kommentare der deutschen Politiker Gerhard Schröder und Joschka Fischer unterstützen unterschwellig diese Lesart. Der eine spricht lapidar von „men’s business“, der andere verströmt aus jeder Pore das Selbstverständnis, dass die Angelegenheiten von Weltrang in einem ziemlich exklusiven Club geregelt werden, von Männern der Tat unter sich. Verführerisch nahe liegt die „Erzählung von großen Männern“ aber auch schlicht deshalb, weil es sich bei Chodorkowski – dies ist der eine Punkt, bei dem bei allen Befragten Einigkeit besteht – um eine außergewöhnlich charismatische Persönlichkeit handelt.

Chodorkowski 01

Über die Stimmen der zahlreichen Interviewten – Freunden wie Feinden, Familienmitgliedern wie Kollegen – entsteht neben dem widersprüchlichen Porträt der Titelfigur auch ein facettenreiches Porträt des Landes. Ein besonderer Reiz liegt dabei darin, die Meinung der Befragten zu den Schauplätzen, in denen sie befragt werden, in Beziehung zu setzen, zu den sozialen Räumen also, in denen sie sich bewegen und die von Büros hinter Hochhausfassaden und Luxusvillen bis zu einfachen Küchen und schmuddeligen Cafés reichen. Dies erzeugt manchmal reizvolle Spannungen – etwa wenn eine mondäne, in einer Cocktailbar interviewte DJane und Zahnärztin, die Vorstellungen westlicher Urbanität ziemlich genau entspricht, das Aufbauschen des Falls als reine PR-Aktion für einen Schuldigen, der sein Land bestohlen habe, kritisiert. Es ist eine der überraschenden Erkenntnisse des Films, dass Chodorkowski gerade unter seinen jüngeren und gebildeteren Landsleuten keineswegs als ein Oppositioneller, dem Unrecht getan wurde, gesehen wird, sondern zum Teil eine regelrechte Hassfigur ist.

Die Vielstimmigkeit ermöglicht uns bis zum Ende des Films, gleichsam gegenläufig zu seinem Spannungsbogen, zumindest im Ansatz ein Einfühlen und Eindenken in eine innerrussische Perspektive auf den Fall, die von der unseren erheblich abweicht. So sitzt Chodorkowski uns zwar zuletzt im Glaskasten gegenüber, aber wir blicken auf ein vielfarbiges Mosaik.

Trailer zu „Der Fall Chodorkowski“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Yrsa

Generell ist Chodorkowski in unseren Medien nur der "Kremlkritiker", was hierzulande einem Adelsprädikat gleichkommt.

Diese einseitige Berichterstattung ist typisch für die deutsche Presse, die an allem, was aus Russland kommt, kaum ein gutes Haar lässt.

Niemand sprach davon, dass er 2003 dabei war, 40% von Yukos Oil an den amerikanischen Ölkonzern Exxon zu verkaufen. Chodorkowski war dabei, die Filetstücke der russischen Industrie an die westliche Konkurrenz zu verscherbeln.

Verständlich, dass er in der gebildeten russischen Jugend als Dieb und Räuber angesehen wird. Diese Tatsache und die Hintergründe werden in dem Film von Cyril Tuschi leider nur gestreift.

Insgesamt entspricht "Der Fall Chodorkowski" somit mehr einer Hagiografie als einem ehrlichen Dokumentarfilm.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.