Der Duft von Lavendel

Ein junger Pole strandet an der Küste Cornwalls und wird von zwei älteren Damen gefunden, die ihn bei sich aufnehmen. Seine Ankunft ruft bei der empfindsamen Ursula ungewohnte Gefühle hervor.

Der Duft von Lavendel

Die Kamera gleitet an den Felsen des Steinstrands entlang und gibt dann den Blick frei auf zwei ältere Damen, die, gekleidet in zartem Pastellrosé, nebeneinander herschlendern. Dann wird die Bewegung langsamer, ein Moment in Slow Motion, schließlich blickt man auf ein Gemälde, dessen Farben leicht verwischt sind. Das ist die Eingangssequenz von Charles Dances Film Der Duft von Lavendel, die ihn gleichzeitig recht treffend zusammenfasst. Dance, der selber auch erfolgreich als Schauspieler arbeitet, konzentriert sich weniger auf einen dramatischen Plot, sondern inszeniert über weite Strecken ein freundlich-harmloses Porträt zweier älterer Damen, deren geordnetes Leben durcheinander gewirbelt wird.

Die Geschichte vom schiffbrüchigen Andrea (Daniel Brühl), der von den zurückgezogen lebenden Schwestern Ursula (Judi Dench) und Janet (Maggie Smith) gesund gepflegt und in ihre fragile Gemeinschaft aufgenommen wird, ist nicht besonders spannend und neu ist sie auch nicht. Sie fußt auf einem bewährten Muster: Ein Fremder kommt in eine fest geordnete Gemeinschaft und wühlt diese unbewusst alleine durch sein Anderssein auf. Auf einer ganz ähnlichen Struktur hat Philippe Lioret vor kurzem Die Frau des Leuchtturmwärters (L’équipier, 2004) aufgebaut. In Der Duft von Lavendel bringt der junge Pole Andrea vor allem Ursula durcheinander, die in ihm den Mann sieht, den sie sich ihr ganzes Leben gewünscht hat.

Der Duft von Lavendel

Dies alles spielt in Cornwall, der warmen und freundlichen Gegend im Südwesten des britischen Eilands. Und manchmal scheint es, als ob Dance sich von der Schönheit Cornwalls zu sehr hat beflügeln lassen; so idyllisch sind die Bilder, dass sie manchmal doch sehr an Rosamunde Pilcher-Verfilmungen erinnern. Judi Dench resümierte folgerichtig im Interview: „I think the Cornish tourist board will be very pleased.“

Natürlich ist Der Duft von Lavendel keine Pilcher-Verfilmung. Charles Dance legt den Fokus auf die genaue Erkundung der Emotionen seiner Hauptfiguren. Dabei gelingen ihm eindringliche Momente; wenn Judi Denchs Ursula sich ganz zaghaft diesem Jungen öffnet, aus der alten Frau wieder ein Mädchen wird, obwohl sie nicht mehr jung genug ist, um eines zu sein. Der Schmerz der Ablehnung und gleichermaßen die Freude über ungewohnte Berührung kann man in Denchs Augen oder ihrer Art zu lächeln lesen. Sie ist die eigentliche Hauptperson dieses Melodramas. Aber Szenen dieser Intensität sind eher selten.

Der Duft von Lavendel

Mit den beiden Hauptdarstellerinnen, Maggie Smith und Judi Dench, hat Charles Dance zwei exzeptionelle Schauspielerinnen vor der Kamera, die mit einer Handbewegung, mit einem Blick die Gefühle, auch die unterdrückten, sichtbar machen. Smith und Dench, die beide im letzten Jahr 70 wurden, gehören zu dieser besonderen Klasse britischer Schauspielerinnen mit einer unglaublichen Bandbreite mimischer Ausdrucksmöglichkeiten, die sie im Laufe ihrer Karriere mal mit mehr, mal mit weniger guten Regisseuren unter Beweis gestellt haben. Die „Dames“, beide sind von der Queen inzwischen mit diesem Titel – dem weiblichen Pendant zum „Sir“ – bedacht worden, kennen sich lange, haben häufiger miteinander gedreht, sei es in Franco Zeffirellis rührseligem Tee mit Mussolini (Tea with Mussolini, 1999) oder James Ivorys brillanter E.M. Forster-Verfilmung Zimmer mit Aussicht (A Room with a View, 1985).

Aber auch das Zusammenspiel dieser beiden großen Miminnen rettet den Film nicht. Der Duft von Lavendel tritt auf der Stelle, schwelgt in Illustrationen britischen Landlebens der Dreißiger, verharrt in konservativer Bildsprache. Dabei verliert Regisseur Charles Dance die Entwicklung seiner Geschichte ebenso wie die seiner Figuren aus dem Blick. Es scheint so, als ob er sich selber nicht sicher sei, auf welche der Charaktere er den Fokus legen möchte. Mit Ausnahme der Szenen, in denen Judi Denchs Ursula ihre Gefühle offenbaren darf, plätschert der Film ohne nennenswerte Höhepunkte vor sich hin und vermag es ebenso wenig Interesse für den Ausgang der Geschichte zu wecken. Was bleibt, ist das Gefühl, sich ein schönes Porträt angesehen zu haben: interessante Gesichter, schöne Natur im Hintergrund, aber alles ein wenig statisch.

Kommentare


Roger

Der deutsche Titel liegt aber extrem daneben - es geht in keiner Szene um Lavendel. Nur die Damen tragen am Anfang und am Ende Kleider, deren Muster entfernt Lavendelfarben ist. Daher der englische Titel "Ladies in Lavender". Es ist geradezu ein Zeichen, dass das alte Leben jetzt weitergeht. Vermutlich hat der Autor des deutschen Titels keine Minute des Films gesehen.


Tanja

Ich war eigentlich immer auf den Ausgang hin fixiert.Ist Olga eine Spionin,die dem
Geiger etwas vorlügt und ihn in Gefangenschaft bringt?
Als er dann rührend sein Geigenspiel in der BBC zeigte und den älteren Schwestern
das Päckchen schickte,war das schönste am Film.So ein künstlerisches Talent braucht Förderung,zum Glück ist es in diesem Film so ausgegangen.Leider war die Spannung extrem bis zum erleichternden Schluß.


Martin Z.

Ein zauberhafter Film, zum Niederknien schön. Eingebettet in die malerische Landschaft von Cornwall gibt es nicht viel Handlung, dafür aber viel Gefühl und Witz. Von dem hochkarätig besetzten Ensemble möchte ich nur Judy Dench hervorheben, die in umwerfend ergreifender Weise die alte Dame gibt, die sich im hohen Alter in den jungen Polen verliebt. Sie spielt das mit so viel Schamhaftigkeit und inneren Tumulten, wie der aufgewühlte Atlantik. Man sieht wie sie mit allem, was eigentlich gegen eine solche unerfüllbare Liebe spricht, kämpft und doch Haltung bewahrt. Es sind fein dosierte, echte, tiefe menschliche Emotionen, die sie auf die Leinwand bringt. Dabei ist es nie kitschig. Charles Dance, der bis dato nur vor der Kamera stand, ist ein Jahrhundertwerk gelungen.
Der lyrische Titel weist auf den bevorzugten Duft vornehmer, älterer Damen hin, die eigentlich jenseits der feurigen Liebe leben. Und dann noch die virtuose Musik von Joshua Bell, die einem beim Abschlusskonzert zum Taschentuch greifen lässt.






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