Der Diktator

Vom Führertum zum Fäkalhumor ist es ein kleiner Schritt. Sacha Baron Cohen spielt den ultimativen Diktator.

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Zu viel Macht, zu viel Geld, viel zu viel Ego und Ideologie – ein Diktator ist an sich schon die perfekte Witzfigur, an ihm ist einfach alles ein Zuviel. Dazu kommt das militärische Potenz-Tamtam, das oft exzentrische Aussehen, das überlebensgroße Propagandabemühen. Und die Gewalt gegen das eigene Volk wie gegen andere Nationen. Denn zum Narzissmus gehört auch die Brutalität – der Diktator ist zwar lachhaft, aber seine Morde sind echt. Trotzdem ist er nicht unbedingt der Aussätzige des Weltgeschehens, sondern jemand, mit dem die Staatschefs der sogenannten westlichen Demokratien durchaus Geschäfte machen (Waffen, Öl, „Stabilisierung“ einer unruhigen Region) und vor Kameras Hände schütteln, solange es politisch und wirtschaftlich opportun erscheint. So wie einst bei Muammar al-Gaddafi oder Saddam Hussein. In der Figur des Alleinherrschers steckt also reichlich Potenzial für bissige Satire und todtraurige Komik. Oder für Peniswitze. Zumindest bei Sacha Baron Cohen, der in seinem neuen Spielfilm Der Diktator ist.

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„In liebender Erinnerung an Kim Jong-Il“, mit dieser vielversprechenden Widmung geht es los. Gleich darauf stellt sich General-Admiral Aladeen (Sacha Baron Cohen) mit einer Sexszene vor: „Jetzt hast du Herpes!“ Aladeen ist Potentat des fiktiven afrikanischen Staates Wadiya. Er trägt nicht nur 68 Medaillen, 118 Doktortitel und die Barttracht von Osama bin Laden, er ist auch dreimaliger Gewinner der Sendung „Wadiya’s Next Top Model“. Und natürlich verachtet er Frauen, Juden, Schwarze etc. und bastelt an einem Atomprogramm. Als Aladeen nach New York reist, um vor den Vereinten Nationen eine sterbenslange Rede zu halten (schon Hitler und Fidel Castro waren Marathon-Monologisierer), fällt er einem Komplott seines ebenfalls machthungrigen Onkels (Ben Kingsley) zum Opfer. Nun muss sich der kaltgestellte Diktator durch die amerikanische Großstadt schlagen, wo er auf Veganer, Behinderte und Frauen mit Achselhaar trifft. Und dann noch auf die Liebe.

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Nach Ali G (Ali G in da House; 2002), Borat (Borat – Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen; 2006) und Brüno (Brüno; 2009) ist Diktator Aladeen die vierte Kunstfigur Baron Cohens, die ihren eigenen Kinofilm erhält. Regie führte, wie schon die letzten beiden Male, Larry Charles. Das Moment des Fremdschämens und auch des blanken Entsetzens, das sich noch in den Mockumentaries um Borat und Brüno einstellte, wenn bei ganz „normalen“ Menschen im Gespräch vor der Kamera Alltagsrassismus, Homophobie und Judenhass durchbrachen, fällt bei Der Diktator (The Dictator) weg. Der Film ist – diesmal mit hohen Produktionswerten und einigen Gaststars – komplett inszeniert. Darum ist er zwar lustig, tut aber gar nicht mehr weh. Außer man mag sich in diesem Zusammenhang über Abtreibungswitze, Sex mit Leichenteilen und Fäkalpointen empören. Für Freundinnen und Freunde des Vulgären, Obszönen und allgemein der transgressiven Komödie hat Der Diktator dafür einige einprägsame Szenen zu bieten. Wie sich Aladeen und Ökoladenbesitzerin Zoey (Anna Faris) während der spontanen Geburtshilfe über dem weit geöffneten Muttermund verlieben, das hat all die Größe des schlechten Geschmacks.

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Man darf in Der Diktator also hauptsächlich pubertäre Freuden ausleben und keine allzu scharfe Polit-Satire erwarten, auch wenn Letztere immer mitschwingt. Schließlich kriegen alle ihr Fett weg, ob nun Israelhasser und Ökofaschisten, fundamentalistische Folterstaaten und opportunistische Demokratien oder die Vereinten Nationen und die USA in Zeiten von Guantanamo und Fox News. Die Analogie des Titels zu Charlie Chaplins Der große Diktator (The Great Dictator; 1940) bezieht sich eher auf das reine Verwechslungsspiel und die entsprechenden Bart-Gags, eine offensiv moralische Position will Sacha Baron Cohen durch seine Extrem-Charaktere ja gerade nicht vertreten. Seine Figuren sind die stets gutgelaunten Spiegel der gesellschaftlichen Bigotterie. Da gehört der entblößte Penis mit dazu. Was allerdings so richtig, richtig witzig gewesen wäre: Wenn die Kunstfigur Aladeen wie zuvor Borat und Brüno auch in der realen Welt die Identitäten durcheinanderwirbeln könnte: beim Staatsbesuch in China. Schulterklopfen mit Assad. Ein paar deutsche Atom-U-Boote shoppen. Aber das wäre dann wirklich Politik.

Trailer zu „Der Diktator“


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Kommentare


Hannes

Zum schreien komisch - zumindest wenn mann diese Art von Humor mag.....


Markus

Wer auf diese Art von Humor steht, der kommt voll und ganz auf seine Kosten !






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